Stefan Keller, Sie sind gewissermassen ein «alter Hase» im Politikbetrieb der Stadt. Seit mehr als zehn Jahren sitzen Sie im Stadtparlament, während acht Jahren waren Sie Mitglied in mehreren Kommissionen, letztes Jahr amteten Sie als Vizepräsident des Stadtparlaments. Was bedeutet es für Sie, nun das Stadtparlament zu präsidieren?
Es ist primär eine grosse Ehre. Nicht vielen Politikern ist es gegönnt, einmal im Leben der höchste Stadtsanktgaller zu sein. Es erfüllt mich daher mit Stolz aber auch mit viel Respekt, ein Jahr lang das Stadtparlament präsidieren zu dürfen.
Was hat sich für Sie verändert, nun da Sie so direkt im Rampenlicht stehen?
Eigentlich erstaunlich wenig. Im Gegensatz zur Stadtpräsidentin steht der Parlamentspräsident eigentlich gar nicht so oft im Rampenlicht. Man wird zwar an den zahlreichen Veranstaltungen jeweils als Ehrengast empfangen, doch im Gegensatz zu den übrigen Stadtparlamentarierinnen und Stadtparlamentariern vertritt man gegen aussen kaum öffentlich eine politische Haltung. Die Aufgabe des Präsidenten besteht ja primär auch darin, den Parlamentsbetrieb reibungslos zu leiten, und nicht zu polarisieren. Man muss daher nicht auffallen, um ein guter Präsident zu sein.
Sie haben mittlerweile bereits die 9. Sitzung des Stadtparlaments als Präsident geleitet. Was hat Sie trotz Ihrer Erfahrung überrascht bzw. was ist Ihnen besonders geblieben?
Die Sitzungen des ersten Halbjahres waren geprägt von eher unbestrittenen Traktanden. Die Sitzungen waren somit oft um einiges kürzer als geplant. Die Behandlung des Richtplans im August war dann für mich der erste Höhepunkt. Hier wurde ich als Präsident so richtig gefordert, mussten doch bei diesem einen Traktandum gleich etwa 35 Abstimmungen durchgeführt werden.
Geblieben ist mir darüber hinaus der Besuch beim Gemeinderat in Zürich. Man würde erwarten, dass die grösste Stadt der Schweiz hier in Sachen Professionalität und würdigem und respektvollem Umgang miteinander gegenüber der Stadt St.Gallen die Nase vorn hat. Ich musste aber feststellen, dass sich unsere Stadt in dieser Beziehung nicht vor Zürich verstecken muss. Dies freut mich sehr und macht mich auch stolz.
Sie haben bei ihrer Antrittsrede im Januar den Wunsch geäussert, dass im Parlamentsbetrieb «den Sorgen und Wünschen der anderen Parteien offen und ohne Vorurteile» begegnet wird. Spüren Sie davon etwas?
Das ist leider erwartungsgemäss eher ein frommer Wunsch geblieben. Viele fundamentale Haltungen, wie z.B. bei der Diskussion über den neuen Autobahnanschluss beim Güterbahnhof, prägen nach wie vor die Parlamentsdebatten. Das wird sich wohl in Hinblick auf die Budgetdebatte nicht gross ändern.
Was Sie für die übrigen Mitglieder des Stadtparlaments eingefordert haben, leben Sie vor, nicht erst, seit Sie als Präsident das ganze Stadtparlament nach aussen vertreten. Wie würden Sie sich als Politiker beschreiben bzw. weshalb betätigen Sie sich politisch?
Ich gelte in vielen Kreisen als Brückenbauer, da ich in der Regel versuche, möglichst tragfähige Lösungen zu finden. Das führt zwar oft zu eher unliebsamen Kompromisslösungen; sie sind aber manchmal das kleinere Übel als die Durchsetzung von Extremhaltungen. Das hat dann halt oft auch mit einer Abkehr von der parteieigenen Fundamentalposition zu tun – womit wir wieder bei meinem Wunsch aus der Antrittsrede sind.
Stefan Keller (Jg. 1968) amtet im Jahr 2023 als Präsident des Stadtparlaments. Er sitzt seit dem 1. Juni 2012 als Mitglied der FDP im Stadtparlament und war in dieser Zeit während je vier Jahren Mitglied der Bildungskommission (2013-2016) und der Liegenschaften- und Baukommission (2017-2022). Im Jahr 2022 war er Vizepräsident des Stadtparlaments. Aufgewachsen im thurgauischen Zilschlacht, führte ihn seine Ausbildung als Architekt nach St.Gallen. Hier ist er heute Partner der Forma Architekten AG. Er wohnt mit Tochter und Sohn in Haggen.
Sie gelten als geduldig und konziliant. Worüber ärgern Sie sich bzw. womit kann man Sie wütend machen?
Es ist richtig, dass ich in der politischen Diskussion selten die Fassung verliere. Meist sind mir die Haltungen und somit das Abstimmungsverhalten der anderen Parteien bewusst, Überraschungen sind da eher selten. Wütend machen mich eigentlich nur falsche Behauptungen und verletzende Angriffe auf die Person. Bei Letzterem habe ich als Präsident wenigstes die Möglichkeit, diese zu unterbinden. Das war zum Glück bis jetzt nicht notwendig.
Mindestens drei Sitzungen werden Sie noch leiten, unter anderem die wichtige Budgetsitzung. Was wünschen Sie sich für die Stadt St.Gallen?
Ich wünsche mir optimale Bedingungen für eine lebenswerte Stadt als Wohn-, aber auch als Arbeitsort. Neben den Bemühungen zur Verbesserung der Lebensqualität ist aber auch eine Reduktion der Steuerbelastung anzustreben. Im Weiteren ist gegenüber den Landgemeinden das Verständnis darüber zu verbessern, dass eine starke Hauptstadt auch dem Kanton von grossem Nutzen ist. Sie braucht aber auch entsprechende Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Zentrumslasten.
Wofür werden Sie nach Ihrer Amtszeit wieder mehr Zeit haben (und freuen sich darauf)?
Die zahlreichen Veranstaltungen am Abend und an den Wochenenden waren zwar interessant, aber auch entsprechend zeitintensiv. Ich freue mich daher, mich wieder mehr meinen persönlichen Bedürfnissen widmen zu dürfen. Im Weiteren konnte ich mein Pensum im Architekturbüro in Absprache mit meinen Partnern etwas reduzieren. Da wird wohl im nächsten Jahr wieder Normalität einkehren.
