Die Sommerlinde auf dem Gallusplatz wirkt erschöpft. Kurz zuvor hat es geregnet, noch fallen dicke Tropfen von den Blättern. Vier Männer in leuchtgelben Arbeitskleidern bohren Löcher in den chaussierten Belag rund um die Linde. Darunter auch Timo Scheurer, Baumpflegespezialist bei Stadtgrün.
«Die Galluslinde ist bereits zwischen 130 und 150 Jahre alt», erklärt er. Die zahlreichen Standortveränderungen am Gallusplatz, früher Lindenplatz, haben der Linde in dieser Zeit zu schaffen gemacht. Ihre Vitalität, so der Fachbegriff für die Gesundheit von Bäumen, ist eher schwach. «Das erkennt man schon mit blossem Auge, beispielsweise an der ausgedünnten Krone», so Scheurer. Ein Blick nach oben bestätigt dies. Auch die Bodenversiegelung auf dem Platz ist besonders während Hitzeperioden nicht förderlich.
Hilfsangebot für grüne Riesen
Um das Umfeld der Galluslinde zu verbessern, füllt das Baumpflegeteam ein Gemisch aus Splitt, Kompost und Pflanzenkohle in die frisch gegrabenen Löcher. Die Inhaltsstoffe unterstützen die Linde bei der Nährstoffaufnahme und binden Schadstoffe im Boden, was die Wachstumsbedingungen verbessert. Ziel sei es zudem, dass der Baum durch die Zylinder tiefer einwurzeln kann, was in Trockenperioden sehr hilfreich ist. «So bieten wir dem Baum Hilfe an», erklärt Scheurer - «ob er sie annimmt, ist eine andere Frage». Doch er ist zuversichtlich.
Jedem Baum seine Nummer
Neben den normalen Unterhaltsarbeiten in den Grünanlagen ist die Pflegegruppe Nord-Süd im gesamten Stadtgebiet für die Baumkontrolle zuständig. Morgens schaut Scheurer jeweils in das Baumkataster. Dort ist zu jedem Baum festgehalten, welche Identifikationsnummer er hat, wie es um seine Vitalität steht, welche Pflegemassnahmen bereits umgesetzt wurden und wann die nächste Kontrolle fällig ist. Die Regelkontrolle wird grundsätzlich im Ein- bis Zwei-Jahres-Rhythmus ausgeführt. Anhand dieses Inventars planen Scheurer und sein Team, welche Bäume als nächstes kontrolliert werden müssen. Auch die heute umgesetzten Massnahmen hält er im Programm zum zukünftigen Nachvollzug fest.
Zudem ist Scheurer für die Bearbeitung von Fällgesuchen zuständig: Fällungen von Bäumen, die in einem Schutzgebiet neues Fenster sind und einen Umfang von über 80 cm aufweisen, bedürfen einer behördlichen Bewilligung. Dieses Fällgesuch leitet das Amt für Baubewilligungen anschliessend zur Prüfung an Scheurer weiter. «Es müssen alle Voraussetzungen stimmen, damit so eine Fällung genehmigt wird», betont er. Wenn ein Baum dann tatsächlich gefällt werden muss, erfolgt eine Neupflanzung.
Die Artenvielfalt ist ein Aspekt der biologischen Vielfalt und erhöht die Chance auf das Fortbestehen eines Lebensraumes. So läuft beispielsweise ein Wald, der hauptsächlich aus Fichten besteht, viel mehr Gefahr, einen grossflächigen Schaden zu erleiden als ein Mischwald. In einem Mischwald können sich Schädlinge weniger schnell ausbreiten und befallen nur eine oder wenige Baumarten. Sind die Standortbedingungen zudem nicht optimal und in der Konsequenz die Bäume geschwächt, erhöht sich das Risiko von einem Schädlingsbefall. So sollten Bäume stets nach Standort, Funktion und Potential ausgewählt werden.
Die Auswahl der Baumarten für Neupflanzungen geschieht jeweils gezielt nach den spezifischen Standortbedingungen, um Resilienz und Wachstum zu maximieren. Bei Stadtbäumen wird grundsätzlich eine Kombination aus einheimischen und nicht einheimischen Arten, die an Klimabedingungen mit trockenen Sommern und sehr kalten Wintern angepasst sind, angestrebt. «Beim Einführen von Baumarten müssen wir auch Neophyten im Auge behalten», fügt Scheurer an. Die Robinie ist ein gutes Beispiel dafür, da sie aufgrund ihres wertvollen Holzes oft in die Schweiz importiert wird. Mit dem trockenen Klima kommt sie gut klar, verbreitet sich aber auch sehr schnell und stellt ein ernstzunehmendes Problem für die einheimische Biodiversität dar.
Auch Bäume brauchen Sonnenschutz
Was es bei Neupflanzungen weiter zu beachten gilt: Nach dem Umpflanzen haben Bäume aus Baumschulen oft Probleme mit der zunehmenden UV-Strahlung. In der Baumschule wachsen sie jeweils eng beieinander und meist beschattet. Werden sie dann an sonnenexponierten Orten wie Strassen oder Plätzen gepflanzt, leiden sie unter der starken Sonneneinstrahlung. Das Kürzen der unteren Äste zur Einhaltung der Vorgaben zum Lichtraumprofil schwächt zudem ihren Eigenschutz. Die Rinde kann aufplatzen, ähnlich einem Sonnenbrand, und im schlimmsten Fall können die Bäume absterben. Um dem entgegenzuwirken, wird Jungbäumen oftmals eine Schutzmatte um den Stamm gebunden, die zudem Schutz vor mechanischen Beschädigungen bieten.
Mit dem zunehmenden Bewusstsein für die vielfältigen Leistungen von Bäumen für Stadtklima, Biodiversität und Wohnumfeld wird ihnen zudem ein höherer Stellenwert als in der Vergangenheit eingeräumt. Entsprechend sorgsam wird mit den Bäumen umgegangen und auch der Schutz auf Baustellen wird stärker thematisiert als früher. Durch Dialog und sorgfältige Planung mit den Bauunternehmen versucht die Stadt, jede unnötige Baumfällung zu vermeiden. Das Spannungsfeld zwischen städtischen Veränderungen und lang gewachsenen, stehenden Lebewesen besteht aber nach wie vor. Aus diesem Grund seien Parks und Friedhöfe wertvolle Rückzugsorte für den Baumbestand, wie Scheurer erklärt.
Bessere Lebensbedingungen auf dem Friedhof
Frühmorgens auf dem Ostfriedhof angekommen, präsentiert sich die Parkanlage als grüne Erholungsoase. Der Dauerregen der letzten zwei Wochen hat aufgehört und die Sonne scheint durch die Baumkronen. Simon Witzig, Leiter des Ostfriedhofs, ist in seinem Büro nahe der Kapelle anzutreffen.
Der im Jahr 1908 angelegte und in den folgenden Jahren im Stil eines englischen Landschaftsparks erweiterte Ostfriedhof mit dem Weiher bietet einen idyllischen Anblick. Die Bäume hier geniessen bessere Lebensbedingungen als jene im Stadtinnern, bestätigt auch Witzig, und erklärt: «Ein Friedhof ist eine geschützte Anlage, wo der Boden nicht befestigt ist und die Bäume seltener beschädigt werden». Auch trägt die beständigere Umgebung dazu bei, dass auf einer solchen Anlage viel mehr ältere Bäume stehen. Und genau diese sind zentral: Je grösser das Volumen an Blattbiomasse eines Baums, desto mehr Sauerstoff wird produziert und desto mehr Wasser verdunstet, welches die Luft abkühlt. Des Weiteren bietet ein alter Baum einer Vielzahl von Tieren, Pilzen und Pflanzen einen Lebensraum.
Das Ziel: mehr Bäume in der Stadt
Eine hohe Wiese mit vereinzelten Bäumen und dazwischen gemähten Gehwegen zeigt auf, dass Bäume auf dem Ostfriedhof teilweise eine zusätzliche Rolle erfüllen: «Die Leute können in diesem neuartig gestalteten Gemeinschaftsgrab einen Ort für die Bestattung auswählen, beispielsweise bei einem Baum», erklärt Witzig und führt weiter, «Für viele hat das eine symbolische Bedeutung – die Bäume stehen hier anstelle eines Grabmals».
Viele der Bäume auf dem Friedhof sind zwischen 100 und 150 Jahre alt, da sie um den Zeitpunkt der Erstellung des Friedhofs gepflanzt wurden. «Dieses Alter ist für Bäume aber eher jung», relativiert Witzig. Linden beispielsweise können unter guten Bedingungen rund 1'000 Jahre alt werden. Das gibt es aber nur sehr selten, da die Bäume aufgrund der landschaftlichen Entwicklung oftmals irgendwann gefällt werden müssen oder vorher sterben. Zudem gab es in der Vergangenheit eine längere Phase, in der Grünanlagen keine grosse Bedeutung zugeschrieben wurde. «Und diese Bäume fehlen heute», erklärt er. Das Ziel sei daher, durch das Pflanzen neuer Bäume und unterstützende Massnahmen wie Schutzmatten die Anzahl grosser, schatten- und sauerstoffspendender Bäume in der Stadt zu erhöhen.
«Unser Team ist für den einfachen Unterhalt der Bäume zuständig, wie beispielsweise für die Sichtkontrolle», erklärt Witzig. Und wenn weitere Massnahmen oder eine Beurteilung nötig sind, kommen die Baumpflegespezialisten ins Spiel.
Wer auf Entdeckungsreise gehen will, kann auf dem Stadtbäume-Weg vom Bahnhof über die Altstadt bis zum Rosenberg 20 verschiedene Stadtbäume genauer kennenlernen.
