Ein Augustnachmittag im Botanischen Garten St.Gallen. Schülerinnen und Schüler zeichnen Pflanzen ab, drei Mütter flanieren mit Kinderwagen durch die Anlage, im Tropenhaus läuft eine Führung – und im Büro speichert Nathalie Chardon gerade das städtische Personalreglement auf ihren Laptop, damit sie es später unterwegs lesen kann. Im Arbeitsalltag findet sie keine Zeit dafür. Seit 1. Juli 2024 leitet Nathalie Chardon den Botanischen Garten. Wie vielfältig diese Aufgabe ist, zeigt ihr kurzer Rückblick auf den Vormittag: die zahlreichen Vermietungen des Grünen Pavillons und des Tropenhauses koordinieren, eine kurze Teambesprechung zur Tagesaktualität, Stadtgrün-Geschäftsleitungssitzung, defekte Stühle zum Werkhof bringen … «Ich will selbst mitanpacken. Wir arbeiten als Team», erklärt sie auf dem Weg zum Farngarten, einer fernsehreifen Kulisse für ein Gespräch. «Es war ein Wunschvormittag. Denn ich konnte mal länger im Garten arbeiten.»
Ziel: Täglich eine Stunde im Garten
«Es wäre mein Ziel, täglich mindestens eine Stunde lang im Garten zu sein», sagt Nathalie Chardon. Dabei geht es nicht nur darum, den Botanischen Garten genau kennenzulernen und Entwicklungsmöglichkeiten sowie anstehende Aufgaben zu erkennen. Eine wichtige Aufgabe der Biologin ist das Bestimmen von Pflanzen. Denn längst ist nicht bei jeder der rund 8000 Pflanzen im Botanischen Garten klar, was es ist. Das liegt vor allem daran, dass Botanische Gärten gegenseitig Pflanzensamen tauschen. Ob dann tatsächlich die bestellte Pflanze wächst, kann und muss erst später beurteilt werden. «Das geht am einfachsten, wenn die Pflanze blüht», erklärt Nathalie Chardon. Erst wenn eine Pflanze klar bestimmt ist, wird die provisorische Markierung in Form eines Alustabs durch ein beschriftetes Schild ersetzt.
Familie und Forschung: international unterwegs
«Nun jeden Tag in einem Botanischen Garten arbeiten zu dürfen, ist fantastisch», schwärmt Nathalie Chardon. Bei ihren bisherigen Tätigkeiten in der Forschung konnte sie, die das Draussensein ebenso liebt wie die Pflanzenwelt, jeweils nur während drei bis vier Monaten im Sommer Feldarbeiten verrichten. Das mag zeitlich eng gewesen sein, geografisch aber war es sehr breit: während des Studiums ein karriereprägender Feldbotanikkurs in Chile, Feldarbeit in Alaska, und für ihre Doktorarbeit bestieg sie viele der 4000er in den US-Bundesstaaten Colorado und New Mexico. Diese Arbeit zur Erforschung der Auswirkungen menschlicher Störungen auf alpine Pflanzen führte sie aber auch in die Schweiz, ins Heimatland ihres Vaters – womit wir einen kurzen Abstecher auf den internationalen Pfad der Familie machen: Nathalie kam in Kalifornien zur Welt. Als sie zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Frankreich und danach nach Deutschland, wo ihre österreichische Mutter aufgewachsen war. Danach ging es – Nathalie war mittlerweile acht – zurück in die USA.
Wechsel von hier nach dort sind für Nathalie Chardon, die zuletzt via Davos und Kanada nach St.Gallen kam, ganz offensichtlich kein Problem. Teils waren sie sogar ziemlich krass. Konkret: ecuadorianische Tropen und Grönland im gleichen Sommer. «Beide Gebiete stehen für eine Botanikerin wie mich weit oben auf der Liste der Wunschdestinationen. Der Wechsel war beeindruckend: In den Tropen ist alles grün und so dicht, du fühlst dich wie im Herzen der Welt. Und dann kommst du in Grönland an. Da gibts schon Pflanzen. Aber halt keine so grosse Vielfalt wie in den Tropen.»
Endlich längerfristig planen
Nach all den – oft wortwörtlichen – Wanderjahren freut sich Nathalie Chardon nun darüber, an einem Ort bleiben zu können. Erst recht in diesem Botanischen Garten, den sie «wunderschön und geografisch extrem gut repräsentiert» findet, und mit einem Team, das sie als «einfach mega» beschreibt.
Eine nicht allzu dringliche Aufgabe auf übernächsten Winter verschieben zu können, ist völlig neu für mich.
Noch etwas gefällt Nathalie Chardon: «Eine nicht allzu dringliche Aufgabe auf übernächsten Winter verschieben zu können, ist völlig neu für mich. Vorher wusste ich nicht einmal, wo ich übernächsten Winter sein würde.» Und so denkt sie neben all den aktuellen Einführungs- und Kennenlernterminen bereits etwas weiter: Wo könnte doch noch etwas verbessert werden? Wie könnte der Botanische Garten ein noch breiteres Publikum anziehen? An Ideen dazu fehlt es nicht: Wieder einmal Theater- und Musikabende oder Kunstausstellungen im Botanischen Garten, Partnerschaften mit Schulen, Altersheimen oder Forschungsinstituten. Und: Informationen auf der Website und auf den Informationstafeln auch in Englisch. Neben den Pflanzen und der Leiterin dürften damit auch die Besucherinnen und Besucher noch mehr von Welt in den Botanischen Garten bringen.
Die Visionen sind da. Aber es weiss wohl niemand besser als Nathalie Chardon: Damit etwas wachsen und zum Blühen gebracht werden kann, ist ein guter Boden nötig. Und so verabschiedet sich die neue Leiterin des Botanischen Gartens zum nächsten verwaltungsinternen Kennenlerntreffen.
