Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als es auf dem Stadtgebiet eine Skisprungschanze gab und die Skilifte auch im Sommer liefen? Und haben Sie gewusst, dass die Skiferien in St.Gallen einst ganze fünf Wochen dauerten? Ein Blick zurück auf die Entwicklung des Skisports in der Gallusstadt.
«… alles fahrt Schii, Schii fahrt di ganzi Nation.» Dieser Hit aus dem Jahr 1963 neues Fenster, mit dem Vico Torriani die beliebte Sportart in alle Ohren brachte, dürfte heute zwar nicht mehr gleich bekannt sein, doch hat er keinerlei Wahrheit verloren. Schneesport ist in der Schweiz omnipräsent. Ein grosser Teil der Schweizer Bevölkerung fährt mindestens einmal im Jahr Ski oder Snowboard. Schulen und Vereine organisieren Skilager und sogar die Winterferien hiessen früher Ski- oder Heizferien. Während Förster und Bauern schon vor Jahrhunderten wussten, wie man mit «Ski», eigentlich Fassdauben, dem Schnee trotzt, sind die im 19. Jh. aus Norwegen importierten Ski eine wahre Erfolgsgeschichte – auch in St.Gallen.
Vom Elitephänomen zum Massentourismus
Wohl Anfang des 20. Jahrhunderts schreibt ein Mitglied des 1907 gegründeten Alpinen Skiclubs St.Gallen in einem undatierten Brief an die Vereinsmitglieder: «Übt wa[c]kre Kameradschaft, Sommer u[nd] Winter[!] Haltet treu zusammen angesichts der hohen Ideale, die der alpine Ski-Lauf Euch bietet. Es ist nun einmal ein Sport, der wie keiner dazu beiträgt [sic] starke gesunde Menschen zu erziehen, die im harten Kampf ums Dasein nicht zusammenbrechen wie Strohhalme [sic] sondern zäh u[nd] fest wie Wettertannen den Stürmen des Lebens entgegen bolzen.» Was uns heute pathetisch erscheint, war um die Jahrtausendwende das verbreitete (Selbst-)Bild des Schneesports. Abgesehen vom starken Körperideal, das hier fassbar wird, war er damals nämlich ein Mittel der europäischen und amerikanischen Oberschicht, um der restlichen Gesellschaft zu demonstrieren, dass sie es sich leisten konnte, einer Tätigkeit ohne Zweck, ohne wirtschaftliche Produktivität nachzugehen. Pierre de Coubertin, Begründer des International Olympic Committee (IOC) – von dem im St.Galler Athletikzentrum ein Zitat prominent an der Wand prangt –, beschrieb den Charakter des Sports denn auch als «adlig und ritterlich».
Dass dies heute nicht mehr so ist, wurzelt auf drei Grundpfeilern: Der späten Professionalisierung des Skisports, der Verbindung von Sport und Medien und dem alpinen Tourismus (Erfahren Sie hier mehr zu den Hintergründen dieser Grundpfeiler).
Skifahren – auch in der Nacht und im Sommer
Zwischen 1950 und 1970 sprossen die Skisportanlagen – Skilifte und weitere Wintersportanlagen – in der Schweiz nur so aus dem Boden. Dabei zog auch St.Gallen wacker mit: Zwischen 1970 und 1972 wurden die 5 Skilifte in Gommiswald, Schlössli-Haggen, Sand-Trogen, Lauftegg-Kronberg und auf der Beckenhalde eingeweiht. Wichtige Promotoren dieser Ereignisse dürften die St.Galler Skiclubs gewesen sein, von denen es gleich mehrere gab: Der Alpine Skiclub, der Neue Skiclub, der Skiclub «Naturfreunde» und der Skiclub Riethüsli sind nur einige Namen. Wie stark diese Verbände in der Gesellschaft vernetzt waren und damit in der Stadt und für den Tourismus etwas bewegen konnten, zeigt sich einerseits daran, dass die Skiclubs Hütten besassen, die sie zunächst ausschliesslich selbst nutzten, mit der Zeit aber auch für Nichtmitglieder öffneten. Wie wichtig diese für die Gesellschaft waren, zeigt ein Votum des Stadtrates, der dem Neuen Skiclub 1963, nachdem dessen Hütte vollständig abgebrannt war, eine einmalige Unterstützung von 2000 Franken aussprach, weil der Neue Skiclub seit nunmehr «30 Jahren unentgeltliche Kurse für den allgemeinen Skiunterricht auf Grund der schweizerischen Einheitstechnik» gab. Andererseits prägte zwischen 1929 und 1962 der Skiclub Riethüsli das St.Galler Stadtbild massgeblich, indem er auf Stadtgebiet im Riethüsli eine Skisprungschanze neues Fenster errichtete. Dem SC Riethüsli oblag nebst der Finanzierung auch die Pflege der Anlage. Auf ihr fanden neben regulären «Sprungläufen» mehrmals auch Nachtspringen statt, beides jeweils ein grosser Zuschauermagnet. Allerdings, so verrät ein Protokoll des Stadtrates aus dem Jahr 1931, hatte die Schanze den Nachteil, «dass der Sprunglauf von der Staatsstrasse aus ebenso gut verfolgt werden kann, wie im Platze selbst, was zur Folge hat, dass bei Sprungkonkurrenzen, zu denen ein Eintrittsgeld erhoben wird, sich viele Zuschauer auf der Strasse aufstellen und sich auf diese Weise der Entrichtung des Eintrittsgeldes entziehen.» Das Problem liess sich leider nicht lösen, da es dem Skiclub Riethüsli nicht gestattet war, auf öffentlichem Grund den Kauf von Billetten zu erzwingen.
Weitere Bestrebungen, den Skisport zu fördern, unternahm der SC Riethüsli mit der Veranstaltung von Ski-Tagen. An diesen fanden sowohl ein Langlauf vom Gäbris bis St.Gallen als auch nachmittags ein Skispringen statt. Die Skitage wurden von der Stadt mit 100 bis 200 Franken unterstützt. Im Jahr 1946 spannten der SC Riethüsli und der Neue Skiclub zusammen und organisierten mit der Unterstützung des Stadtrats einen gemeinsamen Anlass. Man war zuversichtlich, dass «die geplante Veranstaltung zweifellos einem regen Interesse begegnen und damit auch der Verkehrsbelebung dienen wird».
Die Vereine prägten den Skisport in St.Gallen massgeblich mit und die Stadt profitierte von ihrem Schaffen. So gelang es dem Neuen Skiclub St.Gallen beispielsweise 1939 – trotz der Konkurrenz aus Zürich – die Versammlung der Abgeordneten des Schweizerischen Skiverbandes nach St.Gallen zu bringen. Da rund 300 Delegierte diesen Anlass besuchten, erwähnt der Stadtrat besonders die «propagandistische und wirtschaftliche Bedeutung dieses Anlasses für den Tagungsort.» Die Skiclubs und ab 1954 die öffentliche Skischule «Naturfreunde» waren es auch, die der Stadtbevölkerung das Skifahren lehrte.
Umgekehrt ermöglichte es die Stadt den Sportvereinen auch, für sich zu werben. Zeitweilen stellte das Sportgeschäft Sonderegger & Ruckstuhl den führenden Sportvereinen St.Gallens an der Ecke Multergasse-Neugasse einen Schaukasten für Fotos und «anderer irgendwelcher Propaganda» bereit.
All dies zeugt vom regen Interesse St.Gallens, ihre Jugend zu sportlichen Menschen zu erziehen, und in den folgenden Jahren etablierte sich zunehmend eine sportfördernde Grundstimmung im Stadtrat. Er unterstützte jahrzehntelang zahlreiche Ski-Anliegen mit unterschiedlich hohen Beträgen. 1954 schrieb er: «Es ist nicht zu verkennen, dass das Skifahren geeignet ist, die sportliche Ertüchtigung der Jugend zu heben und die Volksgesundheit ganz allgemein zu fördern», um nur ein Jahr später zu konstatieren: «Der Skisport hat sich zu einem eigentlichen Volkssport entwickelt.»
Die Skibegeisterung beflügelte in den 1960er-Jahren die Kreativität der Fahrerinnen und Fahrer. Sie schufen sich diverse neue Sommerhobbies, die uns heute durchaus skurril erscheinen: Auf sehr kurzen Rollbrettern neues Fenster fuhr man, die Füsse direkt nebeneinander, über den Asphalt, um auch im Sommer das «Wippen» zu üben. Bretter mit einem solchen Rollgewinde existieren übrigens auch heute noch: Sie dienen aber nicht mehr dem Training des Skifahrens, sondern gelten als Landübung für das Surfen und tragen den Namen Surf-Skate. Die «Antenne» warnte jedoch vor diesem Sport, «denn Asphalt ist immer härter als Schnee.» Weniger weh tat ein Sturz wohl, wenn man statt auf den Asphalt auf Gras stürzte. Möglich war das, weil 1979 die Skilifte auch im Juli liefen. Mit sogenannten «Rollski» an den Füssen, die wie Fuhrwerke von Panzern anmuten, konnte man sich den Hügel hochziehen lassen und dann mit Hüftschwung und nur im T-Shirt den Hang hinunterfahren.
«Chum mach mit!»: Kinder lernen Skifahren
Wichtig für die Verbreitung des Skisports in der Schweiz war die Schweizer Armee. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurden Gebirgsgruppen eingeführt und im Militärdienst lernten zahlreiche Soldaten das Skifahren. Während des Zweiten Weltkriegs – als der internationale Tourismus ausblieb – wurden erstmals Skilager für Schulkinder organisiert und mit ihnen die leeren Hotels gefüllt. Die Armee veranstaltete dafür sogenannte Vorkurse. Diese waren freiwillig und erfreuten sich grosser Beliebtheit. 1965 etwa besuchten 24’000 Knaben einen Vorunterrichtskurs oder ein Skilager. Wie das aussah, verrät der Beitrag der Sendung «Antenne» neues Fenster vom 13. Januar 1967. Die Ski für diese Vorkurse verlieh die Armee kostenlos, damit Kinder aller Schichten das Skifahren erlernen konnten. Eng mit dem Vorunterricht verbunden ist auch die Gründung der Eidgenössischen Turn- und Sportschule ESSM in Magglingen (heute EHSM) 1944. Der freiwillige Vorunterricht umfasste neben Kursen mit sportlichen und technischen Aktivitäten auch jährliche Leistungsprüfungen, Winter- und Sommerlager und Kurse im Gebirge. 1972 wurde der Vorunterricht von Jugend + Sport (J+S) abgelöst.
Von diesen Leihski profitierten auch St.Galler Schüler (nicht Schülerinnen). Für sie wurden ab den 1940er-Jahren die Sportferien geschaffen, die zum Skifahren genutzt werden sollten – nicht umsonst nannte man die Winterferien früher Skiferien. In St.Gallen dauerten diese einst ganze fünf Wochen! Die Leihski wurden Familien «aus bedürftigen Kreisen» zur Verfügung gestellt. Schon 1941 betrug ihr Bestand 583 Paar. Allerdings war dieser bei weitem nicht gross genug, denn Skifahren war mittlerweile so beliebt, dass sich im November 1941 bereits 844 Schüler zum Bezug von Leihski angemeldet hatten. Mit den Jahren stiegen sowohl der Bestand als auch die Nachfrage an Leihski stetig, obschon bereits 1942 Stimmen laut wurden, die sich überlegten, «ob mit Rücksicht auf die Einführung der dritten Turnstunde und der obligatorischen Nachmittage für körperliche Ertüchtigung diese Spielstunden in Zukunft noch notwendig sein werden.» Man scheint an der Notwendigkeit des Skifahrens festgehalten zu haben, denn wenige Jahre später setzte sich der Lehrerturnverein dafür ein, neben Sommerveranstaltungen vermehrt auch die Skilager in erweitertem Rahmen durchzuführen.
Diese erfreuen sich noch heute einer grossen Beliebtheit. Allerdings ist Skifahren mittlerweile nur eines von vielen Angeboten, die der Kanton und die Stadt St.Gallen heute für Kinder anbieten. Der Schneesport hat bis heute dennoch nichts von seinem Charme eingebüsst. Im Gegenteil gab und gibt es immer wieder Innovationen, den Schneesport vielfältiger zu machen: Von Snowboards, die übrigens ähnlich wie die «Rollski» von Surfbrettern inspiriert sind und sich daraus entwickelten, über Bigfoot-, Carving- und Langlaufskis weiter zu Schneeschuhen, Schlitten und Bob sind dem Spass im kalten Weiss keine Grenzen mehr gesetzt. Oder, um es mit Vico Torriani zu sagen: «Es git halt nüt schöners, juhee, juhee, als Sunneschii, Berge und Schnee.»
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