Lukas musste vor etwa einem halben Jahr während seines Dienstes wegen einer Messerstecherei ausrücken. Dabei erkannte er eine involvierte Person direkt mit Namen wieder. Der Super-Recognizer hatte die Person vor mehreren Jahren anlässlich einer polizeilichen Kontrolle angetroffen. Doch wie konnte er diese Person so schnell wiedererkennen? Lukas hat die Fähigkeit, Gesichter in seinem Gedächtnis zu speichern, selbst wenn er sie nur kurz gesehen hat. Jahre später kann er diese Gesichter wiedererkennen, unabhängig von Alterungsprozessen, neuer Frisur oder dem Tragen einer Brille. Er achtet dabei nicht bewusst auf bestimmte Merkmale, sondern es macht einfach «Klick» in seinem Kopf, sobald er die Person sieht.
Phänomen noch nicht vollständig erforscht
Lukas heisst im echten Leben nicht Lukas. Aufgrund seiner Tätigkeit bei der Polizei als Super-Recognizer soll Lukas aber anonym bleiben. Um die Bestätigung als Super-Recognizer zu erhalten, musste Lukas drei wissenschaftlich validierte Tests der Universität Lausanne absolvieren. Gemäss der Neurowissenschaftlerin Meike Ramon, die diverse Schweizer Sicherheitsbehörden bezüglich Super-Recognizer berät, ist vielen Personen gar nicht bewusst, dass sie diese Fähigkeit besitzen. Meike Ramon hat im Rahmen ihrer Arbeit an der Universität Lausanne herausgefunden, dass Super-Recognizer nicht etwa andere Merkmale oder Informationen verwenden, um Menschen wiederzuerkennen, sondern dieselben Informationen einfach viel zuverlässiger und effektiver verarbeiten können.
Obwohl in Lukas' Familie bisher keine weiteren Super-Recognizer aufgefallen sind, legt eine Studie nahe, dass die genetische Veranlagung eine grosse Rolle bei der Entwicklung der Gesichtserkennungsfähigkeit spielt. Unklar ist jedoch, wieso die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, bei Menschen so unterschiedlich ausgeprägt ist. Es scheint nicht so zu sein, dass Super-Recognizer ein überlegenes Gedächtnis haben oder intelligenter sind als der Durchschnitt. «Sie scheinen jedoch weniger durch altersbedingte Veränderungen oder neue Frisuren bei der Wiedererkennung von Menschen irritiert zu sein», erklärte Meike Ramon vor zwei Jahren im Migros Magazin.
Zusammenspiel von Mensch und Maschine
Aktuell stellen sich Forschende die Frage: Sind Super-Recognizer oder hochentwickelte Gesichtserkennungsalgorithmen effektiver? Laut Meike Ramon und diversen Forscherinnen und Forschern sei es am effektivsten, Mensch und Maschine zu kombinieren. Algorithmen werden durch das Training mit vielen Bildern immer genauer, Super-Recognizer haben jedoch die einzigartige Fähigkeit, sich intuitiv auf ein Gesicht zu konzentrieren. Durch die Kombination von Mensch und Maschine, also menschlicher Intuition und maschineller Präzision, können sehr genaue Identifizierungsverfahren entwickelt werden. Aktuell sind Super-Recognizer nicht nur oft besser als Algorithmen, sondern sie haben auch rechtlich mehr Spielraum, da Gesichtserkennungsprogramme in der Schweiz sowohl rechtlich als auch politisch umstritten sind.
Im normalen Dienst brauche ich nicht regelmässige Pausen, bei der Arbeit als Super-Recognizer ist das anders. Die Arbeit ist sehr kopflastig und intensiv. Ich plane daher fixe kurze Pausen ein, damit meine Konzentration nicht nachlässt.
Super-Recognizer im Einsatz bei der Polizei
In einem Projekt der Kantons- und Stadtpolizei St.Gallen werden im Jahr 2024 nun erste Erfahrungen mit Super-Recognizer gesammelt. Denn auch bei der Kantonspolizei St.Gallen gibt es Super-Recognizer. Stefan Kühne, Chef der Kriminalpolizei St.Gallen, meinte gegenüber SRF, dass man dank den eingesetzten Super-Recognizer schon mehrere Festnahmen machen konnte. Die talentierten Gesichtserkenner können in verschiedenen Bereichen im Polizeidienst eingesetzt werden. Sei es im Aussendienst zur Erkennung von Personen in Menschenmengen als auch im Innendienst zur Aufklärung von Tatbeständen anhand von Bildern unbekannter Täterinnen und Täter.
Im Rahmen dieses Projekts mit der Kantonspolizei St.Gallen wird auch Lukas neben seinem regulären Dienst bei der Stadtpolizei als Super-Recognizer eingesetzt. Nebst seinen Einsatzstunden auf Patrouille studiert er seit diesem Jahr polizeiliche Datenbanken, um gesuchte mutmassliche Täterinnen und Täter zu identifizieren.
Durch seine Arbeit hat Lukas innerhalb von zwei Monaten bereits rund 20 Hinweise geliefert. Bei der Arbeit geht es darum, Bilder von ausgeschriebenen Personen zuzuordnen oder Bildfahndungen durchzusehen und mit anderen Fällen abzugleichen. Dabei kann Lukas aktiv Aufträge bekommen oder sich selbstständig im System ausgeschriebene Personen anschauen und, wenn möglich, diese bestimmten Fällen zuordnen.
Lukas meint: «Im normalen Dienst brauche ich nicht regelmässige Pausen, bei der Arbeit als Super-Recognizer ist das anders. Die Arbeit ist sehr kopflastig und intensiv. Ich plane daher fixe kurze Pausen ein, damit meine Konzentration nicht nachlässt.» Gut für Lukas, dass ihn seine Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, in der Freizeit nicht belastet.
Wie weiter?
Lukas’ Talent bietet eine Vielzahl an beruflichen Möglichkeiten im polizeilichen Bereich. Er strebt an, sein Talent auch zukünftig sinnvoll im polizeilichen Umfeld einzusetzen. Wie es mit Super-Recognizer bei der St.Galler Polizei weitergeht und wo der Einsatz von Gesichtserkennungsspezialistinnen und –spezialisten sinnvoll ist, wird sich anhand von Erfahrungen, die in diesem Jahr gesammelt werden, zeigen.
