Just do it – oder von der Kunst, in Lösungen zu denken
Ihre farbenfrohe Persönlichkeit leuchtet nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Berufsalltag. Denn nicht nur bei «Change Prozessen» geht Senior Organisatorin Nicole Delaval gerne mutig und lösungsorientiert vor. So hat sie berufliche und private Herausforderungen gemeistert und ihre Wandelbarkeit auch im Schauspiel unter Beweis gestellt.
Mit dem Leben ist es wie mit einem Theaterstück: Es kommt nicht darauf an, wie lange es ist, sondern wie bunt. (Lucius Annaeus Seneca)
Das Zitat bringt den ersten Eindruck von Nicole Delaval, Senior Organisatorin bei der Stadt St.Gallen, auf den Punkt. So bunt das Theater Nicoles Erfahrung nach (zwar nicht immer) ist, so farbenfroh ist ihre Persönlichkeit. Mit Offenheit und Frohsinn nimmt uns die 49-Jährige mit auf die Bühne und zu vielfältigen Stationen ihres Lebens.
In der Nähe von Paris, in einem «Banlieu parisienne» geboren (genauer in Athis-Mons in der Nähe des Flughafens Orly), durfte Nicole zwei Jahre ihrer frühen Kindheit verbringen. Nachdem ihr Vater, der für die französische Armee im Dienst stand, nach Freiburg im Breisgau in Deutschland beordert wurde, verbrachte Nicole die nächsten acht Jahre mit ihrer Familie am französischen Militärstützpunkt. Sie lebte mit ihren Eltern in der französischen Besatzungszone. «Als Kind habe ich in französischen Läden mit französischer Währung französische Produkte wie zum Beispiel «cancoillote», «Danette» oder «chèvre» eingekauft», erzählt sie. Gefühlsmässig habe sie in Frankreich gelebt und nur am Rande die deutsche Kultur erfahren, obwohl ihr jüngerer Bruder in Freiburg in Breisgau zur Welt kam und dort den deutschen Kindergarten in der Nähe besuchte.
Nicole besuchte die Schule nach den Regeln des französischen Schulsystems bis sie zehn Jahre alt war. Weil ihr Vater dann nicht mehr für die Armee tätig sein wollte, zog die Familie, nachdem Nicole die vierte Klasse abschliessen konnte, 1983 nach St.Gallen in die Schweiz, die Heimat ihrer Mutter, in der sie und Nicoles jüngerer Bruder bis heute verwurzelt sind.
In zwei Ländern zuhause
Der andere Teil der Familie sei in Frankreich zuhause: «Ein Teil wohnt in Paris, ein Teil im Loire-Tal, ein Teil in Südfrankreich und ein weiterer Teil in «Marne en Champagne», dem «Vallé de la Marne» im Champagnertal», schwärmt Nicole. Aus dem Marne-Tal kommen die «Delavals». Mit einer Anekdote zeichnet sie ein Bild von der kleinen Stadt mit ihren rund 4.000 Bürgerinnen und Bürgern, in der ihr Vater geboren wurde: «Die sind bis heute stolz darauf, dass sie Louis XVI einst erkannt und gefangen haben», erzählt sie schmunzelnd. Denn dieser war mit einer Postkutsche auf der Flucht gewesen und hatte seine Pferde in der Stadt versorgen wollen, als er vom Postmeister erkannt und daraufhin gefangen genommen wurde. Rund um das Städtchen wird heute Champagner angebaut. Besuchende finden zudem viele Gedenkstätten, die an die Kämpfe in den Gräben zur Zeit des 1. Weltkrieges erinnern. Nicole besucht ihre Familie immer noch alle zwei bis drei Jahre.
Als Tochter eines Franzosen und einer Schweizerin ist Nicole stolz darauf, beide Nationalitäten zu besitzen. Zweisprachig aufzuwachsen war für sie jedoch zunächst kein Vorteil gewesen. Obwohl ihre Mutter konsequent schweizerdeutsch mit ihr sprach, erinnert sie sich nur noch dunkel an erste Worte wie «Gigampfe» zurück: «Ich habe die Sprache zwar im Ohr gehabt, jedoch kann ich mich nicht mehr daran erinnern, schweizerdeutsch gesprochen zu haben.» Die Sprachen bewusst gelebt habe sie ab dem zehnten Lebensjahr, als sie während der Schulzeit dazu herausgefordert war, sich in St.Gallen vollumfänglich zu integrieren: «Weil in Frankreich die Kinder früher eingeschult werden, musste ich die vierte Klasse in der Schweiz wiederholen. Für die sprachliche Integration war dies rückblickend hilfreich», gesteht sie.
Heute denkt sie in beiden Sprachen und bewertet sowohl das Französische als auch das Deutsche gleichermassen als ihre Muttersprachen. Die Tatsache, dass sie 30 Jahre lang überwiegend im deutschen Sprachraum tätig war, verhalf ihr, die deutschen Sprachkenntnisse zu entwickeln.
Zwischen Strukturiertheit und Chaos
Nach dem Abitur 1995 zog es Nicole eigentlich direkt auf den Arbeitsmarkt, jedoch war von offenen Stellen weit und breit keine Spur. Zum damaligen Zeitpunkt war sie für alles offen, nur nicht für die Bank – und doch ist ihr die Bankenwelt «zum Verhängnis geworden». Aus dem Start in der vermeintlich «falschen» Karriere wurden 16 Jahre mit verschiedenen Tätigkeiten, zuletzt im Bereich «Human Ressources» im Rahmen von Personalprojekten. Die Mehrsprachigkeit war für den Arbeitgeber damals ein klarer Vorteil, allerdings bezeichneten die deutsch-schweizer Kollegen ihren Arbeitsstil oft als etwas unstrukturiert und «typisch französisch». Für die Bank konnte sie auch ein paar Jahre in Lausanne arbeiten und da hiess es wiederum, sie sei «typische Deutsch-Schweizerin» und arbeite überstrukturiert. «Vielleicht hätte ich rückblickend in Bern oder irgendwo in der Mitte arbeiten müssen», sagt sie lachend.
Dann wechselte Nicole zu einer Revisionsgesellschaft, innerhalb welcher sie im Key Account Management Grosskunden betreut hat. Diese Tätigkeit war extrem strukturiert und detailliert und folgte Gesetzen und Regelungen, was so gar nicht Nicoles Natur entsprach. Das war für sie die Gelegenheit, ihre Strukturiertheit und Genauigkeit auszubauen und so auch ihren Horizont zu erweitern.
Vor gut fünf Jahren hatte sie die Stelle bei der Stadt St.Gallen gesehen, die eine Gelegenheit bot, wieder zu der Art von Arbeit zurückzugelangen, die sie zuvor bei der Bank kennen (und lieben) gelernt hatte. ««Spezialsituationen» hiess die Abteilung bei der Bank damals», erinnert sie sich. Hier musste sofort reagiert und kurzfristiger Einsatz geleistet werden, wenn Banken in Schieflage geraten waren. Menschen in Change Prozessen wie diesen zu begleiten und gemeinsam lösungsorientiert zu schauen, wie es weiter geht, das bedeutet für Nicole, Emotionen zu erleben. Und genau deshalb habe sie sich sofort auf die Stelle bei der Organisationsentwicklung der Stadt St.Gallen beworben. «Es gibt viele unterschiedliche Themen und ich weiss morgens nach dem Aufstehen nie genau, was der Tag bringen wird», sagt sie. Die Herausforderung, sich einarbeiten zu müssen, das Begleiten der Menschen in einfacheren und schwierigeren Prozessen sowie die Vielseitigkeit – das fasziniert sie an ihrer Tätigkeit.
Das Stichwort «Change Management» mag für Nicole vielleicht auch aufgrund ihrer Vorgeschichte und dem Zuzug in die Schweiz, nach dem sie sich flexibel veränderten Gegebenheiten anpassen musste, von besonderer Bedeutung sein. «Change Management» stellt eine besondere Herausforderung innerhalb ihrer Tätigkeit bei der Stadt dar. Nicole ist felsenfest überzeugt, dass es immer darauf ankommt, was die einzelne Person daraus macht. Schliesslich geht es darum, das Beste aus der Situation zu machen.
Auf der Bühne oder in der Turnhalle erwacht die Leidenschaft
Privat teilen Nicole und ihr neunjähriger Sohn Tim vielfältige Interessen, die für den nötigen Ausgleich zum Arbeits- und Schulalltag sorgen. Beide reisen, spielen gerne und lesen viel. Im Handball und Amateurtheater hat Nicole schon früh ihre grosse Leidenschaft entdeckt! Sie erinnert sich an einen Aufsatz aus der Primarschulzeit, in dem es um Wünsche für die Zukunft ging: «Viel draussen sein und Menschen helfen oder im Garten werkeln», erinnert sie sich an ihre Lebensvorstellungen. Aus dem Gedanken an den Menschen entwickelten sich in der Pubertät die Faszination für das Schauspiel und der Wunsch nach der eigenen Bühnenpräsenz: Sich in verschiedene Persönlichkeiten hineinzuversetzen, das reizte sie.
«Einmal spielte ich eine amerikanische Reisebegleiterin, verkleidet mit Perücke und amerikanischem Akzent, die Leute im Bus begleitet. Beim Abendessen bin ich gefragt worden, woher ich aus Amerika komme. Das war der Moment, in dem ich für mich gemerkt habe: Ich muss auf die Bühne», erzählt sie.
Später war sie dann mit einem deutschen Regisseur des Stadttheaters St.Gallen befreundet und kam durch ihn zum Theaterspiel. In der Thearteria in Andwil erhielt sie ihre erste Nebenrolle als Kammerzofe im Stück «Viel Lärm um nichts» von Shakespeare. Ihrer Schauspielleistung nach zu urteilen hatte sie wortwörtlich ein «komisches Talent», konnte die Komik auf der Bühne des Amateurtheaters zum Leben erwecken.
Eine Hauptrolle der besonderen Art
Nicoles Auftritt im Stück «My Fair Lady» war mit einer ganz besonderen Hauptrolle verbunden: Als Mutter des Professor Higgins, einem Sprachwissenschaftler, der Eliza Dolittle, ein Mädchen von der Strasse «in die gute Gesellschaft einführen wollte», war sie, wie der Rest der Gesellschaft, ganz in schwarz-weiss gekleidet. Eine Hauptrolle in einem Theaterstück in schwarz-weiss spielen zu dürfen, war Nicoles persönlicher Höhepunkt im Schauspiel. Gelegenheit zum professionellen Theaterspiel hätte sie gehabt, konnte diese jedoch aus zeitlichen Gründen nicht weiterverfolgen.
Ähnlich ging es ihr im Handball: Ein lang verfolgtes Ziel war es, aus der National Liga A in die Schweizer Nationalmannschaft aufgenommen zu werden: «Der damalige Trainer hatte es mir jedoch aufgrund meiner Grösse nicht zugetraut», bedauert sie. Schliesslich wurde sie doch als Torhüterin angefragt, wieder in der 1. Liga zu spielen, mit Ziel zum Aufstieg und musste sich dann entscheiden: Arbeit oder Hobby. Diese Entscheidung war für sie immer klar: Die Arbeit hatte stets Vorrang.
Wenn sie nicht gerade auf der Bühne oder in der Turnhalle stand, liess Nicole auch ganz gerne mal ihre Finger über die Klaviertastatur gleiten. Denn Klavierspielen gehört zu ihren musischen Talenten – «naja, zumindest für den Hausgebrauch reicht`s», erwidert sie lachend. In der Rente möchte sie das Klavierspiel ausbauen: «Vielleicht klappt`s dann noch mit der Karriere als Klaviervirtuosin», träumt sie. Aber zwischenzeitlich reicht die Zeit für diese Hobbies oder grosse Weiterbildungen nicht mehr, denn Kind, Haushalt und Arbeit füllen den Tag schon reichlich aus.
Auf die Frage, wie sie Familie, Arbeit und Freizeitinteressen unter einen Hut bringt, antwortet sie keck: «Just do it, einfach machen, denn das Leben ist zu kurz, um Trübsal zu blasen». Und wenn doch mal etwas in die Quere kommt? Dann denkt Nicole ganz gerne in Lösungen, nicht in Problemen, denn Lösungsorientierung ist eine ihrer persönlichen Stärken.
