Jaqueline Wenger, Gesellschaftsfragen
Jacqueline Wenger liebt die Herausforderung. Mit 39 Jahren entschloss sich die Mutter von vier Kindern dazu, die Zweitweg Matura zu machen und zu studieren. Ein nicht alltäglicher Weg.
Dass Jacqueline die Herausforderung liebt, zeigt sich bereits an der Episode, die sie aus dem Beginn ihrer beruflichen Laufbahn erzählt. Damals gelang es ihr, als Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin im Sonderschulheim in Fischigen, junge Männer fürs Stricken zu begeistern. Die Jugendlichen machten ihr von Anfang an klar, dass Handarbeit nichts für sie sei. Als sie dann aber ein Jeans-Gilet mit ACDC-Applikationen nähen durften, reizte sie auf einmal sogar die Aussicht, einen Pullover selbst zu stricken.
Eine berufliche Veränderung brachte Jacqueline nach Rorschach, wo sie an der öffentlichen Sonderschule Klassen unterschiedlicher Stufen unterrichtete sowie junge Frauen im 10. Schuljahr bei der Absolvierung eines Haushalts-Praktikums unterstützte. In diese Zeit fiel auch die Heirat mit Stephan Wenger und die Geburt der ersten Tochter.
Nicht nur Familienfrau
Der Stellenwechsel ihres Mannes in den Kanton Bern brachte die junge Familie nach Gümmenen, wo das zweite Kind geboren wurde. Es war schwierig, in diesem abgelegenen Wohnort neue Kontakte zu knüpfen. Deshalb kehrten sie gerne wieder nach St.Gallen zurück, als Stephan die Chance bekam, eine Stelle bei der Stadt anzutreten. Jacqueline stieg wieder ins Berufsleben ein, als ihre vierte und jüngste Tochter drei Jahre alt war. Mit Begeisterung arbeitete sie im Genossenschaftsladen (heute Stadtladen) und wirkte bei der Vergrösserung des Geschäftes mit. Die Entscheidung die Stelle aufzugeben, fiel nicht leicht, stand sie doch mit Überzeugung hinter dem Konzept des Ladens und die Arbeit sowie der Umgang mit den Kunden empfand sie als interessant und bereichernd. Die Neuausrichtung des Ladens auf ein breiteres Publikum brachte den gewünschten Erfolg. Dies forderte aber auch einen höheren Arbeitseinsatz, der sich mit den Aufgaben in der Familie nur schwer vereinbaren liess.
Matura geht auch später
Mit Unterstützung einer Supervision machte sich Jacqueline Gedanken über ihre berufliche Zukunft. Dabei stellte sie fest, dass für alles, was sie reizte, eine Matura nötig war. Was würde ihr Mann wohl zu ihren Plänen sagen? Dieser wischte die Zweifel vom Tisch und unterstütze sie von Anfang an in ihrem Vorhaben. Und so kam es, dass Jacqueline die Matura zu der Zeit nachholte, in der ihre jüngste Tochter in den Kindergarten kam und während sie die Matura abschloss, kam ihre älteste Tochter an die Kantonsschule.
Da ihr Interesse für Sprache und Literatur schon immer gross war, entschied sich Jacqueline dafür, in diesem Bereich ihre Maturaarbeit zu verfassen. Die Lebensgeschichte von Hilde Domin, welche spät zum Gedichte schreiben gekommen war, beeindruckte sie sehr. Denn trotz des schwierigen Lebensweges verstand es die Schriftstellerin, ihre Geschichte in ihren Gedichten versöhnlich darzustellen. Jacqueline besuchte Hilde Domin persönlich in Heidelberg. Zu diesem Zeitpunkt war die Schriftstellerin bereits über 90 Jahre alt.
Energie richtig einteilen
Für die Universität Fribourg, wo sie Politikwissenschaft im Hauptfach sowie Islamwissenschaft und vergleichende Religionswissenschaft im Nebenfach studierte, entschied sich Jacqueline, weil die Uni ein Programm 30plus anbot. Sie empfand es als bereichernd, mit Studierenden ganz unterschiedlichen Alters den Austausch zu pflegen.
Doch wie hat sie das alles geschafft und dem Druck standgehalten? «Ich musste meine Ängste vor dem Versagen überwinden und den Perfektionismus ablegen, sowohl in Bezug auf die Schule und Studium wie auch auf die Familie. Die Energie musste an den wichtigen Orten investiert und Abstriche in Kauf genommen werden. Und ich habe stets auf die Unterstützung der Familie zählen können.»
Politik – ein Familienthema
Die Wengers sind politisch engagiert. So haben sie auch das politische Interesse ihrer Töchter schon früh gefördert. Aufgrund der Tätigkeit Stephan Wengers als Sekretär des Stimmbüros waren alle vier Töchter Stimmenzählerinnen. Die Älteste studierte Politikwissenschaft, die zweite Erziehungswissenschaft. Das sorgt heute für einen spannenden Austausch in der Familie, denn Jacqueline und ihre Töchter sind auf allen drei Staatsebenen Stadt – Kanton – Bund tätig.
Ihr beruflicher Weg führte Jacqueline nach dem Studium von der Benevol Fachstelle für Freiwilligenarbeit über das Amt für Soziales beim Kanton, wo sie in der Abteilung Familie und Sozialhilfe tätig war. Nebenbei absolvierte sie eine Weiterbildung in Projektmanagement in Zürich und einen CAS Lebensgeschichte und Biographiearbeit an der Uni Fribourg.
Gesellschaft bewegen
Für ihre jetzigen Aufgabe bei der Dienststelle Gesellschaftsfragen befasst sich Jaqueline Wenger mit allgemeinen Alters- und Behindertenfragen. Dazu steht sie im Austausch mit Mitgliedern des Seniorenrats und schlägt Brücken zu unterschiedlichsten Fachstellen im Bereich Alter und Behinderung. Ein spannendes Projekt ist die Umsetzung der Altersstrategie. Dabei geht es darum, Rahmenbedingungen für eine gute Lebensqualität im Alter zu schaffen und Massnahmen zu erarbeiten, damit die Menschen möglichst lange zu Hause leben können. Die Altersstrategie wurde im Herbst 2020 in Partizipation mit der älteren Bevölkerung, speziellen Anspruchsgruppen, den relevanten Fachstellen und Institutionen sowie den beteiligten Dienststellen erarbeitet. Im Sommer 2021 wurde die Strategie vom Stadtrat verabschiedet.
Sankt Engagiert
Auch die Freiwilligenarbeit ist in der jetzigen Funktion wieder ein Thema: Jacqueline ist für den Prix Benevol zuständig, der bei der Stadt alle vier Jahre an Organisationen oder Vereine vergeben wird, die sich für Freiwilligenarbeit stark machen. In ihrer früheren Tätigkeit bei Benevol war sie für die Lancierung des Prix Benevol in den Gemeinden zuständig. Über ihre Tätigkeit sagt sie: «Es ist spannend zu erleben, wie nah Demokratie ist und ich schätze die Möglichkeit, Vorstösse zu bearbeiten und je nach Thematik mit anderen Dienststellen zusammen zu arbeiten.» Freude bereitete ihr im Zusammenhang mit der Preisverleihung des Prix Benevol 2021 auch die Mitarbeit für die Lancierung des Sankt Engagiert-Klebers, der die Reihe der Sankt-Aufkleber der St.Galler Imagekampagne erweitert.
Es bleibt auch freie Zeit
Einen Ausgleich zur Arbeit findet Jacqueline im Cello spielen, beim Reiten und beim Rad fahren. Bewundernswert ist, dass die sechsköpfige Familie ihren Alltag stets ohne Auto gemeistert hat. Als die jüngste Tochter etwa vier Jahre alt war, reiste die Familie während drei Wochen mit Zug, Bus und Zelt durch Galizien. Ein Zeichen mehr dafür, dass Jacqueline Wenger die Herausforderung liebt.
