In der grossen Halle der Fernwärmezentrale Lukasmühle ist es wohlig warm und leise. Die Anlage ist bereits auf dem Weg in den Sommerschlaf. Die zwei riesigen Heizkessel in der Eingangshalle, die zur Wärmeerzeugung genutzt werden, stehen still und strahlen noch etwas Restwärme ab. Die strengen Wintermonate sind vorbei und der Bedarf an Wärme ist nur noch klein. Die Fernwärmezentrale Lukasmühle dient als Drehscheibe für die Verteilung der Wärme im Osten der Stadt. Sie produziert Wärme fürs Fernwärmenetz und speichert diese in Zeiten mit geringem Bedarf, um sie während Spitzenlastzeiten wieder abgeben zu können. So trägt sie zur Versorgungssicherheit bei. Im letzten Winter hat sie bereits unzählige Wohnungen und Büroräumlichkeiten mit Wärme versorgt.
Von Tetrisspielen, Altlasten und Sorgenfalten
Michael Stang von den St.Galler Stadtwerken schaut regelmässig bei seiner Fernwärmezentrale an der Lukasstrasse vorbei. Er ist zuständig für die Planung und Realisierung. Er betreute das Projekt von der ersten Projektidee an bis heute und kennt die Anlage wie seine Westentasche. Nach zweijähriger Bauphase konnten die technischen Anlagen im November 2021 in Betrieb genommen werden. Die Planung und der Bau waren eine grosse Herausforderung. Eine solche Anlage würde grundsätzlich eine doppelt so grosse Fläche in Anspruch nehmen, erklärt Michael Stang, während er sich zwischen zwei Leitungen zwängt und eine Anzeige abliest. Das Gebäude steht am Rande des Quartiers Heiligkreuz, eingekesselt zwischen den Bahngleisen, dem Sportplatz und einer Durchgangsstrasse. Der Baugrund war beschränkt und so mussten die St.Galler Stadtwerke aus dem vorhandenen Platz das Maximum herausholen und in die Tiefe sowie in die Höhe bauen.
Als Michael Stang die ersten Pläne vom Architekten, Stahlbauplaner, Lüftungsplaner, Heizungsplaner, Elektrotechniker und vom Leitungsbauer zugeschickt bekam und übereinanderlegte, wurden ihm mehr als 500 Kollisionspunkte angezeigt. Es habe sich angefühlt wie beim Tetrisspielen. Erschwerend kam dazu, dass sich nach Baubeginn herausstellte, dass sich im Boden Altlasten befanden und unbekannte Leitungen zum Vorschein kamen. Umso grösser war die Erleichterung, als die Anlage im November 2021 ihren Betrieb aufnehmen konnte. Heute blickt Michael Stang stolz zurück und die Sorgenfalten sind verschwunden.
Wichtiges Puzzleteil der Wärmeversorgungsstrategie
Michael Stang arbeitet seit vierzehn Jahren bei den Stadtwerken und kümmert sich um den Themenbereich Fernwärme. Er war bereits bei der Erstellung der Fernwärmezentrale Waldau dabei und konnte beim Bau der neuen Anlage von seinem grossen Erfahrungsschatz profitieren. Die Fernwärmezentrale Lukasmühle ist die grösste Anlage der Stadt. Die zwei Spitzen- und Redundanzlastkessel zur Wärmeerzeugung sowie die zwei Blockheizkraftwerke zur kombinierten Wärme- und Elektrizitätserzeugung weisen eine Gesamtleistung von 73 Megawatt auf. Seit der Inbetriebnahme haben die Heizkessel sowie die Blockheizkraftwerke schon 800-1000 Stunden auf dem Zähler und den Härtetest bestanden.
Gesteuert und betrieben wird die Anlage vollautomatisch von extern. Vor Ort ist nur Personal für den Unterhalt der Anlage nötig. Michael Stang versichert, dass die Anlage im Notfall auch von Hand betrieben werden könne. So stellen die Stadtwerke sicher, dass die Zentrale auch in einer Bedrohungslage die nötige Wärme und Energie liefern kann. Betrieben werden die Heizkessel mit Gas. In der aktuellen weltpolitischen Lage sorgt das für viele gesellschaftliche und politische Diskussionen. Michael Stang findet die kritischen Fragen berechtigt und macht kein Geheimnis daraus, dass das Fernwärmenetz heute mit 25 Prozent fossiler Energie betrieben wird. Er sehe das Glas jedoch dreiviertel voll und nicht ein Viertel leer. Oft werden Ölheizungen durch Fernwärmeanschlüsse ersetzt. So stamme die Energie nicht mehr zu 100 Prozent aus fossilen Quellen, sondern nur noch zu 25 Prozent. Das sei immerhin eine Steigerung an erneuerbarer Energie von 75 Prozent. Der CO2-freie Betrieb des Fernwärmenetzes sei zukünftig jedoch das klare Ziel, hält Stang fest.
