Eine Frage der Generation: Kommt Ihnen beim Stichwort «Patent Ochsner» eine Mundartband oder ein Metallkübel mit Deckel und Henkel in den Sinn? Oder gar nichts? Tatsache ist, dass das System Ochsner in der Ära des legendären Ochsner-Kübels weit mehr umfasste als den Eimer selbst. Dazu gehörten auch «Patentkehrichtwagen», an denen die am Strassenrand bereitgestellten Kübel (zunächst 15 Liter Volumen, später 35 und 55 Liter) eingehängt und laut einem Stadtratsprotokoll von 1970 «rationell, staubfrei und hygienisch» ins Fahrzeug geleert werden konnten. Die ersten Ochsner-Wagen, 1936 beschafft, wurden von Pferden gezogen, 1946 kaufte die Stadt St.Gallen ein erstes Kehrichtauto. Bis 1970 waren es bereits sechs plus ein Unimog mit Anhänger. Und Walter Lüthi, der am 17. März 2024 seinen 90. Geburtstag feierte, war einer der Fahrer.
«Kübelmann» – ein Knochenjob
«Wenn ich in den Rückspiegel schaute, taten mir die Belader oft leid», erzählt Walter Lüthi. Die «Kübelmänner», wie man sie damals nannte, hätten einen echten Knochenjob gehabt. «Pro Tag mussten sie über tausend der schweren Ochsner-Kübel leeren, bei Wind und Wetter. Es gab keine richtigen Winterkleider, ja nicht einmal einen Regenschutz. Die damaligen Regenkleider hätten die Belader in der Bewegung zu stark eingeschränkt.» Dass die Bevölkerung für diesen Einsatz sehr dankbar war, habe sich vor allem in der Adventszeit gezeigt, berichtet Walter Lüthi: «Die Kübelmänner wurden jeweils mit Wein, Schokolade, Zigaretten sowie mit Bargeld beschenkt.» Und einer der Männer sei jeweils sehr herzlich von einem hohen Offizier in Uniform begrüsst worden – vom späteren Bundesrat Kurt Furgler, der nach wie vor zu seinem Fussballgspänli aus Kindheitstagen hielt.
Die Kübelmänner wurden jeweils mit Wein, Schokolade, Zigaretten sowie mit Bargeld beschenkt.
Die offiziell vorgeschriebenen Ochsner-Kübel seien mit allem Möglichen gefüllt gewesen, sagt Walter Lüthi: «Fleisch, Fisch, Glas, Medikamente sowie Asche und Schlacke aus Holz- und Kohlefeuerungen. Und das war ein Problem, denn ab und zu brannte es im Kehrichtwagen. Dann mussten wir möglichst schnell zur Deponie fahren und den Wagen leeren.» Die Deponie Gallenmist (Dialekt: «Gallemescht») befand sich mitten im Lachen-Quartier und war ein Paradies für Kinder. Wobei ihre abenteuerliche Suche nach Spielsachen und Bastelmaterial genauso verboten war wie die wilden Abfalldeponien, um die sich Walter Lüthi und sein Team am abfuhrfreien Mittwoch zu kümmern hatten.
Vom Ochsner-Kübel zum Kehrichtsack
Chef des Abfuhrwesens, damals Sache des Tiefbauamts, war Willi Weishaupt. «Als er eines Tages zu mir kam und sagte, er wolle mit mir sprechen, war ich verunsichert», erinnert sich Walter Lüthi. «Hatte ich etwas falsch gemacht?» Das Gegenteil war der Fall: Weishaupt ernannte Lüthi zu seinem Stellvertreter und zum Mitstreiter in einer besonderen Mission: die Umstellung vom Ochsner-Kübel auf Kehrichtsäcke.
Die Idee, Säcke für die Kehrichtabfuhr zuzulassen, wurde bereits Mitte der 1960er-Jahre im Stadtparlament (damals «Gemeinderat») diskutiert. 1970 erklärte das Parlament dann zwei Motionen zum Thema erheblich. Denn die Hauskehrichtmenge war rapide angestiegen. Lag sie 1950 noch bei 0,5 Kubikmeter pro Kopf und Jahr, waren es 1969 bereits 1,14 Kubikmeter. Der Grund: «die Entwicklung neuartiger Verpackungen, wonach immer mehr Lebensmittel und Getränke in Wegwerfgebinden verkauft werden.» So steht es in einem jener Vorstösse. Oft hätten die Abfälle keinen Platz mehr in den Ochsner-Kübeln. «Diesem unliebsamen Zustand kann bestimmt weitgehend Rechnung getragen werden, wenn nebst dem Ochsner-Eimer auch noch Papier- oder Plastiksäcke verwendet und der normalen Kehrichtabfuhr übergeben werden könnten.» Bis dahin waren Säcke lediglich für die zweimal monatlich durchgeführte Sperrgutabfuhr zugelassen – was je länger, je mehr Leute nutzten, aber aufgrund der Lagerung auch riechen mussten.
Kübel zählen, Zeit stoppen, Tabellen füllen
In ihrem alten Büro in der Waldau heckten die Herren Weishaupt und Lüthi einen Plan aus, den sie in der Folge auch gleich umsetzten: Sie zählten die geleerten Kübel, verteilten im Lachen-Quartier versuchshalber Kehrichtsäcke, erklärten den Bewohnerinnen und Bewohnern die Idee, stoppten die für die Abfuhr benötigte Zeit, trugen alles von Hand in Listen ein, rechneten und verglichen. «Das Resultat war eindeutig: Mit Kehrichtsäcken ging das Ganze viel schneller als mit den Ochsner-Kübeln.» Das Problem war allerdings, dass die Kehrichtwagen ganz auf Ochsner-Kübel ausgerichtet waren und Säcke bei den ältesten Fahrzeugen von Hand in eine Stopfvorrichtung geschoben werden mussten. Das bedeutete Zusatzaufwand, Kapazitätsverluste sowie Staub- und Geruchsentwicklung.
«Äusserst praktischer Kombinations-Kehrichtwagen»
Für den Stadtrat war deshalb 1970 klar: Um Abfallsäcke für die wöchentlich zweimal durchgeführte Kehrichtabfuhr zuzulassen, mussten zunächst drei Fahrzeuge nachgerüstet und drei ersetzt werden. Die Firma J. Ochsner & Co. AG blieb am Puls der Zeit hatte eine neue Lösung: einen laut Stadtrat «äusserst praktischen Kombinations-Kehrichtwagen», der sich nicht nur für die Kübelentleerung und die Sackabfuhr eignete, sondern «innert kürzester Zeit» auch für die Leerung der mittlerweile eingeführten Container umgestellt werden konnte. Kostenpunkt für ein solches Fahrzeug mit Saurer-Chassis: 190'100 Franken. Dank dieser Ergänzung des Wagenparks wurde es ab Winter 1971/72 möglich, Abfallsäcke der Kehrichtabfuhr mitzugeben.
1903: Die Deponie Gallenmist in der Waldau wird in Betrieb genommen.
1936: Die Stadt St.Gallen führt die «staubfreie Kehrichtabfuhr» auf Basis des Systems Ochsner ein.
1965: In ersten Unternehmen und Wohnblöcken wird das Kübel- durch das Containersystem ersetzt.
1967: Mit dem Gallemescht-Fest wird am 1. Juli die Schliessung der Deponie gefeiert. Hier wurden etwa 1,8 Millionen Tonnen Kehricht entsorgt. Die Deponie Tüfentobel wird eröffnet.
1971: Kehrichtsäcke werden für die Kehrichtabfuhr zugelassen.
1972: Die Kehrichtverbrennungsanlage im Sittertobel wird in Betrieb genommen.
1973: «Modellfall St.Gallen»: Die Stadt macht mit dem Versuch einer Separatsammlung von Altpapier national Schlagzeilen. In der Folge wird die Sammlung (in durchsichtigen Säcken) eingeführt.
1975: Als erste Schweizer Gemeinde führt die Stadt St.Gallen die Sackgebühr ein.
Und heute? Der Kehrichtsack hat sich zum Energieträger für die Fernwärme entwickelt und kann auch im Unterflurcontainer entsorgt werden. Das Gebiet der ehemaligen Deponie Gallenmist ist weitgehend überbaut, unter anderem mit dem städtischen Werkhof Waldau, und gilt als «belasteter Standort». Walter Lüthi wohnt als Rentner ganz in der Nähe seines früheren Wirkungsorts und weiss, was unter und hinter uns liegt.
