Vom Versuch zur Institution
Für beide ist die Dienststelle Kinder Jugend Familie eine Herzensangelegenheit. Beide fanden sie aus Überzeugung zur städtischen Sozialen Arbeit. Nicole nach einer Vielfalt von Stationen im weiteren Berufsfeld – von der Wärterin im Frauengefängnis über die Hilfswerksvertreterin für Flüchtlinge, die Bezugsperson im Frauenhaus, die Projektleiterin im Kinderdorf Pestalozzi bis hin zur Therapeutin in der stationären Suchttherapie. Donat wusste nach einem Zivildienst im städtischen Jugendkulturraum «flon» und weiteren sozialarbeiterischen Stationen, dass er seine Erstausbildung als Polymechaniker dem Wunsch, Sozialarbeiter zu werden, fortan hintanstellen würde. Zusammengefunden haben beide schliesslich im Projekt zum Aufbau einer offenen Arbeit mit Kindern in der Stadt St.Gallen. Die Stadt hatte das Projekt im Jahr 2009 im Sinne eines Pilotversuchs lanciert. Nicole als Projektleiterin hatte damals den 14 Jahre jüngeren Donat für das Projekt gewinnen können.
Das Pilotprojekt hatte sich angeschickt, erstmals ein begleitetes und niederschwelliges Freizeitangebot für die Kinder der Stadt St.Gallen zu schaffen. Erklärtes Ziel war – wie es die damalige Vorlage des Stadtrats an das Stadtparlament nicht ohne Dramatik formulierte – den «Tendenzen zu Vandalismus, Sachbeschädigungen, Littering, Lärm, Aggressionen, destruktiver Umgangssprache und Mobbing» entgegenzuwirken. Rund 15 Jahre später ist die offene Arbeit mit Kindern aus der Stadt nicht mehr wegzudenken. Der erfolgreiche Pilot und seine Nachfolgeprojekte sind als ein weiterer Meilenstein in der über 50-jährigen Erfolgsgeschichte der städtischen Jugendarbeit längst institutionalisiert. Und längst geht es nicht mehr nur um Prävention.
Die Dienststelle Kinder Jugend Familie war im Jahr 2017 neu organisiert worden. Zum einstigen Jugendsekretariat hinzu kamen die Schulsozialarbeit Primar und die Stadtbibliothek – und damit auch ein neuer Name: Kinder Jugend Familie. Diese Bezeichnung ist heute Programm. Rund einhundert Mitarbeitende – Festangestellte und im Stundenlohn Arbeitende, Praktikantinnen und Zivildienstleistende – engagieren sich in der Dienststelle für die Kinder- und Jugendarbeit, die Bibliothek Hauptpost und die Kinder- und Jugendbibliothek. Ihr Kernauftrag umfasst die Begleitung und Beratung von Kindern und Jugendlichen sowie von deren Bezugspersonen in ihrer Freizeit, abseits der formalen, obligatorischen Bildung.
Das breite Spektrum sozialarbeiterischer Themen, das die Dienststelle abdeckt, verstehen Donat und Nicole als Beitrag für eine funktionierende Gesellschaft. «Es geht um Chancengerechtigkeit im Sinne gesellschaftlicher Teilhabe, darum, Kompetenzen zu fördern, Lernchancen zu bieten». Zu diesem Zweck entwickeln, betreuen und begleiten die Mitarbeitenden der Dienststelle eine breite Palette an Angeboten für unterschiedliche Zielgruppen, von gerade eben eingeschulten Kindern, über Jugendliche der Oberstufe, bis hin zu bis zu 26 Jahre «alten» jungen Erwachsenen. Das Angebot beinhaltet Freizeitangebote, Kinder- und Jugendtreffs, Aktionsräume, mobile Jugendarbeit, aber auch Beratungsmöglichkeiten, Jugendinformation und Zugang zu Literatur und freiwilliger Bildung. Es sind Gefässe, in denen Auf- und Heranwachsende freiwillig partizipieren, mit- und voneinander lernen, sich persönlich entwickeln können. Mitgedacht sind dabei auch immer die Bezugspersonen der jungen Menschen, die Familien im Hintergrund.
Am Puls der Zeit
Aus ihrer langjährigen, eigenen sozialarbeiterischen Erfahrung wissen die beiden Co-Dienststellenleitenden, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung «Auseinandersetzung und Reibung, Beziehung und Gegenüber, Ernsthaftigkeit» suchen und brauchen. Die Dienststelle Kinder Jugend und Familie soll deshalb auch künftig direkt auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen und ihrer Bezugspersonen ausgerichtet sein. «Die Dienststelle steht seit Jahren auf einem super Fundament, ist am Puls der Zeit». Es sind denn auch nicht die grossen Visionen, die Nicole und Donat in ihrer neuen Rolle an der Spitze der Dienststelle verfolgen wollen. Gefordert sind vielmehr Agilität und flexible Lösungen, um ihren Anspruchsgruppen auch weiterhin gerecht zu werden. Dazu gehören konkrete Projekte, wie etwa die neue gemeinsame Bibliothek von Kanton- und Stadt und die Weiterentwicklung der Schulsozialarbeit.
Ebenso im Zentrum steht die Zusammenarbeitskultur in der Dienststelle. Der vertrauensvolle Umgang innerhalb der grossen Familie KJF ist Resultat konstanter Bemühungen. Nicole und Donat dienen dabei als Vorbilder. Es sind die ähnlichen Wert- und Führungsvorstellungen, die die beiden verbinden und die Co-Leitung der Dienststelle «zu einem absolut überzeugenden Format» machen. Im Fokus steht sinnigerweise die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Kinder und Jugendliche sind Seismografen für die gesellschaftliche Entwicklung.
Über ihre Motivation für ihre neue Aufgabe angesprochen, betonen beide, dass die Arbeit mit und für Kinder, Jugendliche und Familien eine positive Wirkung auf die Gesellschaft als Ganzes hat: «Kinder und Jugendliche sind Seismografen für die gesellschaftliche Entwicklung». Die Arbeit der Dienststelle Kinder Jugend und Familie ist letztlich eine Investition in die stadtsanktgaller Gesellschaft der Zukunft.
