Das Adressbuch – eine kleine Hommage
Wie oft haben Sie, als Sie ein paar Jahrzehnte jünger waren, sich in eine Telefonkabine begeben, haben die dicken Telefonbücher hochgeklappt und aufgeschlagen, nach dem Namen, der Adresse und der Telefonnummer der anzurufenden Person gesucht und anschliessend Münze um Münze in den Apparat geworfen, je länger das Telefonat wurde? Hatten Sie früher ein gedrucktes Telefon- und Adressbuch zu Hause? Wie erkundigen Sie sich heute über eine Adresse?
Die gedruckten Adress- und Telefonbücher in den Telefonkabinen wurden im Jahr 1998 abgeschafft (vgl. Juri Jaquemet: Telefonkabinen – Abschied von den Festnetz-Leitfossilien neues Fenster), verschwanden danach langsam aus unserem Alltag und finden sich heute praktisch nirgends mehr. Für die historisch interessierte Suche nach Firmen oder Personen erweisen sich die Adressbücher, deren Zusammenstellung «nicht nur eine kostspielige und zeitraubende, sondern auch eine sehr komplizierte Arbeit» (Neue Zürcher Zeitung, 22. Januar 1922) war, jedoch als wahre Goldgrube. Ihre hohe Informationsdichte und -vielfalt bedeutet aus heutiger Sicht einen grossen Quellenwert, da dies die vielfältigsten Zugriffe auf die Vergangenheit erlaubt.
Was alles stand im Adressbuch?
Adressbücher waren nicht nur Informations- sondern auch Werbeträger – und das war sündhaft teuer, wie ein Vermerk aus dem Telefonbuch des Jahres 1922 verrät (vgl. Abb. 1): Im kleingedruckten oberen Teil wird darauf hingewiesen, dass alles, was über insgesamt sieben Gratiszeilen hinausgehe, Reklame sei und pro zusätzliche Zeile vier Franken berechnet würden. Zum Vergleich: Für diesen Preis erhielt man 1922 beispielsweise 40 Zigaretten, knapp die Hälfte eines dreimonatigen Tagblatt-Abonnements mit zweimal täglicher Heimlieferung, 20kg Kartoffeln oder 60 Liter Süssmost, jedoch nur knapp zwei Drittel Mödeli (250g) Butter (vgl. St.Galler Tagblatt, 30. September 1922) – heute entspräche dieser Betrag rund 25 Franken. Dass das Adressbuch nicht mit der Teuerung gegangen ist, beweist jedoch der Hinweis aus dem Jahr 1998: Dort kostete jede Texterweiterung nur sieben Franken pro Zeile.
Nicht entgehen sollte uns der Hinweis, dass die Aufnahme ins Adressbuch des folgenden Jahres bis zum 31. Oktober des laufenden Jahres erfolge, was «von Amts wegen» rechtzeitig in Zeitungen publiziert wurde. Das gedruckte Buch widerspiegelt also den Stand des jeweils vorausgehenden Jahres und enthält nur Personen und Firmen, die in St.Gallen eine Niederlassung haben – für uns heute sind es wertvolle Personenlisten, die etwa in der Ahnenforschung sehr hilfreich sein können, allerdings mit einer Kautel: 1926 wird präzisiert, dass die Aufnahme für alle selbständig erwerbenden Personen und im Handelsregister registrierte Firmen, die in St.Gallen eine Niederlassung haben, erfolge; Aufenthalter*innen sowie Arbeitslose sind von einer Aufnahme also grundsätzlich ausgeschlossen.
Wir lernen hier ebenfalls, dass das Adressbuch in vier Hauptabteilungen unterteilt war: Das Einwohnerverzeichnis, das Handelsregister, das Häuserverzeichnis und das Branchenverzeichnis – dazu kommen das Verzeichnis über die Gesandtschaften, Konsulate, Behörden und ÖV- und Posttarife der Stadt St. Gallen wie auch ein Geschäftsanzeiger, der eine Übersicht über alle farbigen Werbeseiten und Fussannoncen bot, mit denen das Adressbuch gespickt war und die das Buch gleichzeitig strukturierten (vgl. Abb. 2).
Dieses System hielt sich über knapp 80 Jahre relativ unverändert: Die Adressbücher aus den Jahren 1972 und 1998 – das letzte, welches das Stadtarchiv St.Gallen verwahrt – unterscheiden dieselben Abteilungen. Der einzige augenfällige Unterschied: Die Fussannoncen in den neueren Ausgaben sind spärlicher und nur noch unter dem entsprechenden Buchstaben zu finden; unter H also nur noch die Christian Hausmann AG und Philipp Heberle + Co und nicht mehr wie 1922 Sigrist Merz & Cie (vgl. Abb. 5).
Neben diesen «gewollt» überlieferten Daten sind im Adressbuch also auch – «ungewollt» – Reklamen überliefert. Sie setzen das Adressbuch in einen grösseren Kontext, indem sie die gewerbliche Tätigkeit in der Stadt und die Lebensrealität ihrer Bewohner*innen sichtbar machen: Sie zeigen auf, welche Alltagsgegenstände oder Dienstleistungen in diesen Jahren von Belang waren oder wer Geld für eine teure Reklame besass.
Werbung und Wirtschaft
Geld hatte in St.Gallen vor allem die Stickereiindustrie. Diese war in den 1920er-Jahren noch immer der grösste Geschäftszweig St.Gallens (vgl. Abb. 3), dessen Besprechung in der jährlich erscheinenden St.Galler Schreibmappe, einer Mischung aus Jahresrückblick und Erbauungsliteratur, sogar einen eigenen Platz erhielt. Nach dem Ersten Weltkrieg brach die Nachfrage nach Luxusgütern, und zu diesen gehörten die Stickereiwaren, zwar massiv ein, doch erholte sich die Lage kurzfristig, was die Exportziffern bestätigen. Absatzmärkte gab es weltweit, beispielsweise wurden die Textilwaren auch in Ägypten, Japan, Kanada und Brasilien verkauft. Wie kosmopolitisch Herr Schweizer (Frau leider nicht) in den 1920er-Jahren war, illustrieren die im Adressbuch enthaltenen Listen der Gesandtschaften der Schweiz im Ausland und die Konsulate, die andere Länder in der Schweiz vertraten. Schweizer hielten sich etwa in Johannesburg, Buenos Aires, Christiania, Shanghai oder Teheran auf. Die Konsulate fremder Länder waren vor allem in Zürich und Bern angesiedelt; in St.Gallen vertreten waren Frankreich, Italien, Österreich, Spanien und Brasilien. Die Märkte für die Stickereiindustrie begannen in den Nachkriegsjahren aufgrund des Währungszerfalls und der sinkenden Kaufkraft in den St.Galler Exportländern stark einzubrechen (vgl. St.Galler Schreibmappe für das Jahr 1925. St.Gallen 1924, S. 13 und Wirtschaftsgeschichte und Stadtbild, bearb. v. Marcel Keller nach einem Vortragszyklus an der Hochschule St.Gallen unter der Leitung v. Marcel Mayer; initiiert u. hrsg. v. der Helvetia Patria Gruppe. St.Gallen 1995, S. 37) und spätestens die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre bedeutete deren Ende.
Betrachtet man die Reklamen zwischen den einzelnen Abteilungen und innerhalb der Verzeichnisse, sind Luxuswaren 1924 tatsächlich untervertreten. Was ins Auge sticht, sind die zahlreichen teuren Werbungen der Sparte Käse- und Butterhandlungen (vgl. Abb. 4). Erinnern wir uns an die oben erwähnten verhältnismässig hohen Butterpreise, scheint das wenig verwunderlich. Viel mehr als Lebensmittel wurden – vielleicht aufgrund der seit Beginn der 1920er Jahre hohen Arbeitslosigkeit der Bevölkerung (vgl. Bernard Degen: «Arbeitslosigkeit», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 09.12.2013. Online neues Fenster) – z.B. Kreditanstalten, Banken und Versicherungen angepriesen, darunter die Zürich Versicherung oder die St.Gallische Creditanstalt (heute Acrevis). Alltägliches war gut vertreten; nennenswert ist vielleicht das Warenhaus Globus, ebenso wie Anbieter für Haushaltsutensilien oder Handwerksfirmen.
Viel Inhalt, wenig Raum
Vergleicht man die Systematik innerhalb des Personen- und Firmenverzeichnisses zwischen 1922, 1972 und 1998, fällt auf, dass diese fast unverändert bleibt. Die alphabetische Sortierung liegt auf der Hand, doch liefern viele kleine Eintragungen weitere Informationen: So ordnen schon 1922 die sperrigen, fett gedruckten Buchstaben O, W, und C den Eintrag den Stadtgebieten im Osten, Westen und Zentrum zu. Sie beziehen sich auf die ehemaligen Gemeinden Straubenzell, Tablat und St.Gallen, die 1918 zu Gross-St.Gallen fusionierten. 1998 scheint diese Unterscheidung nicht mehr relevant zu sein, denn die Buchstaben sind verschwunden. Die kleinen Telefonhörer zeigen den Besitz eines Telefons an (man beachte die Kürze der frühen Nummern!). Steht ein Name in Klammern, handelt es sich um den früheren Familiennamen der Frau eines Witwers bzw. den Mädchennamen der Witwe (vgl. Abb. 5, z.B. Häni(-Buschle) Johann Josef bzw. Hediger Meta (-Landis); man beachte die neue Ordnung).
In späteren Adressbüchern wird dieses System immer aussagekräftiger. So steht schon 1924 ein Schrägstrich für eine geschiedene Person und es wird anhand der Buchstaben B und G, die nicht in Fraktur gedruckt sind, zwischen Bureau und Geschäft unterschieden (vgl. Abb. 5, z.B. Hanhart-Müller Ernst bzw. Heeb Theresa). Ersteres wird in den 70er-Jahren nicht mehr gemacht, letzteres wurde durch die Buchstaben W, L und P (Werkstatt, Laden, Privat) ausgeweitet (vgl. Abb. 5, Heeb J.; das schwarze Zeichen vor dem Eintrag bedeutet eine Geschäftsniederlassung). Ein Stern vor einem Firmennamen bedeutet, dass diese im Handelsregister eingetragen ist (vgl. Abb. 5, Häute und Leder AG). Dieses System ist in der letzten Ausgabe nicht mehr vorhanden; stattdessen zeigt ein Asterisk * an, dass auf diese Telefonnummern keine Werbeanrufe unternommen werden sollen und dass die Adresse nicht für Werbezwecke weitergegeben werden darf.
Schriftliche Geografie
Im Strassenverzeichnis fallen alle Angaben über Personen oder Firmen weg; es dient vielmehr der Wiedergabe der geografischen Gegebenheiten der Stadt: Die alphabetisch geordneten Strassennamen sind mit einer Planfeldnummer versehen, die auf dem beigegebenen Stadtplan auf das Feld verweist, in welchem die betreffende Strasse zu finden ist. Es wird zudem angegeben, wo eine Strasse beginnt und wo sie endet; die Hausnummern sind in der entsprechenden Richtung angeordnet.
Nach der Einführung der Postleitzahl im Jahr 1964 entsteht neben den obigen, die beibehalten wurden, ein neues Verzeichnis, das den Strassen die Postleitzahl zuordnet.
Das nach Strassennamen sortierte Häuserverzeichnis wiederum gibt Auskunft darüber, wer an welcher Hausnummer wohnt – es ist gewissermassen das Gegenstück zum oben vorgestellten Personen- und Firmenverzeichnis. Auch hier zeigen die Buchstaben O, W und C den Stadtteil an. Ein Asterisk *, 1998 ein Punkt, vor einem Namen gibt an, dass es sich um einen Hausbesitzer handelt, der an der betreffenden Adresse wohnt oder arbeitet. Wohnt ein Hausbesitzer nicht in seinem eigenen Haus, wird das mit einem Kreuz, 1998 einem Rhombus angezeigt.
Alltag und Freizeit
Für eine aktive und sozial eingebundene Alltags- und Freizeitgestaltung konnte man ebenfalls das Adressbuch konsultieren. Zum einen enthielt das Behördenverzeichnis alle Adressen wichtiger Ämter und die Mitglieder nicht nur städtischer, sondern auch Bezirks-, kantonaler oder eidgenössischer Behörden, wie auch die Lehrer aller Schulen und Kommissions- und Ratsmitglieder der Kantons-, Verkehrs- und Handelshochschule St.Gallens. Zum anderen waren im Adressbuch über dessen gesamte Existenzzeit hinweg die unzähligen Vereine und Gesellschaften der Stadt St.Gallen aufgelistet.
Neben religiösen, politischen, gemeinnützigen oder in der Sozialhilfe tätigen Vereinen gab es eine Vielzahl kleinerer Vereine wie Sprach- und Lesezirkel, Quartier- oder Geselligkeitsvereine.
Kulturinteressierte konnten in Kunst- und wissenschaftliche Vereine eintreten oder einen Musik- oder Gesangsverein frequentieren. Wer wirtschaftlich weiterkommen wollte, trat einer Vereinigung der Kategorie «Vereine zur Hebung ihrer ökonomischen und Berufsinteressen» bei. Auch die Militär- und Schützen- und Turn- und Sportvereine durften nicht fehlen. Diese Auflistung hielt sich bis in die 90er-Jahre ebenfalls unverändert.
Fündig wurde man auch, wenn man wissen wollte, wie viel eine Brief- oder Paketsendung ins In- oder Ausland oder eine Fahrt mit dem «Taxameter» kostete oder wann und zu welchem Tarif Telegrafen- und Telefonstellen geöffnet waren – für die Benützung des letzteren war 1924 sogar eine doppelseitige Bedienungsanleitung abgedruckt.
Zu guter Letzt war mit dem Adressbuch gut bedient, wer jemandem einen Tipp für eine Stadtbesichtigung geben wollte: Nach allen Taxen und Tarifen wurde eine Liste St.Galler Sehenswürdigkeiten publiziert, die folgenden Seiten gaben Auskunft über die Öffnungszeiten des Verkehrsbüros und des öffentlichen Lesesaals für Männer an der Goliatgasse 12 und informierten über die Fahrzeiten und Destinationen der damals noch existenten Tramlinien und der Mühleggbahn.
Das Adressbuch war also schon in den 1920er-Jahren ein echter Alleskönner, ein «zuverlässiges und unentbehrliches Handwerkszeug» (Neue Zürcher Zeitung, 22. Januar 1922) und hat sich bis zum Ende der 90er-Jahre bewährt. Nicht viel grösser im Format als ein heute gängiges Buch strotzte es nur so an Informationen aller Art und war überhaupt nicht auf die blosse Wiedergabe von Adressen und Telefonnummern beschränkt.
Wenn Sie das nächste Mal scheitern, weil Sie die gesuchte Information in den Untiefen des Internets partout nicht finden können, besinnen Sie sich doch zurück auf die Zeit, als die Informationsbeschaffung vielleicht langsamer war und noch mehr eigene Hirn-Rechenleistung erforderte, Sie dafür aber mit dem Griff nach nur einem Buch mit äusserst hoher Wahrscheinlichkeit fündig wurden.
Stadtarchiv

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