Marcel Thoma, Leiter Dienststelle Sport
Von der Notwendigkeit des Laufens
Marcel Thoma trifft man auf der Leichtathletikanlage Neudorf. Hier hat er Heimspiel. Hier kennt er jedes morsche Brett der mittlerweile in die Jahre gekommenen Tribüne, jede Unebenheit des Rasenspielfelds, jeden Zentimeter der Rundbahn. Ab 2009 war er während Jahren Leiter des damaligen Sportamts und damit auch zuständig für die Anlage im Osten der Stadt. Seit noch längerer Zeit ist die Sportanlage auch seine private Trainingsbasis. Täglich, jahrein, jahraus, bei Wind und Wetter, wenn der grosse Rest der Stadt noch schläft und der Tag erst langsam erwacht, spult er Runde um Runde auf dem roten Tartanbelag ab.
Ein Leben für den Sport
Wer sich von den roten Joggingschuhen, der Finisher-Jacke und der typischen Statur eines Ausdauersportlers noch nicht hat überzeugen lassen, der weiss spätestens, wenn Marcel Thoma vom Sport zu sprechen beginnt, dass er es ernst meint. Marcel Thoma lebt Sport. Sport ist dabei für ihn mehr als nur körperliche Betätigung. Sport ist für ihn auch ein Phänomen, das die Macht hat, Menschen zu begeistern und zusammenzubringen. Gerade in seiner jetzigen Funktion als Leiter der Dienststelle Sport nimmt dieser Aspekt des Sports als universelle Währung eine zentrale Rolle ein. Es ist seine Mission, die Stadt mit Sport in allen Facetten zu bereichern – zum Nutzen der Stadt und auch als Werbung für die Sportarten selbst.
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die inklusive und verständigende Kraft von sportlicher Betätigung. Dafür steht sein Einsatz in diversen Verbänden, Interessengemeinschaften und Trainingsgruppen. Und dass etwa in diesen Tagen die Special Olympics National Summer Games in St.Gallen stattfinden, ist ihm, nicht zuletzt aus familiären Gründen, eine Herzensangelegenheit.
Hobby mit Suchtpotenzial
Am Sportanlass selbst findet man Marcel Thoma – wenn er denn wählen kann – nicht beim Apéro der geladenen Gäste, sondern so nah wie möglich am Geschehen. Sport ist für ihn eine Erfahrung mit allen Sinnen – Ästhetik und Freude über die Leistung. Was für andere nach Entbehrung und Disziplin, ja gar Tortur tönt, hat für ihn denn auch das Potenzial zur Sucht. Allein, noch im Dunkeln, ungestört seine Runden zu drehen, sich ganz in der körperlichen Erfahrung zu vergessen: Einige Kilometer werden so auch frühmorgens schnell zu unzähligen. Gleichzeitig hat seine Ausdauer Programm. Das Schneller-Höher-Weiter, das Ausloten der eigenen Grenzen, gehört für ihn ebenso zur Erfahrung der sportlichen Betätigung.
Auch nach all den Jahren ist es ihm nicht gelungen, vom «ambitionierten Breitensportler», wie er sich selbst nicht ohne Understatement bezeichnet, zum «Genussläufer» zu werden. Zwar schwärmt Marcel Thoma von den überwältigenden Sinneseindrücken, von der Euphorie, durch die Städte der Welt zu rennen. Trotz allem zählt für ihn aber, was zum Schluss «auf dem Zettel» steht. Im Jahr 2018, im Alter von 59 Jahren, komplettierte er mit dem New York Marathon die in Laufkreisen renommierten «Six Stars» der «World Marathon Majors», der weltweit wichtigsten Städtemarathons. Es war sein insgesamt zwanzigster Marathon. Hinter dieser beeindruckenden Zahl stehen tägliches, akribisches Training, und in der Vorbereitung auf den Ernsteinsatz jeweils mehrere Langstreckenläufe. Einen Marathon auch im Alter von 55 Jahren noch unter der magischen Marke von drei Stunden zu laufen, will verdient sein.
Dabei hilft es natürlich, wenn man quasi zum Ausdauersportler geboren wird. Im beschaulichen Amden hoch über dem Walensee aufgewachsen, war klein Marcel zwar aktiv im alpinen Skiclub. Gleichzeitig bedauerte er es aber bereits als Kind, dass es im Dorf keinen Langlaufverein gab. Als «Jufli» brauchte er damals wie heute die ausdauernde sportliche Betätigung, um funktionieren zu können. Ausdauersport hat ihn denn auch während seiner gesamten Karriere als wichtigste Nebensache und Ausgleich begleitet: als Offizier der Schweizer Armee, als Programmierer und Analyst bei der damaligen Swissair, als Polizeioffizier bei der Stadtpolizei St.Gallen und schliesslich als Leiter des Sportamts bzw. der Dienststelle Sport. Das Laufen hat es Marcel Thoma immer erlaubt, sich auf anderes zu konzentrieren, bewusst abzuschalten.
Der Einzelkämpfer als Familienmensch
Das Bild des Ausdauersportlers als Einzelgänger, der sich über lange Kilometer und Stunden gezwungenermassen mit sich selbst beschäftigt, trifft für Marcel Thoma dennoch nur teilweise zu. Zwar erzählt er von mystischen Erfahrungen, wenn er von der Einsamkeit und der Ruhe seiner Trainings spricht, etwa wenn er in aller Herrgottsfrühe auf dem Klosterhof als einzige Seele weit und breit seine Spuren in den unberührten Neuschnee setzen kann. Richtig ins Schwärmen kommt er aber, wenn er über die Menschen spricht, mit denen er seine Leidenschaft teilen kann – allen voran seine Familie. Sein elfter Marathon, in Prag, war gleichzeitig der erste seines Sohnes. Dieser hatte vorgeschlagen, die weltweit wichtigsten Marathons zusammen unter die Füsse zu nehmen. Und weil der Marathon am Muttertag stattfand, machte sich schliesslich die ganze Familie auf den Weg in die Tschechische Republik. Die sportlichen Exploits von Vater und Sohn wurden so in der Folge zu Ferienreisen der gesamten, fünfköpfigen Familie.
In den kommenden Jahren möchte Marcel Thoma wettkampfmässig etwas «tiefer stapeln». Als nächstes Ziel hat er sich deshalb den «Brooklyn Half» Halbmarathon in New York im Mai 2023 gesetzt. Als Vorbild dient ihm dabei sein ehemaliger Trainingsleiter, der auch im Alter von 75 Jahren noch ambitioniert läuft. Angesprochen auf seine künftigen Pläne spricht er denn auch wie selbstverständlich von der «Notwendigkeit des Laufens». Marcel Thoma wird damit auch in Zukunft täglich im Neudorf seine Runden ziehen.
