Während Gerold Jung auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz ist, wird er von einem Friedhofsbesucher angehalten. Er sucht das Grab eines verstorbenen Bekannten und bittet den Leiter des Friedhofs um Hilfe. Sie begeben sich ins Büro, wo Gerold Jung in seiner Datenbank das gesuchte Grab findet. «Es ist ein sehr dankbarer Job» meint er, der seit 27 Jahren auf dem Friedhof Feldli arbeitet. Der Kontakt mit Hinterbliebenen oder anderen Besucherinnen und Besuchern des Friedhofs sei für ihn noch immer das Schönste an seiner Arbeit. Begonnen hat er als stellvertretender Leiter des Friedhofs, dazumal arbeitete er vorwiegend im Freien und beschäftigte sich mit dem Unterhalt des Friedhofs. Heute bleibe nicht mehr so viel Zeit dafür, doch: «Falls nicht viel Büroarbeit anfällt oder mein Team Hilfe benötigt, springe ich gerne ein», meint Gerold Jung. Ansonsten führt der gelernte Landschaftsgärtner unter anderem Urnen- oder Erdbestattungen durch, berät Angehörige von Verstorbenen und erfasst Todesfälle.
Vergrösserung in drei Etappen
Der Friedhof Feldli, der im Jahr 1876 seine Tore öffnete, hat im Laufe der Zeit drei Erweiterungen erfahren und erstreckt sich nun über zehn Hektare. Seit 1893 begrüsst eine prächtige Allee aus hohen Zypressen die Besucherinnen und Besucher am Eingang des Friedhofs. Geschwungene Eibenhecken verleihen dem Friedhof eine gewisse Ruhe. Sie wurden nach dem Vorbild des belgischen Landschaftsarchitekten Jacques Witz gestaltet und werden im Sommer jährlich in Form gebracht.
In den wärmeren Monaten sind die Pflege der Pflanzen und die Instandhaltung des Friedhofs die Hauptaufgaben der Friedhofsgärtner im Feldli. Im Winter bleibt den Gärtnern mehr Zeit für andere Aufgaben wie beispielsweise das Reinigen der Urnenhalle. Zudem sind sie bei Schneefall fast ohne Unterbruch im Einsatz, um die Wege des Friedhofs freizuhalten und den Besuchenden einen ungehinderten Zugang zu ermöglichen.
Rückgang traditioneller Bestattungen
Der Leiter des Friedhofs Feldli strebt stets danach, das Angebot an verschiedenen Bestattungsmöglichkeiten zu erweitern, um sicherzustellen, dass der Friedhof jederzeit attraktiv und vielseitig bleibt. So will er die Friedhofskultur erhalten. Dabei hat Gerold Jung schon viele Entwicklungen miterlebt: Die Nachfrage nach der Urnenbestattung hat seit 1978 um 30 Prozent zugenommen. Heute werden nur noch 9 Prozent der Verstorbenen im Friedhof Feldli erdbestattet. Gründe für die Veränderungen gibt es einige: «Viele Menschen wählen heutzutage Orte aus, die für sie eine persönliche Bedeutung haben, um ihre Urnen beizusetzen. Aber auch Veränderungen der Religionszugehörigkeit der Menschen in unserer Stadt gehören dazu», sagt Gerold Jung. Neben Urnenreihengräbern, Gemeinschaftsgräbern und noch weiteren Bestattungsmöglichkeiten gibt es zum Beispiel seit 2014 auch muslimische Grabfelder.
Vom Friedhof Feldli raus in die ganze Stadt
Doch nicht nur die Bestattungen sind dem Wandel unterworfen, auch die Natur im Feldli verändert sich: «Die Förderung der Biodiversität steht für uns an erster Stelle. Mit gezielten Massnahmen versuchen wir seit einiger Zeit, die Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt zu erhöhen», erklärt Gerold Jung. Neben dem Anlegen von Heuheinzen werden Insekten ein sicheres Zuhause und ausreichend Nahrung in Abschnitten mit wilden Wiesen geboten, unter anderem auch in Ruderalflächen, auf denen eine bunte Vielfalt an Pflanzen ungestört wachsen kann. Diese Kiesflächen werden bewusst sich selbst überlassen. Zusätzlich baut das Team bis zu 45 heimische Wildstaudenarten an – das ist Gerold Jungs ganzer Stolz. Diese Stauden werden im April gesät und sorgsam gepflegt. Sobald sie ausreichend gewachsen sind, können sie von den Mitarbeitenden von Stadtgrün in städtischen Parks und Gärten sowie auf dem Friedhofsgelände gepflanzt werden.
Hinweis: Der Artikel ist am 14. August 2023 im Intranet der Stadt St.Gallen erschienen.
