Peter Jans, nehmen wir doch gleich den Slogan auf: «Gemeinsam wirkt – St.Gallen wird klimaneutral». Wer muss denn wie wirken, damit die Stadt St.Gallen ihr Ziel erreicht und bis im Jahr 2050 klimaneutral wird?
Wir können das Ziel nur dann erreichen, wenn sowohl die Bevölkerung als auch Wirtschaft, Verwaltung und Politik ihren Beitrag leisten. Mit «Gemeinsam wirkt» möchten wir Menschen und Organisationen zu einer aktiven Beteiligung motivieren, den Austausch ermöglichen, Ideen weitergeben und Aktivitäten sichtbar machen.
Um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, wurde das städtische Energiekonzept 2050 nun um den Bereich Konsum und Ressourcen ergänzt. Dabei konnten Vertreterinnen und Vertreter der gerade erwähnten Gruppen im Rahmen von Workshops und einer Onlineumfrage mitwirken. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Themen, die neu ins Energiekonzept 2050 aufgenommen wurden?
Ganz wichtig ist die Ernährung, denn ein relevanter Teil der Klimagasemissionen ist darauf zurückzuführen. Hier geht es unter anderem darum, dass pflanzliche Ernährung wesentlich CO2-ärmer ist als der Fleischkonsum. Es geht aber auch um Food Waste, denn wenn wir Lebensmittel wegwerfen, produzieren wir Klimagase, ohne dass wir einen Nutzen davon hätten. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Kreislaufwirtschaft: Die Herstellung von Baustoffen und Gebrauchsgegenständen benötigt Ressourcen und verursacht Klimagasemissionen. Es ist ein grosser Beitrag für den Klimaschutz und die Schonung von Ressourcen, wenn es uns gelingt, dass Produkte nach dem Gebrauch nicht einfach entsorgt werden, sondern in einem Kreislauf bleiben – etwa durch längere Nutzung, die direkte Wiederverwertung oder durch Recycling.
Der private Konsum ist Privatsache. Warum setzt die Stadt hier überhaupt an, wenn es um Klimaschutz geht?
Klar, es wäre einfacher, wenn sich die Stadt nicht darum kümmern müsste. Sie tut es trotzdem, weil die Bereiche Wärme, Strom und Mobilität, die wir mit dem bisherigen Energiekonzept 2050 abdecken, weniger als die Hälfte der Klimagasemissionen ausmachen. Der Bereich Konsum und Ressourcen ist grösser. Hier geht es auch um Emissionen, die nicht direkt in der Stadt ausgestossen werden, sondern an ihrem Produktionsort, irgendwo auf der Welt. Auch diese Emissionen müssen wir angehen, um klimaneutral zu werden. Und diesen Auftrag gibt uns die Gemeindeordnung, aber nicht nur sie. Wir wissen, dass wir das tun müssen, um eine überlebensfähige Erde zu erhalten. Natürlich ist dem Stadtrat bewusst, dass es heikel ist, den privaten Konsum zu thematisieren, und dass man hier schnell von Bevormundung spricht. Weil es tatsächlich Privatsache ist, setzt die Stadt hier auch nicht auf Verbote oder Vorschriften, sondern auf Information, Sensibilisierung und Unterstützung, zum Beispiel durch Vernetzung oder Förderbeiträge. Diese Massnahmen sollen ein Handeln auslösen, die Umsetzung liegt dann bei der Bevölkerung und der Wirtschaft. Viele handeln schon heute im Sinne des Klimaschutzes, bei anderen braucht es etwas mehr Zeit, aber auch Wissen und Motivation. Hier setzt das neue Energiekonzept 2050 an.
Als Stadt müssen wir eine Vorbildrolle einnehmen.
Was trägt die Stadtverwaltung denn selbst zum Erreichen der Klimaneutralität bei? Das bisherige Energiekonzept 2050 nahm ja vor allem die Stadt in die Pflicht. Sind wir bei Wärme, Strom und Mobilität auf Kurs?
Die Stadt besitzt etliche Liegenschaften. Wie bei den privaten Gebäuden geht es darum, sie energetisch zu erneuern und fossile Heizungen durch Systeme mit erneuerbaren Energien zu ersetzen. Das läuft bereits. Der kritische Punkt dabei sind die Finanzen: Um die Gebäude für die Zukunft fit zu machen, muss man investieren, und das ist in der aktuellen Situation nicht einfach. Doch als Stadt müssen wir eine Vorbildrolle einnehmen und hier sicher noch einen Zacken zulegen. Im Bereich Mobilität sind wir gut unterwegs: Im öffentlichen Verkehr sind wir mit grosser Unterstützung der Bevölkerung daran, auf Elektrobusse umzustellen. Der Fahrzeugpark der Stadtverwaltung befindet sich ebenfalls im Umbau. Wir setzen im grossen Umfang auf Elektrofahrzeuge – bei den Spezialfahrzeugen noch nicht immer, weil da die Entwicklung noch nicht so weit ist. Bis 2050 werden wir aber sicher komplett umstellen können. Im Bereich Strom können wir vor allem die Photovoltaik auf Stadtgebiet ausbauen. Das läuft gut, im privaten Bereich auch dank Fördergeldern aus dem städtischen Energiefonds, und ebenso bei den Stadtwerken. Sie haben den Auftrag, jedes Jahr 1,5 Megawatt Photovoltaik zuzubauen. Was bei den Aktivitäten der Stadtverwaltung sicher auch noch zu erwähnen ist: die Richtlinie Nachhaltige Beschaffung. Als gutes Hilfsmittel zeigt sie den Dienststellen, worauf zu achten ist, damit wir klimagerechte Güter oder Dienstleistungen einkaufen. Zudem laufen diverse Projekte im Bereich Kreislaufwirtschaft. Die Stadtwerke, Entsorgung St.Gallen, das Tiefbauamt und das Hochbauamt schauen, wie sie die Kreislaufwirtschaft fördern können. So hat das Tiefbauamt den Anteil an Recyclingmaterial beim Bauen bereits deutlich erhöhen können. Die Bereitschaft ist da und die Leute sind offen, neue Wege zu gehen. Genau so kommen wir vorwärts: Veränderungsprozesse wagen und Erfahrungen machen.
Im Rahmen von «Gemeinsam wirkt» findet im September 2024 erstmals eine St.Galler Klimawoche statt. Was versprechen Sie sich davon?
Die Klimawoche kann und soll dazu beitragen, das Thema Klima wieder ins Bewusststein der breiten Allgemeinheit zu rücken, sodass es nicht untergeht unter allen anderen Nachrichten und Themen. Die Klimawoche soll das Thema in St.Gallen möglichst breit, interessant, vielleicht auch lustvoll, mit kreativen Ansätzen und mit Breitenwirkung aufzeigen und – ganz im Sinne von «Gemeinsam wirkt» – die Leute einbeziehen. Verschiedene Organisationen und Gruppierungen machen mit und zeigen, in welche Richtung es gehen kann. Ich finde es eine super Idee, mit einer Bündelung von Veranstaltungen auf das Klimathema aufmerksam zu machen und der Bevölkerung Möglichkeiten zur Beteiligung zu geben. Dies natürlich in der Hoffnung, dass das Erlebte dann über diese Woche hinausstrahlt. Klimaschutz kann und soll nicht nur in einer Woche stattfinden. Es geht ja vor allem darum, zum Denken anzuregen, die Umsetzung muss dann im Alltag stattfinden. Ich freue mich auf die Premiere und bin sehr gespannt.
Vom Blick hinter die Kulissen bis zum Spielnachmittag, vom Vortrag bis zum Theater: Die erste St.Galler Klimawoche bietet eine grosse Vielfalt. Neben städtischen Dienststellen tragen verschiedene Organisationen zum Programm bei. Die St.Galler Klimawoche findet vom 14. bis 22. September 2024 statt.
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