Sarah wuchs in dem kleinen Dorf Buch am Irchel nahe Winterthur auf. Sie besuchte die Kantonsschule Rychenberg, welche übrigens durchaus als Talentschmiede der Stadtverwaltung durchgeht, besuchten doch auch der Stadtschreiber und der Rechtskonsulent diese Kanti. Lust ihre Maturaarbeit zu schreiben hatte Sarah damals nicht. Sie realisierte stattdessen lieber einen Film. Über die Geburt von Hauskatzen. Und bestand. Der Film war so überzeugend, dass er für den Jugendpreis der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich nominiert wurde. Ihre kreative Ader und ihr Mut, Dinge anders anzugehen, zeigten sich bereits in jungen Jahren.
Nach der Kantonsschule entschied sie sich, wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, ebenfalls für ein Abenteuer im Ausland. Sie verbrachte drei Monate in Neuseeland, um Englisch zu lernen, und direkt im Anschluss vier Monate in Cordoba in Argentinien, um ihre Spanischkenntnisse zu verbessern. Dort leistete sie auch Freiwilligenarbeit auf einem Pferdehof, auf welchem Reit-Therapien für Kinder mit einer Beeinträchtigung angeboten wurden. In dieser Zeit lernte sie, «wie das halt so sei», auch einen Mann kennen. Obwohl sie nach vier Monaten zurück in die Schweiz musste, zog es sie bald darauf zurück nach Argentinien. Genauer nach Buenos Aires.
Filmstudium und erste Berufserfahrung in Buenos Aires
Nach ihrer Rückkehr nach Argentinien begann Sarah ein Filmstudium in Buenos Aires, welches unter anderem auch Fächer wie Kunstgeschichte und Linguistik beinhaltete. In der Filmbranche sollte sie aber schliesslich nie arbeiten. Obwohl sie sich im Studium auf Filmschnitt spezialisierte, wäre ihr der Beruf des Cutters zu einsam und technisch gewesen. In den insgesamt sieben Jahren, in welchen sie in Buenos Aires war, arbeitete sie unter anderem als Übersetzerin sowie im Sekretariat der Logistik-Abteilung der argentinischen Zweigstelle von Mercedes-Benz, wo sie spannende Einblicke in die Automobilbranche erhielt.
Dann kamen privat das Ende einer Beziehung und beruflich der Abgang ihres geschätzten Chefs zusammen und Sarah wusste, wenn sie nicht jetzt in die Schweiz zurückkehren würde, würde sie wohl für immer in Argentinien bleiben. Es sei ihr viel schwerer gefallen, mit 27 Jahren zurück in die Schweiz zu gehen, als damals nach Argentinien auszuwandern. Aber sie wagte den Neuanfang in ihrer Heimat.
Es sei schon eine Umstellung gewesen, wieder bei den Eltern einzuziehen. Aber sie habe schnell Arbeit und eine Wohnung gefunden. Beides in Winterthur. Nach einem Speed-Recruiting, bei dem sie an einem Tag in kürzester Zeit Gespräche mit allen Mitarbeitenden der damals noch jungen Brauerei Doppelleu geführt hatte, bekam sie den Job. Wie ihr gesagt wurde, hätte man sie kaum in einem regulären Bewerbungsverfahren eingestellt, da sie keinen Abschluss im entsprechenden Bereich vorweisen konnte. Aber Sarah überzeugte als Person und kümmerte sich von nun an um die Logistik und Koordination diverser Aufgaben des Start-ups. Dabei nutzte Sarah die Möglichkeit, sich zur Bier-Sommelière ausbilden zu lassen. Schliesslich könne man ja nicht den ganzen Tag mit Bier zu tun haben, ohne selber eine Ahnung davon zu haben. Fragt man Sarah heute, welches ihr Lieblingsbier ist, nennt sie kein konkretes, sagt aber, dass es ihr belgische Biere besonders angetan haben. In ihrer Zeit bei Doppelleu – die Brauerei aus Winterthur gehört heute übrigens zur Brauerei Locher AG aus Appenzell – lernte sie aber auch sonst viel. Zum Beispiel, wie viele Kisten Bier auf eine Europalette passen und wie viele eben auch nicht.
BWL-Studium an der HSG in St.Gallen
Um ihre beruflichen Perspektiven zu verbessern, war für Sarah aber klar, dass sie sich weiterbilden möchte. So startete sie ein BWL-Studium an der HSG in St.Gallen, welches sie mit Erfolg absolvierte. Und sie hängte gleich noch den gemäss Financial Times «besten Master der Welt», den Master in Strategy and International Management (SIM-HSG), an und schloss auch diesen erfolgreich ab. Wer nun denkt, Sarah würde die gängigen Klischees von HSG-Absolvierenden erfüllen, der oder die irrt sich. Als Masterarbeit schrieb sie eine Kritik des Masterstudiengangs selbst, weil sie von diesem so enttäuscht war, wie sie sagt.
Dank meines HSG-Studiums weiss ich heute vor allem, was ich nicht will.
Für Sarah war klar, dass sie nicht wie die meisten HSG-Abgängerinnen und -Abgänger im Bereich Consulting arbeiten und Gewinne maximieren wollte, sondern «etwas Sinnstiftendes» anstreben würde. Zudem wollte sie, ebenfalls anders als viele, die an der HSG studiert haben, nach ihrem Studium in St.Gallen bleiben. Zu lieb hatte sie die Stadt während ihres Studiums gewonnen, als dass sie ihr den Rücken kehren wollte. Also schaute sie sich nach Stellen in St.Gallen um, die ihr Berufsleben mit Sinn erfüllen würden.
Stelle bei einer «coolen Arbeitgeberin»
Sarahs Interesse an den Themen Nachhaltigkeit und Energiewende führte sie im Jahr 2022 zu ihrer aktuellen Stelle als Geschäftsleitungsassistentin beim Stab der Technischen Betriebe der Stadt St.Gallen. Sie schätzt die Stadtverwaltung als attraktive und wie sie sagt «coole Arbeitgeberin». Die Förderung der Nachhaltigkeit und der Energiewende sind zentrale Aspekte ihrer täglichen Arbeit. In einem «super Team», in dem jede und jeder seine Stärken ausleben dürfe, fühlt sich Sarah wohl. Sie schätzt die Vielseitigkeit ihrer Assistenzstelle, die Möglichkeit aktiv mitzuwirken und Projekte voranzutreiben. Dass Sarah, obwohl sie noch nicht lange bei der Stadtverwaltung war, direkt ins stadtweite Projektteam «Werte der Zusammenarbeit» kam, überrascht nicht. Mit ihrer offenen und zeitgemässen Art sowie ihrer beruflichen Erfahrung kann sie im Projekt sicher einen wertvollen Beitrag leisten. Spannend sei gewesen, wie ein bunt zusammengemischtes Projektteam, ohne eigentliche Fachkompetenz im Bereich der Erarbeitung von Unternehmenswerten, zu einem so guten Ergebnis gekommen sei. Die definierten Werte wurden indes nicht einfach im Projektteam festgelegt, sondern in partizipativen Prozessen ermittelt. Zuhanden des Stadtrates wurden nun Massnahmen zur Bekanntmachung der Werte erarbeitet. Schliesslich bringen diese nur etwas, wenn man sie auch lebt.
Natur, Schwimmen und Lesen
Leben tut Sarah natürlich nicht nur für die Arbeit bei der Stadtverwaltung. Mit ihrem Partner, er arbeitet ebenfalls in St.Gallen und stammt ursprünglich aus Kalifornien, lebt sie in St.Georgen. Sie geniesst es, dass in der Gallusstadt Urbanität und Natur so nah beieinander sind. Ganz allgemein schätzt sie die kurzen Wege. So kann sie mit dem Velo zur Arbeit fahren und sieht es als Privileg, kein Auto besitzen zu müssen. Sie mag die Drei Weieren und geht dort im Sommer gerne schwimmen. St.Georgen sei zudem optimal, um im nahegelegenen Wald spazieren zu gehen. Sie bezeichnet sich selbst als Feministin und ist überzeugt, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer vom Feminismus profitieren. Dann müssen sie sich beispielsweise keine Sorgen mehr machen, dass ihre Kollegen sie auslachen könnten, weil sie Pilates machen. Sarah ist überzeugt, dass es dem modernen Mann durchaus gut tut, auch «Frauensachen» tun zu dürfen. Oder was immer Mensch halt tun und sein will.
Sarah liest zudem gerne Bücher. Letztens eines darüber, ob das Patriarchat etwas Natürliches sei. Also ob es schon immer so gewesen sei, dass Männer die «Chefs» waren und Frauen zuhause die «Höhle putzten». Ist es selbstverständlich nicht, wie Sarah gleich klarstellt. Wer sich für die Entstehung des Patriarchats interessiert, dem oder der sei von Sarah das Buch «The Patriarchs» von Angela Saini empfohlen. Wer lieber Filme schaut als Bücher liest, dem oder der empfiehlt sie übrigens einen ihrer Lieblingsfilme, «Sans Soleil» von Chris Marker aus dem Jahre 1983. Da geht es nicht ums Patriarchat, sondern um den Prozess des Sehens und Erinnerns.
Abschliessend kann man wohl festhalten, dass Sarah der Beweis dafür ist, dass die Stadtverwaltung auch für sehr gut ausgebildete Fachkräfte eine attraktive Arbeitgeberin ist. Möge sie es auch in Zukunft bleiben.
