Freitagmorgen, 8 Uhr. Bei der Bushaltestelle Rosenbüchel hat sich eine Gruppe Frauen in Outdoorbekleidung versammelt. Sie tragen Rucksäcke und begrüssen die nach und nach eintrudelnden Kinder. Die Sonne scheint den Kleinen ins Gesicht und die Freude auf den heutigen Vormittag ist ihnen anzusehen. Heute ist aber nicht etwa eine Schulreise geplant, sondern ein ganz normaler Tag im Waldkindergarten Boppartshof. Der erste städtische Waldkindergarten ist seit diesem Schuljahr in Betrieb (siehe Infobox).
Romana Müller, Schulleiterin und Initiatorin des Projekts, Simone Burtscher, Lehrperson, Damaris Tobler, Lehrperson, und Rahel Gahler, Praktikantin, führen die Gruppe aufwärts in Richtung Wald. Paarweise folgt ihnen die erste Kindergartengruppe, die «Baumkronenkinder». Die zweite Gruppe, die «Baumwurzelkinder», wird etwas später im Wald eintreffen. Auf dem langen Kiesweg, dessen Ende von hier unten ausser Reichweite zu sein scheint, gibt es einen ersten Stopp und die Gruppe versammelt sich im Kreis. «Guätä Morgä liebi Welt, guätä Morgä ….» singen die Lehrpersonen und Kinder gemeinsam. Sie begrüssen einander gegenseitig – auch das Füchsli im Korb, das die Kinder schon erspäht haben.
Kurz vor dem Ziel
Damit der Weg bergauf mühelos gelingt, erhalten die Kinder den Auftrag, Brombeeren und Spitzwegerich zu sammeln.
Mit etwas «Zwärgestärchi» an der «Zwergenstelle» stärken sie sich für die letzten Meter zum Ziel. Endlich erreichen sie einen schmalen, steilen Pfad, der sie durch das Dickicht zum Waldplatz führt.
Am Waldplatz angekommen, finden sich alle im Kreis zusammen. Das Füchsli hat es sich inzwischen in der Kreismitte bequem gemacht und wirft ein Auge auf die Kinder sowie das goldene Schatzkästchen, das Lehrperson Damaris direkt neben ihm in der Mitte platziert hat. «Was mag da wohl drin sein?» fragt sich die Besucherin und verfolgt die Geschehnisse fast genauso neugierig wie die Kinder. Das Kästchen öffnet sich und Zwerg Zipfelwitz streckt seinen Kopf empor. Eine märchenhafte Stimmung legt sich über den Schauplatz, während der Zwerg den Kindern mit rauer Stimme die Eigenschaften des Spitzwegerichs näherbringt. Reihum lässt er die Kinder an seiner magischen Salbe und dem Bienenwachs-Töpfli riechen und macht neugierig darauf, die Eigenschaften seines «Bienengoldes» auf eigene Faust zu entdecken. Nachdem alle einmal riechen durften, werden die Kinder je einzeln vom Füchsli und Lehrperson Damaris mit einem Lied herzlich begrüsst: «Ich laufä z`ringelum im Land und ha es Füchsli in de Hand, ich gib`s emene liäbä Chind, chumm säg du mir din Name gschwind».
Der Wald eröffnet vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten
Inzwischen sind auch die Baumwurzelkinder im Wald angekommen, sodass alle zusammen mit dem Znünilied den Znüni einläuten. Nachdem die ersten Kinder aufgegessen haben, dürfen sie sich frei beschäftigen. Einzelne finden Freude am Sägen kleiner Holzstückchen, die zu einer Perlenkette zusammengefädelt werden sollen.
Andere schneiden den selbst gefunden Spitzwegerich und wieder andere toben auf dem Bewegungsplatz.
Auf dem Waldplatz hat das Team bereits viele verschiedene Materialien auf Lager. «Die Werkzeugbox haben wir erst gestern eingerichtet» erzählt Simone eifrig. «Damit die Werkzeuge an ihren ursprünglichen Platz zurückkehren, haben wir uns ein System überlegt», führt sie aus und zeigt die «Werkzeugtäschli», die mit ihren Fächern Platz für vielfältiges Werkzeug bieten. Drei Dinge kann jedes Kind in einem Täschli mitnehmen, ebenso das in der Anzahl passende Ziffernblättli. Möchte es tauschen, ergänzen oder abgeben, so kann es an der Werkzeugausgabestation sein Ziffernblättli samt Werkzeug zurückgeben. «So bringen wir ein Stück weit Ordnung und Übersicht in den Wald und schaffen es, diesen «wilden Haufen Spaghetti» zu strukturieren», sagt Simone lachend, während sie mit dem Blick bereits zum hölzernen Schrank schweift, um nach einer der gestapelten grauen Boxen zu greifen.
«Jedes Kind hat eine eigene Schublade, eine solche Box, mit einem Tier drauf, das es sich selbst auswählen durfte» erzählt sie. «Der Auswahlprozess verlief in mehreren Schlaufen mit dem Ziel, dass jedes Kind einen Bezug zum selbst gewählten Tier hat», holt Simone aus. Das sei nicht nur kindgerecht, sondern schütze gleichzeitig die Identität der Kinder im offenen Naturraum. Anstelle des eigenen Namens können die Kinder bemalte Steine und Stöcke mit Mustern verwenden.
Den Deckel der Box öffnend erläutert Simone die praktische Mehrfachnutzung als Pult, zum Schreiben oder Essen. Im Inneren befinden sich fein säuberlich geordnet eine Tafel, Kreide, ein Schwamm, ein weiss-linierter Block und der Name des persönlichen Tiers auf einem Stück Holz abgedruckt.
Der Wald wird zur Theaterbühne
Damaris blickt auf die Uhr. Es ist schon 10.30 Uhr. Zeit, die Kinder zurückzurufen, besser zu «flöten». Mit der zierlichen Holzblockflöte und einer sanften Melodie vermag sie es, im Nu alle Kinder zu versammeln, sodass vom offenen Lernarrangement in ein geplantes Bildungsangebot gewechselt werden kann. Es steht ein Theaterspiel bevor, für das sich die Kinder nebeneinander auf die kleinen, mit bunten Filzpolstern belegten Baumstammhocker setzen. Als sich Damaris hinter den liegenden Baumstamm in die Hocke setzt und Füchsli und Zwerg Zipfelwitz auf die Waldbühne stapfen, kehrt mit einem Mal Ruhe auf dem Waldplatz ein. Flüsternd eröffnet Damaris das Theaterspiel und bringt die Kinderaugen zum Leuchten.
Waldpädagogisches Theaterspiel
Mit Abschluss des Theaterspiels neigt der Vormittag sich allmählich dem Mittag entgegen und die Kinder sind schon bald in Aufbruchstimmung. Bevor die Gruppe den Rückweg antritt, heisst es Abschied nehmen. Mit gepackten Rucksäcken im Kreis versammelt stimmen die Kinder und Lehrpersonen gemeinsam das Lied «Adieu liäbä Wald …» an und winken sich gegenseitig auf Wiedersehen.
"Adieu liäbä Wald"
Nacheinander stapfend machen sich die Kinder auf den Weg. Die Besucherin wirft einen letzten Blick zurück auf den Waldplatz, über dem eine friedliche Atmosphäre liegt: Ein paar Sonnenstrahlen scheinen durch die Baumwipfel hindurch, ein Hauch von Tannengrün liegt in der Luft, Vögel zwitschern, hier und da knackt es im Geäst. Zufrieden laufen die Kinder den steilen Pfad hinunter zurück zum Kiesweg, der auf dem Rückweg plötzlich viel kürzer erscheint. Am ersten Stopp von heute Morgen versammeln sich alle nochmals, um sich mit dem «Ciao, ciao, ciao» voneinander zu verabschieden. Es war ein aufregender erster Freitag für alle im Waldkindergarten Boppartshof.
Städtischer Waldkindergarten
Start: August 2023
Projektleitung: Romana Müller, Schulleitung Boppartshof
Kurzbeschrieb: Im Schuleinzugsgebiet Boppartshof eröffnet zum Schuljahr 23/24 der erste öffentliche Waldkindergarten der Stadt St.Gallen. Die einjährige Vorbereitungszeit umfasste konzeptionelle Arbeiten, breite Kommunikation und sorgfältige Vorbereitung der Lehrpersonen.
Nutzen: zusätzliches bedarfsorientiertes Bildungsangebot; Weiterentwicklung des Kindergartens; Beispiel für andere städtische Kindergärten
