Sie sind müde und ausgehungert. Ihre Kleider hängen wie Lumpen an ihren dünnen Körpern. Ihre Blicke sind starr. Wir sind im Sommer 1945, der Zweite Weltkrieg hat das alte Europa zerstört. In Genf besteigen 45 Franzosenjungen einen Zug Richtung St.Gallen. Für drei Monate sollen sie sich von Krieg, Leid und Zerstörung erholen.
Die Initiative, kriegsgeschädigte Kinder während und nach dem Zweiten Weltkrieg für eine bestimmte Zeit zur Erholung in der Schweiz aufzunehmen, geht vom Bundeskommissariat für soziale Aufgaben in Bern aus. Die strategische Umsetzung erfolgte durch den Schweizerischen Pfadfinderbund und die Kinderhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes. Die operative Leitung vor Ort liegt bei den Kantonen und Gemeinden. In St. Gallen trägt die Zusammenarbeit Früchte. Die Finanzierung des Vorhabens gestaltet sich zwar schwierig, aber sie gelingt. Ein Teil wird durch Taggelder des Roten Kreuzes gedeckt, der Rest kann durch finanzielle und materielle Spenden von Vereinen und Privaten in Kanton und Gemeinden sowie durch Einzelinitiativen wie den Verkauf von Postkarten aufgebracht werden. Die Organisation und Durchführung in der Stadt St.Gallen liegt in den Händen der Pfadfinderverbände, in unserem Fall der Pfadfinderabteilung Hospiz.
Keine leichte Aufgabe
Nach einem kurzen Zwischenhalt in Zürich kommen die Knaben am Bahnhof St.Gallen an und werden von singenden Pfadfindern empfangen. Nach einer Begrüssungszeremonie gehen alle gemeinsam in einen Garten an der Notkerstrasse. Dort werden sie von ihren Pflegefamilien in Empfang genommen. Bei ihnen werden sie insgesamt drei bis sechs Wochen verbringen.
Die Pfadi Hospiz ist sich bewusst: Der Aufruf, Pflegefamilien für den mehrmonatigen Aufenthalt der Kinder zu finden, ist eine Mammutaufgabe. Mit Briefen und Rundschreiben werden zunächst alle Pfadfinderkontakte abgegrast, von aktiven bis zu ehemaligen Mitgliedern. Auch im Verwandten- und Freundeskreis fragen sie nach. In mehreren Wellen verschicken sie Anfragen. Schliesslich hat man die nötige Anzahl an Freiwilligen zusammen. Der Werbebrief für die Aktion bemüht sich, Bedenken auszuräumen. So werden die Kinder tagsüber von den Pfadfindern betreut und es gibt Essensmarken. Dennoch fällt die Entscheidung nicht leicht. Der Zweite Weltkrieg ist gerade offiziell zu Ende gegangen. Not und Mangel herrschen auch in der Schweiz. Für die eigene Familie zu sorgen kostet viel Kraft, und dann noch ein fremdes Kind aufnehmen? Noch dazu ein fremdes Kind aus so schwierigen und unbekannten Verhältnissen?
Auch den Kindern fällt der Anfang schwer
Ein neues Zuhause, neue Menschen, eine neue Sprache: Von den Wirren des Kriegs in eine geschützte Umgebung zu entfliehen, klingt zwar verlockend, ist aber auch grosser psychischer Stress. Die Kinder sind zwischen 11 und 14 Jahre alt. Und kaum haben sie sich in ihrer neuen Familie eingelebt, heisst es Abschied nehmen. Es geht für sechs Wochen ins Pfadilager nach St. Peterzell.
Das Pfadilager gilt von Anfang an als zentrales Element der Aktion. Hier sollen die kriegsgeschädigten Kinder Werte wie Menschlichkeit und Solidarität wieder entdecken. Das Programm des Lagers nimmt Rücksicht auf den Zustand der Jungen. Da sie körperlich noch schwach sind, werden Aktivitäten wie Spazierengehen, Baden oder Feuermachen geübt. Aber auch andere Fertigkeiten wie Körperhygiene oder die Zubereitung der eigenen Verpflegung stehen auf dem Programm. Die Pfadfinder nennen das «Körperschule».
Prüfung hebt die Stimmung
Die Jungen sind verstört und verunsichert, das Lager gefällt ihnen zunächst nicht. Sie wollen zu ihren Pflegeeltern zurück. Das Befolgen der Aufgaben und das gemeinsame Marschieren erinnert sie an die Hitlerjugend, sie reagieren ablehnend. Viele werden gewalttätig, wehren und schlagen sich. Sie haben Angst, andere wollen ihre Habseligkeiten stehlen. Eine grosse Herausforderung für die Lagerleiter, die sie an ihre Grenzen bringt. Sie halten durch. Nach ein paar Wochen wird es besser, man gewöhnt sich aneinander. Ab der vierten Lagerwoche – so steht es in den Berichten der Pfadi Hospiz – steht die Pfadiprüfung an. Sie motiviert die Jungen. Alle machen mit und wollen sich auszeichnen. Zwei erhalten für besondere Leistungen einen Pfadfinderorden. Dann geht es für weitere drei Wochen zurück in die Pflegefamilien.
Nach drei Monaten Aufenthalt in der Schweiz kehren die 45 Jungen nach Frankreich zurück. Sie steigen in den Zug, man winkt sich zu. Nach einigen Wochen kommen die ersten Briefe aus der Ferne. Die Kinder bedanken sich – und hoffen auf ein Wiedersehen.
Wissenschaftl. Mitarbeiter Stadtarchiv
