Hans Vetsch, Du bezeichnest Dich selbst als Dinosaurier. Wie ist das gemeint?
(Lacht) Ich bin einer von wenigen Dienststellenleitenden, die seit über 30 Jahren für die Stadtverwaltung arbeiten und in dieser langen Zeit drei Stadtpräsidenten und eine Stadtpräsidentin im Amt erlebt haben. Ich bin sozusagen ein Fossil.
Wie hast Du vor 37 Jahren den Wechsel von der Privatwirtschaft in die Stadtverwaltung erlebt?
Der Wechsel war krass. Von einer dynamischen Just-in-Time-Branche kam ich als 26-Jähriger in die Verwaltung. Damals gab es noch viele altgediente, klassische Beamte. Es war die Zeit der Registerkarten. Sie waren der Datenspeicher. Und nun sollte man mit der Digitalisierung mitgehen können. Viele Mitarbeitende hatten Angst um ihren Job, oder Angst davor, einen PC bedienen zu müssen. Ein Mitarbeiter sagte einmal zu mir, ihm komme der Computer vor wie ein arabischer Film mit chinesischen Untertiteln.
Wie hast Du auf diese Sorgen der Mitarbeitenden reagiert?
Ich hatte trotz meines jungen Alters und dem Drang, vorwärtszukommen, immer grosses Verständnis für Berührungsängste gegenüber technologischen Neuerungen. Geduld und gutes Zureden haben immer geholfen.
Vor vier Jahrzehnten gab es auf der Stadtverwaltung erst wenige Computer, heute ist das IT-Umfeld sehr dynamisch. Was waren die grossen Veränderungen in Deinem Tätigkeitsgebiet?
Dazu nenne ich gerne ein paar Zahlen. Als ich bei der Stadt anfing, waren in der gesamten Stadtverwaltung lediglich 8 PCs im Einsatz; heute sind es fast 5000. Diese ersten Modelle hatten eine Speicherkapazität von 256 KB. Zum Vergleich: Heute ist diese in jedem Handy rund 13'000 mal grösser. Ich habe insgesamt sieben sogenannte IT-Generationen erlebt, im Hintergrund gab es alle fünf Jahre riesige Veränderungen. Die einst hart erlernten Programmiersprachen und Technologien sind heute längst vergessen. Es gab vor 37 Jahren keine Vernetzung, kein Internet, keine E-Mail, keine Serversysteme, keine Cloud. Für die Datensicherung war jede und jeder selbst zuständig und der Virenschutz wurde nur aktualisiert, wenn man gerade Zeit hatte. Der erste Internetanschluss war auch eine Story für sich (lacht): Die Obrigkeiten hielten Internet damals für absolut unnötig. Auch als ich 1988 das Mailsystem einführen wollte, stiess ich nur auf Unverständnis und kaum eine Dienststelle wollte mitmachen.
Ich bin wie ein Wanderprediger von Dienststelle zu Dienstelle gezogen.
Das ist heute kaum vorstellbar. Wie konnten Du und Dein Team die Dienststellen doch überzeugen?
Ich bin wie ein Wanderprediger von Dienststelle zu Dienstelle gezogen (lacht). Wenn wir das Mailsystem installieren durften, dann oft aus kollegialem Goodwill. Geholfen hat aber auch meine Hartnäckigkeit. Ich verfolge einen Weg zielstrebig, auch wenn ich mir damit nicht nur Freunde schaffe. Meine Lebensphilosophie lautet: «Du musst den Graben in einem Schritt überwinden.» Mit der Zeit hat sich die Erkenntnis, dass die Stadtverwaltung mit der technologischen Entwicklung Schritt halten muss, in allen Dienststellen durchgesetzt. Rückblickend waren für mich vor allem die Anfangsjahre intensiv. Abends, wenn die Kinder im Bett waren, habe ich Fachliteratur gelesen, um up to date zu bleiben und keine Neuerungen zu verpassen. Damals konnte man ja nicht einfach googeln.
Was sind deine persönlichen Highlights der vergangenen 37 Jahre bei der Stadtverwaltung?
Ich bin stolz darauf, wie ich die Dienststelle Informatikdienste heute an meinen Nachfolger Sven Ihl übergeben kann: Wir sind ein prozessorientierter, automatisierter und komplett durchorganisierter «Laden». Anders würde es mit diesem Personalbestand überhaupt nicht funktionieren. Die Aufbauorganisation, der Mitteleinsatz, die Betriebsbuchhaltung, der Helpdesk, die Notfallorganisation, die ISO 27001 Zertifizierung – all die vielen Einzelteile stellen einen ausfallfreien, reibungslosen 24h-Betrieb sicher. Gleichzeitig bin ich stolz auf die mehrfach erworbenen Auszeichnungen wie den schweizerischen eGov-Preis, den Städtebenchmark und den Axeba Benchmark. Zu meinen Highlights gehören aber auch der pionierhafte Wechsel in die digitale Telefonie, das Druckerzonenkonzept, welches enorm Geld einsparte, die Softwarestandardisierung, die Zusammenführung der Schulinformatik und viele mehr.
Gab es in deiner Zeit auch Krisensituationen?
Natürlich, ich erinnere mich etwa an den Rathaus-Brand und die Pandemie. Wir konnten diese Situationen aber ohne IT-Unterbruch bewältigen. Primär dank dem unkomplizierten Einsatz meines Teams. Alle packten sofort mit an. Beim Rathaus-Brand teilten wir uns auf fünf Standorte auf. Ich arbeitete zum Beispiel im Trauzimmer, die Techniker im Sitzungszimmer der VBSG. Wir hatten einen eigenen Kurzierdienst mit dem Velo. Die Pandemie haben wir dank einer Vorbereitung auf genau einen solchen Fall gut gemeistert. Wir wurden einige Zeit zuvor extern beübt, das damalige Szenario hiess SARS. Dabei haben wir viel gelernt, die Defizite wurden aufgezeigt und anschliessend gezielt angegangen.
Als Leiter der Informatikdienste hattest Du unzählige Kontakte mit den Mitarbeitenden der Stadtverwaltung. Gibt es Begegnungen, die Dir besonders in Erinnerung bleiben?
Ich hatte fast nur tolle Kontakte, woraus auch viele langjährige, private Freundschaften entstanden sind. Viele Kollegen und Kolleginnen waren sehr dankbar, wenn ich sie auf der Digitalisierungsreise begleiten konnte. In Erinnerung bleiben mir auch schöne Begegnungen bei Weindegustationen oder Anlässen im Rebberg, bei früheren Weiterbildungen mit Übernachtung, auf einer Piemont-Reise, bei einem Jassabend oder bei den legendären OLMA-Eröffnungen.
Was war Dir als Chef in der Zusammenarbeit mit deinen Mitarbeitenden wichtig?
Mir war immer wichtig, den Mitarbeitenden Wertschätzung entgegenzubringen. Ich hatte immer ein offenes Ohr und eine offene Türe für die Mitarbeitenden. Ich bezeichne mich selbst als gut einschätzbar und gerecht gegenüber allen. Gleichzeitig habe ich mich nie gefürchtet, auch notwendige unpopuläre oder schwierige Entscheide durchzusetzen. Wichtig war mir auch, den Mitarbeitenden ein interessantes und faires Arbeitsumfeld ermöglichen zu können. So war ich vor sieben Jahren innerhalb der Stadtverwaltung ein Pionier in Sachen Homeoffice. Wenn immer möglich habe ich Mitarbeitende bei ihrer Karriereplanung unterstützt. Kontinuierliche Weiterbildungen standen ebenfalls ganz oben auf meiner Liste – wir müssen unsere Mitarbeitenden marktfähig halten. Ich wusste immer, wohin ich das IDS-Schiff in diesem dynamischen und zum Teil stürmischen Umfeld steuern muss. Es war wichtig für mich, technologisch vorne mit dabei zu sein – ein Anspruch, der für Informatiker entscheidend ist. Zu schnell wären sie auf dem Markt nicht mehr gesucht. IDS ist wie eine Firma in der Privatwirtschaft – vielleicht war sie ein bisschen auch meine Firma, mein Kind.
Du arbeitest noch bis Ende November bei der Stadt. Wie fühlt sich der Gedanke an den letzten Arbeitstag an?
Erfüllt – zufrieden - glücklich. It’s time to say goodbye.
Vor 37 Jahren wechselte Hans Vetsch von der Privatwirtschaft, wo er als Projektleiter in der Textilbranche gearbeitet hatte, in die Stadtverwaltung. Der 26-Jährige begann als Chef Rechnungswesen und war verantwortlich für ein grösseres EDV- und Neubauprojekt. Danach wechselte er als Organisator zum Personalamt. Gleichzeitig konnte er sich kontinuierlich weiterbilden (Organisator, Informatikprojektleiter und Wirtschaftsinformatiker). 1991 wurde aus der Abteilung Organisation des Personalamts die Dienststelle Organisations- und Informatikamt (OIA). Hans Vetsch wurde Stv. Leiter und Abteilungsleiter «Projekte». Im Jahr 2000 wurde die Position des Leiters frei und Hans Vetsch machte im externen Auswahlverfahren das Rennen. 2004 wurden aus dem OIA die Informatikdienste IDS. Hans Vetsch war es wichtig, dass sich «Dienstleistung» auch im Namen der Dienststelle widerspiegelt. In diesem Zeitraum führte er auch das Format Kundengespräch und den VIP-Kaffee ein. Per 1. November 2023 übergab Hans Vetsch die Leitung der IDS in die Hände von Sven Ihl.
Was sind deine Pläne? Worauf freust Du Dich, wenn Du (wieder) mehr Zeit hast?
Oh, ich habe so viele Pläne und als strukturierter Mensch auch schon eine To-do-Liste. In den Wintermonaten werde ich Freiwilligenarbeit machen in einem Altersheim und eventuell in der Gassenküche. Ab April bin ich dann vorwiegend draussen, im Rebberg, auf dem neuen Motorrad, in den Bergen beim Fliegenfischen, im Naturgarten. Und: Ich habe zwei Enkelkinder, die immer mehr Gas geben – das gefällt mir sehr. In eineinhalb Jahren lässt sich meine Frau pensionieren, dann geht’s los mit dem Reisen. Der Weg ist das Ziel… egal ob es dann 3 oder 7 Wochen werden ... Bei meinen Geschäftspartnern habe ich mich mit einer Dankeskarte in den «Musse-Stand» verabschiedet. Genau das möchte ich, den Musse-Stand hoffentlich möglichst lange und gesund leben.
Hans Vetsch, herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute!
