Flugpioniere aus St.Gallen
Wussten Sie, dass die Gründung der «Swissair» unter anderem auf einen St.Galler zurückgeht? Und wussten Sie, wo sich der erste und letzte Flughafen in St.Gallen befand? Im folgenden Artikel beleuchtet das Stadtarchiv das Thema Fliegen in der Gallusstadt und stellt mit Henri Kunkler und Walter Mittelholzer zwei Flugpioniere vor.
Henri Kunkler: selbst gebautes Flugzeug und erste Passagierflüge über St.Gallen
Er war begeistert von der Eroberung der Lüfte: Henri Kunkler (1886-1951) aus St.Gallen. Seit frühester Kindheit ist das Fliegen seine grosse Leidenschaft. Nach dem Militärdienst beginnt er sich autodidaktisch das Fliegen beizubringen, indem er einen Flugsimulator aus Holz und Leinen konstruiert, diesen an seiner Gartenmauer aufhängt und das Navigieren im Wind übt. Mit Hilfe seines Freundes Rossier baut er im Jahr 1912 sein erstes «richtiges» Flugzeug, den «Rossier-Kunkler» Hochdecker. Er befestigt kurze Tragflächen, ein doppeltes Seitendruder und ein grosses Höhenruder an einen hölzernen Rumpf, angetrieben wird das Fluggerät von einem 50 PS starken Motor. In dieser Konstruktion sitzt der Pilot im offenen Rumpf des Flugzeugs, dahinter gibt es Platz für Passagiere.
Seine Frau und sein Hund Foxli sind in der Anfangszeit treue Passagiere. Seine Start- und Landebahn sowie sein Trainingsgelände ist das Breitfeld in Winkeln, St.Gallen. Die ausladende Wiese bietet genügend Platz für Start- und Landemanöver. Von dort wagt er erste Flüge nach Dübendorf und zurück.
Henri Kunklers grosser Auftritt an der Flugschau auf dem Breitfeld im März 1913 beeindruckt die Zuschauerinnen und Zuschauer. Seine Schauflüge sind so erfolgreich, dass er sich im April 1914 entschliesst, einen Hangar auf dem Breitfeld zu errichten. Zur Einweihung bietet er Passagierflüge über St.Gallen und die nähere Umgebung an. Leider sollte ihm sein Projekt kein Glück bringen. Die Behörden sind von der Fliegerei nämlich wenig begeistert. Die Verwaltung des eidgenössischen Waffenplatzes Breitfeld verbietet ihm die Nutzung der Wiese als Privatflugplatz. Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs meldet sich Kunkler als Pilot bei der Schweizer Armee, wird aber abgewiesen: Verheiratete waren nicht für die Fliegerei im Korps zugelassen. Enttäuscht wendet er sich von der Schweiz ab und arbeitet als Fluglehrer in Freiburg im Breisgau. Nach dem Krieg kehrt er nach St.Gallen zurück, sein neu gegründetes Luftverkehrsunternehmen scheitert jedoch. Er ist gezwungen als Vertreter zu arbeiten und stirbt im Jahr 1951 in St.Gallen als armer Mann. Als Flugpionier aber hat er Meilensteine gesetzt und sein Leben für diesen Traum mehr als einmal riskiert: Im Laufe seiner Karriere überlebt er mindestens 8 Notlandungen und 3 Abstürze.
Walter Mittelholzer: legendäre Flüge und Abenteuergeschichten
Der wohl populärste Schweizer Flugpionier ist der St.Galler Walter Mittelholzer (1894-1937). Allerdings führt ihn sein Weg indirekt zur Fliegerei. Von Kindsbeinen an fasziniert ihn die Fotografie, so dass er im Jahr 1911 eine Lehre im noch jungen Beruf des Fotografen ergriff. Im Militärdienst meldet er sich als Fotograf bei der Fliegertruppe und macht eine Ausbildung als Armeepilot.
Nach dem Krieg gründet Mittelholzer mit Kollegen eine eigene Fluggesellschaft, die «Ad Astra Aero AG», die bald von der in Genf gegründeten «Ad Astra» Fluglinie übernommen und neu unter «Ad Astra Aero» firmiert. Mittelholzer leitet den Bereich Luftfotografie und erzielt mit seinen Aufnahmen grosse Gewinne für das neu gegründete Unternehmen. Trotz allem ist die «Ad Astra Aero» ständig in Finanznot. Ab 1923 leitet Mittelholzer das Unternehmen, beschafft neue Flugzeuge und eröffnet neue zivile Luftlinien. 1931 übernimmt die Basler Fluggesellschaft «Balair» das angeschlagene Unternehmen. Später sollten sie in der «Swissair» aufgehen.
Besonderen Nachruhm wird Mittelholzer vor allem durch seine Pionierflüge in ferne Länder zuteil. Er fliegt in den 1920er-Jahren bis zum Persischen Golf und nach Afrika. Er fotografiert den Mount Kenya und den Kilimanjaro. Am 7. Dezember 1926 fliegt er zwei Afrikaforscher über 14'500 Kilometer und 96 Flugstunden von Zürich nach Kapstadt. Ebenso legendär wie seine Flüge sind die Abenteuergeschichten, die sich um seine Figur ranken. Dramatisch erzählt er selbst einen Flugzeugabsturz über den Alpen am 29. März 1922. Seine Maschine kracht frontal in die Felswand. Schwer verletzt und blutüberströmt rettet er sich mit letzter Kraft ins Tal und überlebt. Trotzdem sollte seine Kletterleidenschaft sein Ende bedeuten. Am 9. Mai 1937 verunglückt er tödlich beim Bergsteigen in der Steiermark. Hinterlassen hat er elf in zahlreiche Sprachen übersetzte Bücher und ein grosses Konvolut an Bildern und Filmen.
Der erste und letzte Flughafen in St.Gallen – Das Breitfeld
Schauplatz der vielen Pioniertaten von Kunkler und Mittelholzer ist das Breitfeld in St.Gallen-Winkeln. Kaum mehr als eine grüne Wiese, bietet es immerhin genügend Platz für die Start- und Landemanöver der Fluggeräte. Hier finden auch die ersten Flugtage und -feste statt. In einer «St.Galler Jahresmappe» ist ausführlich das Flugfest vom 13. und 14. August 1911 geschildert. Unter grossem Andrang des Publikums werden Darbietungen aller Art geboten. Ein kleiner Auszug:
«Das […] gilt von dem berühmten Deutschen Luftakrobaten Dimpfel, der sich am Trapez in beträchtlicher Höhe produzierte und sich u.a. an den Zähnen hängend, seiner Kleider entledigte. Bei den waghalsigen Sturzflügen hielt er sich aussen am Apparat fest.»
Professionalisiert und zum eigentlichen Flugplatz (oder Flughafen) wird das Breitfeld durch die Gründung der Fluggenossenschaft «Ostschweizerische Aero-Gesellschaft». Die Gesellschaft bietet Post-, Waren- und Personentransport nach Zürich und Basel an. Mit einer aufwendigen Eröffnungsfeier wird die Fluglinie St.Gallen-Zürich-Basel am Sonntag, 7. August 1927 auf dem Breitfeld eingeweiht. Das Programm ist vielseitig: Diverse Rundflüge, Fallschirmabsprünge, Besichtigung der Flugzeuge und ein Konzert, gegeben von der Bürgermusik Herisau.
Leider schlägt die anfängliche Begeisterung schnell in Ernüchterung um. Die «Aero-Gesellschaft» ist ständig in Finanznot. Im Februar 1928 weist sie bereits ein Defizit von knapp 50'000 Fr. auf. Der Ausbau der Fluglinie nach München scheitert. Die Beförderung von Passagieren bewegt sich im niedrigen dreistelligen Bereich. Zum Vergleich: Schweizweit werden im Jahr 1928 insgesamt 18'557 Passagiere befördert, auf die «Aero-Gesellschaft» entfallen dabei 217 Passagiere. Erfolgsversprechender ist die Beförderung von Briefen und Paketen (ca. 13 Tonnen) und Fracht (knapp 1 Tonne). Stadt, Kanton und Bund sind bereit, mit Finanzspritzen und Subventionen unterstützend einzugreifen. Der St.Galler Stadtrat will den Anschluss an den Schweizer Flugverkehr nicht verpassen.
Die schlechte Finanzlage der «Aero» hat aber noch andere Gründe: Das Breitfeld ist als Flugplatz ungeeignet. Nicht nur ist die Bodenbeschaffenheit nicht ideal, sondern es dient vor allem gleichzeitig als Weide für Vieh und als Exerzierplatz für die Armee. Konflikte um die Nutzung entbrennen schnell, die «Astra» will Flüge ausbauen, stört aber gleichzeitig das Militär bei ihren geplanten Manövern. Dazu kommen diverse private Anbieter, die mit ihren Flugzeugen Rundflüge und Passagiertransporte anbieten wollen – diese werden erst abgewiesen, müssen aber auf Dauer mit Spezialbewilligungen ebenfalls zugelassen werden. So erstaunt es kaum, dass bereits früh das Gespräch mit dem Flugplatz «Altenrhein» gesucht wird. Mit Ausbruch des 2. Weltkriegs übernimmt die Armee das Breitfeld vollständig. Die privaten Flugaktivitäten werden eingestellt und nach Kriegsende schliesslich nicht mehr aufgenommen. Als Verkehrsflugplatz war das Breitfeld bereits im Mai 1931 aufgegeben und sämtliche Flugaktivitäten nach Altenrhein verlegt worden.
Die Anfänge der zivilen Luftfahrt mit St.Galler Beteiligung
Die Gründung der «Swissair» geht unter anderem auf einen St.Galler zurück. 1919 gründet der St.Galler Walter Mittelholzer zusammen mit dem Fliegerleutnant Alfred Comte die Flugzeuggesellschaft «Comte, Mittelholzer & Co.» in Zürich. Kurze Zeit später geht sie in der «Ad Astra», der «Schweizerischen Luftverkehrs AG» auf. Es ist die Pionierzeit der Passagierflüge, technische Störungen treten häufig auf und in den meist kleinen Flugzeugen herrscht wenig Komfort. Das bediente Streckennetz indes erweitert sich ständig: Am 1. Juli 1922 eröffnet die «Ad Astra» die Fluglinie von Genf über Zürich nach Nürnberg, später nach München. Nur wenige Jahre später entsteht in Basel die Fluggesellschaft «Balair». Während die «Balair» mehr auf Flugzeuge des Typs «Fokker» setzt, nimmt die «Ad Astra» Modelle des Dornier-Werks in Betrieb, v.a. die «Dornier Merkur». Der historische Wendepunkt wird 1931 erreicht: Die beiden schliessen sich zur «Swissair» zusammen. Der Personalbestand beläuft sich auf 64 Personen, davon 9 Piloten, 4 Funker und 8 Mechaniker. Bald schon können der Fuhrpark und die Fluglinien ausgeweitet werden. Bis 2002 ist die Swissair eine der renommiertesten Fluggesellschaften der Welt.
Stadtarchiv
Die Geschichte der Fliegerei
Der Traum vom Fliegen ist so alt wie die Menschheit selbst. Heute haben wir uns an die Mobilität durch die Lüfte gewöhnt. Wie es dazu gekommen ist, erfahren Sie hier.
Quellen
GEO Epoche: Der Traum vom Fliegen, Ausgabe Nr. 86, Hamburg 2017.
Ittensohn, Oliver und Gersbach, Martina: Gossau und die frühe Fliegerei, in: Oberberger Blätter 2006/2007, S. 49-57.
Protokolle des Stadtrats der Politischen Gemeinde St.Gallen, StadtASG, 5/2
Ruoss, Hugo: 100 Jahre Luftfahrt in der Schweiz. Unsere schweizerischen Flugpioniere, Kloten 2010.
Ruoss, Hugo: 100 Jahre Luftfahrt in der Schweiz: Von den ersten Flugmeetings zur AD AST-RA, BALAIR und SWISSAIR, Kloten 2012.
St.Galler Jahresmappe vom Jahr 1911.
Streit, Kurt, W.: Geschichte der Luftfahrt, London 1972.
