Es ist ruhig und der Jahreszeit entsprechend noch frisch auf dem Kinderfestplatz hoch über der Stadt. Noch lässt sich kaum erahnen, dass hier auf der grossen Wiese auf dem Rosenberg an einem Sommertag zwischen Ende Mai und Ende Juni – je nachdem, wann das Wetter mitspielt – rund 5'000 Schülerinnen und Schüler und über 30'000 Gäste bei ausgelassener Stimmung ein unvergessliches Fest feiern werden. Einsam steht auf dem Kinderfestplatz ein einzelnes rot-weisses Stoffdach. Es ist ein Vorbote im St.Galler Vorfrühling, ein Probedach, stellvertretend für die rund sechs Kilometer Stoffbahnen, die Gross und Klein am Festtag bei garantiert wolkenlosem Himmel willkommenen Schatten spenden und den Festplatz in seine charakteristischen Farben hüllen werden.
Fast sechs Jahre unbenutzt
Noch schlummern die Stoffbahnen zusammen mit Tonnen an weiterem Material für die temporäre Infrastruktur für das Kinderfest in zwei Scheunen auf dem Kinderfestplatz. Nachdem der alle drei Jahre stattfindende Grossanlass im Jahr 2021 aufgrund der unsicheren Lage infolge der Coronapandemie hatte abgesagt werden müssen, lagert das Material nun schon seit fast sechs Jahren unbenutzt. Nun, rechtzeitig für das 200-Jahr-Jubliäum des Kinderfests, soll es pünktlich wieder zum Einsatz kommen. Aus seinem Dornröschenschlaf geweckt hat es Susann Adolph, die für das Jubiläum erstmals die bauliche Infrastruktur des Kinderfests verantwortet.
Die Herausforderung liegt in der Vielfalt und Komplexität der Organisation, darin, alle notwendigen Schnittstellen und Personen auf den Schirm zu bekommen und zu orchestrieren.
Bei Adolph, die sonst im Hochbauamt für die städtischen Schulen und Kindergärten das Bauliche plant, laufen die Fäden für die Bauarbeiten des Grossanlasses zusammen. Sie kümmert sich um ein grosses Sammelsurium von Infrastruktur: vom Bau der Bühnen und Sitzplätze, über die Bereitstellung der Technik, bis hin zur Logistik des Anlasses. Das Bauen im engeren Sinne bezeichnet sie dabei als das kleinste Problem: «Die Herausforderung liegt in der Vielfalt und Komplexität der Organisation, darin, alle notwendigen Schnittstellen und Personen auf den Schirm zu bekommen und zu orchestrieren.» Adolph vergleicht den Anlass mit einem grossen Theater, dass so weit vorbereitet sein will, dass das Koordinative vorgängig geklärt, der grosse Tag nur noch eine Abfolge von einstudierten Handgriffen ist. Sie versteht ihre Arbeit und die Infrastruktur denn auch nicht als das Hauptsächliche des Anlasses, sondern als Bühne, die es den übrigen Beteiligten ermöglicht, sich ohne Ablenkung um den Kreativprozess und das Erlebnis kümmern zu können.
Aufregung weicht Vorfreude
So aufwendig die Koordination der unzähligen Arbeiten und Beteiligten auch ist, die Vielzahl an motivierten Mitstreiterinnen und Mitstreitern ist gleichzeitig auch ein Segen. Die Bauchefin ist in regem Austausch mit den übrigen Ressorts der Organisation, den Kreativgruppen der Schulen, den weiteren Anspruchsgruppen, dem ansässigen Bauern, dem Gewerbe und den Handwerkenden. Und sie weiss, dass sie in der Planung auf das Vertrauen der Gesamtkoordinatorin, für die Arbeiten vor Ort auf die Erfahrung eines bewährten Bauleiters sowie das Knowhow und Herzblut der beauftragten Gewerke zählen kann. Die Besonderheit und der Stellenwert des Kinderfests in der Stadt lassen auch 200 Jahre nach der ersten Austragung noch alle an einem Strang ziehen.
Weniger als drei Monate vor dem erstmöglichen Festtermin wirkt Adolph denn auch geradezu entspannt. Die anfängliche «wilde Aufregung» habe sich gelegt und ist «in eine Art Vorfreude» übergegangen, wie sie selbst sagt. Die wichtigsten Vorbereitungen sind abgeschlossen; das eingelagerte Material geprüft (verschont von Motte und Holzwurm, zum Glück!), die Anordnung der Bauten auf dem Festplatz bestimmt, die Arbeiten ausgeschrieben und bereits mit Jahresbeginn sämtlich vergeben, Herausforderungen und Ablauf gemeinsam mit den ausführenden Fachleuten zu Faden geschlagen. Die Aufbauarbeiten auf dem Kinderfestplatz können damit nach Ostern beginnen, sodass die Infrastruktur nach den Frühlingsferien für erste Proben der Schulklassen und schliesslich für das grosse Fest zur Verfügung steht.
Es ist wie beim Weihnachtsschmuck
Am erfolgreichen baulichen Grundkonzept wird nicht gerüttelt
Dass die Bauchefin dem Kinderfest trotz grosser Herausforderungen freudig entgegenblickt, ist auch dem Umstand geschuldet, dass der Traditionsanlass seinen Traditionen – gerade auch was die Infrastruktur betrifft – treu bleibt. Sie freut sich auf ein Fest, dass auch nach all den Jahren noch immer den Charakter einer sommerlichen Gartenfeier hat. So werden die Unterstände und das übrige Mobiliar auch im Jubiläumsjahr noch in traditioneller Art und Weise von Zimmerleuten zusammengebaut und die textilen Dächer von Dekorateurinnen und Dekorateuren montiert, die Bühnen in Handarbeit von Gerüstbauern erstellt und von Zimmerleuten, Malerinnen und Dekorateuren ausgestattet. Am erfolgreichen baulichen Grundkonzept wird nicht gerüttelt; und wenn doch, dann nur sanft: für die teilweise zu erneuernde textile Dachbespannung wurde auch gleich eine patentere, haltbarere Befestigungsart entworfen. Mit der Zeit geht die Organisation freilich bei der Technik und Logistik. Neben leistungsfähigeren Tonanlagen für die Bühnen kommt im Jubiläumsjahr erstmals auch eine temporäre Mobilfunkantenne zum Einsatz. Und die für den Umzug in der Altstadt aufgestellten Tribünen werden neu nicht mehr lange vor Ort gelagert, sondern erstmals zeitnah geliefert und noch im Morgengrauen montiert.
Es ist Adolphs erklärtes Ziel, dass das Bauliche und die Organisation am Festtag unauffällig, ja unsichtbar bleiben, das Fest als solches im Vordergrund stehen kann. Es sind hohe Ansprüche, die eine minutiöse Vorbereitung und von allen Beteiligten ein hohes Mass an Einsatz erfordern. Trotz des Aufwands wird auch die Bauchefin selbst das Fest geniessen können – spätestens dann, wenn das Abendprogramm beginnt und die Gewissheit besteht, dass das Hauptprogramm zur Freude aller ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen ist. Mit dem Lichterlöschen irgendwann am frühen Morgen beginnt bereits der Rückbau, der rund eine Woche in Anspruch nimmt; nach zwei Wochen steht die Wiese wieder der Landwirtschaft zur Verfügung. Die Bauten werden sorgfältig in ihre Einzelteile zerlegt, die Einzelteile fein säuberlich geordnet und nummeriert wieder in Nähe des Festplatzes eingelagert. «Es ist wie beim Weihnachtsschmuck», meint Adolph, und lässt dabei erahnen, was es für sie bedeutet, wenn es endlich heisst: «Es isch!».
