Die zwei ehemaligen und der aktuelle Sportchef der Stadt St.Gallen haben als Treffpunkt das Athletikzentrum St.Gallen gewählt – eine Sportstätte, die Paul Gubser (1993 – 2003) auf den Weg gebracht hat, die Marcel Thoma (2009 bis 2023) bespielen durfte und Alexander Linder (seit Mai 2023) nun weiterentwickeln kann. Anlass für das Gespräch ist das 50-Jahr-Jubiläum der Dienststelle Sport, ehemals Sportamt. Die Freude über das Wiedersehen oder gegenseitige Kennenlernen ist gross, es wird über Sport gefachsimpelt und in Erinnerungen geschwelgt:
Wie sportlich sind eigentlich die St.Galler Sportchefs selbst?
Marcel Thoma: Ich beginne jeden Tag mit aktivem Sport. Am Morgen ist es kühler als tagsüber, was mir als passionierter Langstreckenläufer sehr entgegenkommt. Ausserdem gibt mir der Frühsport die geforderte Gelassenheit für den (Arbeits-) Tag. Neben dem Laufen zählen Skifahren und Wandern zu meinen Lieblingssportarten.
Alexander Linder: Ich schwimme, fahre Rennvelo, wandere und gehe im Winter gerne Langlaufen. In meiner aktiven Triathlon-Zeit habe ich mich wegen des Sports manchmal zu sehr unter Druck gesetzt, war zu verbissen. Jetzt trainiere ich zwar regelmässig – aber nur, wenn ich wirklich Zeit und Lust habe.
Paul Gubser: Meine sportliche Leidenschaft gilt dem Radfahren in allen Formen – Rennrad, Mountainbike oder Tourenrad. In den Sommerferien unternehmen meine Frau und ich gerne Fernfahrten – zum Beispiel der Rhône entlang bis ans Mittelmeer oder von St.Gallen bis nach Amsterdam. Ausserdem schwimme ich gerne und bin wöchentlich im Blumenwies anzutreffen. Im Winter fahre ich so oft wie möglich Ski – da kommen gut und gerne 40 Skitage pro Saison zusammen.
Marcel Thoma, was zeichnet St.Gallen als Sportstadt aus?
Die Stadt verfügt über sehr gute Sport-Infrastrukturen, ein sehr breites und attraktives Angebot an Sportarten und Sportvereinen sowie ein reiches Angebot an privaten Sportanbietenden. St.Gallen ist eine Sport-Host-City mit zahlreichen überregional und international ausstrahlenden Sportevents. Ich freue mich zum Beispiel riesig, dass die Tour de Suisse dieses Jahr in St.Gallen zu Gast ist. Und dass St.Gallen als Austragungsort der Frauenfussball-EM 2025 in der Schweiz zum Zuge kommen wird. Es ist uns trotz einigem Widerstand gelungen, den Teppich für solche grossen Events zu legen.
Paul Gubser, Sie sind heute beruflich in Zürich tätig und beobachten das sportliche Geschehen in St.Gallen etwas mehr aus der Ferne. Wie nehmen Sie die Sportstadt St.Gallen wahr?
St.Gallen war schon immer eine Sportstadt. Schon früh zeichnete sie sich durch ihre Infrastruktur aus. So haben wir mit dem Volksbad das älteste, noch betriebene Hallenbad der Schweiz. Um 1900 gab es eine Radrennbahn in St.Gallen und 1960 wurde in der Gallusstadt die erste Kunsteisbahn der Schweiz eröffnet. Heute nehme ich die Sportstadt St.Gallen hauptsächlich über die zahlreichen Events wahr: Vom CSIO über den Auffahrtslauf und Meisterschaften in verschiedenen Sportarten bis zur Tour de Suisse, der UEFA Women’s EURO 2025 und den Weltmeisterschaften im Seilziehen 2028.
Alexander Linder, Sie sind anfangs Mai als Nachfolger von Marcel Thoma nach St.Gallen gekommen. Was macht St.Gallen als Sportstadt aus?
Es sind drei Faktoren: Erstens die einmalige topografische Lage. Der Wechsel von flach und hügelig sowie die Nähe zum Bodensee und den Bergen schaffen Möglichkeiten für viele sportliche Betätigungsfelder. Sportfreudige können auf einer Skala von Gesundheitsbewegung bis hin zu ambitionierten Leistungszielen wählen. Zweitens bietet die Stadt selbst sehr viel an polysportiver Infrastruktur, die dazu dient, sich gebunden im Verein oder ungebunden als Individuum sportlich auszutoben. Und drittens hat St.Gallen sehr erfolgreiche Mannschaften auf Topniveau im Bereich Handball, Fussball und Unihockey, auf die sie zurecht stolz sein darf.
Wo sehen Sie noch Potenzial für die Sportstadt St.Gallen? Was muss angepackt werden?
Marcel Thoma: Bei der Infrastruktur haben wir noch viel Potenzial. Deshalb ist es wichtig, dass grosse Vorhaben wie die Erweiterung der Leichtathletikanlage Neudorf und des Hallenbads Blumenwies umgesetzt werden können. Das wünsche ich mir auch fürs Gründenmoos, wo die Sportfeld Gründenmoos AG zusammen mit dem Kanton und der Stadt St.Gallen die technische Machbarkeit prüft. Da stehen wichtige Schritte bevor, von den letztlich alle Sportarten profitieren.
Alexander Linder: Das sehe ich auch so. Gerade im gebundenen Vereinssport platzt die vorhandene Infrastruktur aus allen Nähten, sowohl im Hallensport als auch im Wassersport. Da man aber nicht endlos bauen kann, geht es vor allem darum, das Optimierungspotential auszuloten. Handlungsbedarf sehe ich auch bei den ungebundenen Sportarten. Den «Spielplatz» dazu haben wir, es gilt diesen den Anforderungen anzupassen beziehungsweise auszugestalten.
Paul Gubser: Ich bin ebenfalls der Meinung, dass dem Unterhalt und der Optimierung der bestehenden Sportinfrastruktur eine grosse Bedeutung zukommt. Beim Hallenbad Blumenwies zum Beispiel ist es höchste Zeit für die Erweiterung und Erneuerung. Als leidenschaftlicher Biker wünsche ich mir ausserdem, dass es in diesem Bereich noch mehr Angebote entstehen – dies aber immer im Einklang mit der Natur.
Paul Gubser und Marcel Thoma, wie haben sich die Kernaufgaben der Dienststelle Sport im Laufe der vergangenen 50 Jahren verändert?
Paul Gubser: In der Anfangszeit des Sportamts galt es vor allem, die Sportstättenbelegung zu planen. In Koordination mit dem Gartenbauamt und dem Gebäudeunterhalt wurde die Unterhaltsplanung gemacht. In der Akquise von Sportveranstaltungen hatte das Sportamt noch keine aktive Rolle. In «meiner» Zeit ab 1993 war das Sportamt nach wie vor Interessensvertreter der Anspruchsgruppen Schulen, Vereine und Veranstalter. Ich versuchte die Sportstättenplanung der Stadt konzeptioneller anzugehen und sie auch mit Städten in vergleichbarer Grösse wie Luzern oder Winterthur zu messen. Das Sportstättenkonzept für die Erweiterung und den Unterhalt bestehender Anlagen sah Investitionen von 70 Millionen über einen Zeitraum von zehn Jahre vor. Daraus sind diverse weitere Konzepte entstanden wie das erste Bäderkonzept. Die Sportförderung fand über die Unterstützung der Vereine statt. Wir waren aber nicht so aktiv, dass wir Events initiiert oder organisiert hätten. Wenn ich heute zurückblicke, war die strukturelle Veränderung des Sportamts durch die Splittung in Infrastruktur und Betrieb sowie Sportförderung und Events die richtige Entscheidung.
Marcel Thoma: Wenn ich Dir Paul zuhöre, wird mir wieder bewusst, wie früh wichtige Grundsteine für die heutige Dienstelle Sport gelegt wurden. Bis im Frühjahr 2017 war das seinerzeitige Sportamt auch im operativen Betrieb der grösseren Sport-Infrastrukturen tätig. Seit der Reorganisation stehen nun die Sportförderung – personell, finanziell, ideell – und das Ermöglichen eines breiten Angebots im Sport im Zentrum der Aufgaben der Dienststelle Sport. Anders gesagt: die Dienststelle ist die Anlaufstelle, wenn es um Bewegung und Sport in der Stadt St.Gallen geht. Sie sorgt dafür, dass Bewegung und Sport in St.Gallen Spass und Freude machen.
Was sind die Highlights aus Ihrer jeweiligen Zeit als Sportchef?
Paul Gubser: Ich blicke zufrieden auf die mehrjährigen Planungen und das Erreichen von breiter Akzeptanz auch auf politischer Ebene zurück. Als Highlight möchte ich das Athletik Zentrum St.Gallen hervorheben. Hier ging es um das Zusammenbringen der Puzzleteile Bund, Kanton, Stadt und Parkgaragen St.Gallen AG und um das Begleiten des Projektwettbewerbs. Auch die Eishalle Lerchenfeld gehört zu einem wichtigen Meilenstein. Weiter möchte ich die «Klötzlihalle» nennen, die kleine Turnhalle bei der Kreuzbleiche. Hier ist es uns gelungen, die Nutzungsmöglichkeiten dieser schönen Turnhalle im innenstädtischen Bereich zu optimieren. Im Gründenmoos konnten wir den enormen Nutzungsdruck der Fussballrasen entspannen durch den Bau der ersten zwei Kunstrasenfelder in St.Gallen.
Marcel Thoma: In meiner Zeit als Sportchef konnten wichtige Konzepte auf den Weg gebracht werden, etwa die die Aktualisierung des Bäderkonzepts, das Gemeindesportanlagen-Konzept und die Sportevent-Strategie. Die politische Arbeit habe ich ebenfalls als meine Aufgabe betrachtet. Es geht darum, die Bedürfnisse des Sports aufzunehmen und so in der Verwaltung einzubringen, dass die richtigen Resultate herauskommen. Bezüglich Infrastruktur hat die Stadt mit entscheidendem Support dazu beigetragen, dass private Sportanlagen erstellt werden konnten – von der Curlinghalle Lerchenfeld bis zur Tennishalle Rotmonten. Ausserdem baut und erweitert die Stadt federführend, etwa das Blumenwies und die Leichtathletikanlage Neudorf. In St.Gallen sind auch viele spannende Sportevents über die Bühne gegangen. Leuchtendes Beispiel ist das Jahr 2022: die National Summer Games, der International Helvetia Cup, das Gordon Bennett Ballonrennen und die Euro Floorball Tour der Männer – um nur einige zu nennen.
Alexander Linder, welche Schwerpunkte möchten Sie als neuer Sportchef setzen?
Ich habe drei Hüte auf – Schulsport, Breitensport und Spitzensport. Zwischen diesen drei Dimensionen bewege ich mich hin und her und muss schauen, dass die Balance stimmt. Der gemeinsame Nenner ist, dass die Freude an der Bewegung wieder im Vordergrund steht, dass wir wieder mehr Menschen für die gesundheitsfördernde Bewegung begeistern können und dass es nicht nur um Leistung geht. Der Druck in unserer Gesellschaft – sei es in der Schule, in der höheren Ausbildung oder in der Arbeit – ist gross. Da soll der Sport ein Gegenpol sein und einen Ausgleich schaffen. Ich möchte mit meinem Team konsequent daran arbeiten, dass St.Gallen gemäss der Vision 2030 eine Sportstadt mit nationaler und internationaler Ausstrahlung ist. Für die Strahlkraft sind auch grosse Sportevents wichtig. Mit guten Kooperationsmodellen, welche die Perspektiven Stadt, Kanton, St.Gallen-Bodensee Tourismus und allenfalls weiterer Leistungserbringer kombinieren, kann der Aufwand auf mehrere Schultern verteilt werden und Synergien lassen sich optimal nutzen.
Was wünschen Sie sich für die Sportstadt St.Gallen der Zukunft?
Alexander Linder: Ich wünsche mir, dass die Stadt ihr Potential vollumfänglich nutzt und den drei Anspruchsgruppen Schulsport, Breitensport und Spitzensport gerecht wird. Dies soll auch gegen aussen sichtbar sein. Somit lässt sich die Vision einer Sportstadt auf nationaler und internationaler Ebene verwirklichen und die Stadt St.Gallen wird damit zu einem Leuchtturm, über die Kantonsgrenzen und Landesgrenzen hinaus.
Marcel Thoma: Ich wünsche mir eine zügige Realisierung des Sportschwerpunktes Gründenmoos und ein weiterhin starkes, koordinierendes, breit akzeptiertes Engagement durch eine vereins- und publikumsnahe Dienststelle Sport.
Paul Gubser: Ich wünsche mir, dass weiterhin ein aktives Vereinsleben besteht, wozu es viel ehrenamtliche Trainerinnen und Trainer und Vereinsfunktionäre braucht. Der Schul-, Vereins- und vereinsungebundene Sport soll aktiv gefördert werden und in bedarfsgerechten, zeitgemässen Anlagen stattfinden können. Wenn die Basis stimmt, entstehen daraus Erfolge im Breiten- und Spitzensport, welche eine Ausstrahlung weiter über die Stadt hinaus haben.
