Elterntaxis – Eine Gefahr für die Schulwegsicherheit

08. Mai 2018 08:20 von Paul Widrig

Wildes Parken, hektisches Aussteigen und waghalsige Wendemanöver – vor vielen Schulen herrscht morgens und mittags Verkehrschaos. In der Stadt St.Gallen wollen Eltern, Schulleitungen und die Stadtpolizei St.Gallen Elterntaxis vor Schulen eindämmen. Auch aus Sicherheitsgründen für die Kinder.

Morgens, um 7:20 Uhr, auf der Oberhaldenstrasse im Quartier St.Fiden-Neudorf. Es ist ein herrlicher Frühlingstag, die Blumen spriessen und überall hört man die Vögel zwitschern. In diesem Konzert von Vogelgezwitscher hört man lachende, schwatzende und singende Kinder. Sie sind auf dem Weg zur Schule.

Vor wenigen Minuten fuhren in der ruhigen Wohnstrasse nur wenige Autos. Doch jetzt bildet sich auf der Oberhaldenstrasse ein Autokonvoi in Richtung Primarschule Halden. Ein Personenwagen reiht sich an den anderen. Immer morgens, immer mittags, an jedem Schultag, kurz bevor in der Primarschule Halden der Schulunterricht beginnt.

Ich mache die Eltern auf die Gefahrensituation aufmerksam.

Ich mache die Eltern auf die Gefahrensituation aufmerksam.

Heute habe ich mir vorgenommen, eine Schulwegüberwachung auf der Oberhaldenstrasse durchzuführen. Diese führe ich aufgrund von vermehrten Reklamationen aus der Bevölkerung durch. An der Oberhaldenstrasse sind, wie auch an vielen anderen Orten, die Elterntaxis, welche die Kinder bis vor den Eingang der Schule fahren, das Problem. Schon lange ist dieses Verhalten bei Anwohnenden und denjenigen Eltern, dessen Kinder nicht mit dem Auto zur Schule gefahren werden, ein Dorn im Auge. „Schlimm ist das! Ganz schlimm!“, sagt eine Mutter, die ihr Velo schiebt und mehrere Kinder zu Fuss begleitet. „Ich hab immer vier, fünf Kinder morgens dabei, die gehören nicht alle zu mir.“
                                                                                                                                                                                                                 
Bei der heutigen Schulwegüberwachung kontrolliere ich auch, ob die Kinder unterwegs im Auto gesichert sind und wo die Eltern die Kinder im Kurvenbereich vor dem Schulhaus rauslassen. Denn auf der engen Zufahrtsstrasse könnte es gerade im Kurvenbereich vor dem Schulhaus gefährlich werden für die Kinder. Deshalb stoppe ich auf der Oberhaldenstrasse die Autos nacheinander. Die Fahrerinnen und Fahrer lassen die Seitenfenster bei ihrem Fahrzeug runter. „Grüezi, guete Morge! I mach ä Schulwegsüberwachung". Zwei Kinder sitzen im Kindersitz, beide sind angeschnallt. „Guet, isch alles okay! I wünsch Ihne än schöne Tag – uf Wiedersehe!“

Spätestens beim Anblick von mir – ich trage die orange, leuchtende Verkehrsweste – verhalten sich die Eltern vorschriftsgemäss, wer hinten in der Kolonne steht, schnallt noch schnell sein Kind an – oder lässt es früher aussteigen. Dabei müssten viele Eltern gar nicht fahren. Erfahrungsgemäss werden meistens Kinder zur Schule und in den Kindergarten gebracht, die gerade nicht einmal ein Kilometer von der Schule entfernt wohnen. Sie könnten problemlos alleine oder mit den Eltern zu Fuss gehen.

Teils Eltern fürchten sich um die Sicherheit ihrer Kinder auf dem Schulweg. Der Tatsache, dass die Sicherheit vieler anderer Kinder durch die Elterntaxis stark gefährdet wird, wird oft nicht genug Rechnung getragen. Denn durch das wilde Parkieren, das hektische Aussteigenlassen und schnelle Wendemanöver entstehen chaotische Situationen, die die Kinder in Gefahr bringen können.

Regelmässige Kontrollen sollen die Elterntaxis eindämmen.

Regelmässige Kontrollen sollen die Elterntaxis eindämmen.

Unser eigentliches Ziel ist es aber natürlich, dass die Kinder gar nicht erst mit dem Auto in die Schule gefahren werden, sondern wertvolle Erfahrungen auf dem Schulweg sammeln können – und nicht auf eine gefährliche Verkehrssituation vor ihrem Schulhaus treffen müssen.

Die Stadt St.Gallen hat das Problem der Elterntaxis bei den Schulen erkannt und in den Medien mehrmals thematisiert. Der Versuch, ein so genannter „Pedibus“ in Rotmonten und in St. Georgen einzurichten, von wo aus Kinder unter Elternleitung zusammen loslaufen können, ist früh gescheitert. Nur wenige Eltern waren bereit, einen Dienst für den Pedibus zu übernehmen.

Der Pedibus musste schnell kapitulieren.

Der Pedibus musste schnell kapitulieren.

Schulleiterin Annina Fricker sagt: „Wir hatten schon so viele Aktionen. Es sind auch Eltern durch die Stadtpolizei verwarnt bzw. gebüsst worden, weil sie falsch auf der Strasse parkierten, weil sie ihre Kinder nicht angeschnallt hatten, weil, weil, weil,…, aber es hat nicht die gewünschte Reaktion gebracht, die wir uns von der Primarschule Halden erhofft hatten.“

Was fehlt, ist offenbar das Vertrauen vieler Eltern in die Fähigkeit ihrer Kinder. Dass es aber auch anders geht, zeigt der 9-jährige Thomas: „Am ersten Schultag wurde ich noch zur Schule gefahren, aber ab meinem zweiten Schultag musste ich laufen. Ich find es auch gut, so ein wenig frische Luft zu schnappen.“ Ein paar Meter weiter vorne sind seine beiden Freunde: „Wir gehen immer zu Fuss in die Schule.“ Und warum lassen viele Eltern ihre Kinder nicht gehen? Die Beiden erklären: „Also, die Eltern haben Angst.. Dass uns was passiert oder sowas.“ Ich erläutere den Kindern: „Wenn man in Gruppen geht, dann passiert meistens nichts.“

Mein Eindruck von der heutigen Situation zeigt mir, dass diejenigen Kinder, die zu Fuss unterwegs sind, ihren Schulweg sehr vorbildlich bewältigen. Die Kinder wissen nämlich genau, was sie zu tun und zu lassen haben. Ausserdem hat es viele Vorteile, die Kinder fit für den Schulweg zu machen und ihnen nicht alle Wege abzunehmen. Diese Botschaft möchten Polizei, Schulleitung und Stadt den Eltern mitgeben. Meine Bilanz nach der heutigen Verkehrssituation: Es war nicht das Chaos, das wir sonst haben. Wir hoffen, dass dies nachhaltig ist. Aber das wird die Zukunft zeigen.

 „Ich hoffe sehr, dass es mir gelingt, den Eltern den Mehrwert des Schulwegs aufzuzeigen. Dass sie den Mut und Vertrauen haben, die Kinder gehen zu lassen und sich dazu genügend Zeit einräumen“ , sagt die Schulleiterin Annina Fricker. Und das Gleiche hoffen auch ich und natürlich meine Kollegen der Stadtpolizei.

 

Paul Widrig
Quartierpolizist Grossacker/Krontal/Neudorf


 








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