Am Samstag, 18. Juni 2023, messen sich die Profis der Tour de Suisse im Einzelzeitfahren. Die Weltspitze der Frauen und Männer startet in St.Gallen an der viertgrössten Rundfahrt weltweit und legt eine Strecke von 25.7 Kilometern, auf dem Kurs von St.Gallen über Wittenbach, Waldkirch nach Abtwil, zurück. 23 Männer- und 19 Frauen-Teams schicken ihre Fahrerinnen und Fahrer ins Rennen, alle auf der Jagd nach Bestzeiten. Damit so ein Rennen stattfinden kann, sind diverse Vorarbeiten nötig. An den Renntagen selbst stellen vor allem die massiven Verkehrseinschränkungen, insbesondere auch für den öffentlichen Verkehr, eine Herausforderung dar.
Momente der Begeisterung schaffen
Dem pflichtet auch Alexander Linder, seit Kurzem Leiter Sport bei der Stadt St.Gallen, bei: «Das stimmt, die Einschränkungen sind nicht von der Hand zu weisen.» Es sei aber auch immer eine Frage der Perspektive: «Sehe ich eher die Chancen oder die Herausforderungen?». Linder, selbst passionierter Radfahrer, erinnert sich, wie er als Kind selbst an einer TdS-Etappe zuschauen konnte. Im Zielraum traf er Ferdy Kübler, der seinerzeit Werbung machte für Trident. «Er gab mir ein Päckli Kaugummi und eine signierte Autogrammkarte. Diese hatte ich dann bis ins Teenageralter an meiner Pinwand hängen. Daran denkt man noch lange.» Man wolle wieder solche Momente der Begeisterung schaffen, sagt Linder. Insbesondere bei den Einzelzeitfahren am Sonntag sollen möglichst viele Frauen, Männer und Kinder an der Strecke stehen, applaudieren und Geschenke vom Werbetross bekommen. Und das müssen nach Linder bei weitem nicht nur die angefressenen «Gümmeler» sein. Vielmehr biete sich für die ganze Stadtbevölkerung eine einmalige Chance, die Radprofis in Fahrt aus nächster Nähe zu erleben.
Wie die Stadt zum Handkuss kam
Dass die Tour de Suisse überhaupt Halt in St.Gallen macht, ist dem Umstand geschuldet, dass der ursprüngliche Austragungsort des Einzelzeitfahrens im Januar 2023 abgesprungen war. Die Veranstalter der Tour de Suisse suchten daher unter grossem Zeitdruck einen anderen Austragungsort. St.Gallen kam zum Handkuss, ohne dass die üblichen Kosten, welche ein Austragungsort entrichten muss, bezahlt werden mussten. Gratis ist der traditionelle Sportanlass für die Stadt St.Gallen dennoch nicht. Der Stadtrat sprach 75'000 Franken in Form von städtischen Dienstleistungen. Diese umfassen unter anderem Verkehrssignalisationen, welche die Stadtpolizei stellt, Reinigungsarbeiten des Tiefbauamtes, damit die Radprofis eine saubere Rennstrecke haben, Kommunikationsmassnahmen wie z.B. der Infoflyer an die Bevölkerung sowie Strom und Wasser der Sankt Galler Stadtwerke für den Betrieb der ganzen Infrastruktur im Startbereich.
Neben der knappen Vorbereitungszeit war es eine Herausforderung, alle betroffenen städtischen Dienststellen rasch unter der Federführung der Dienststelle Sport zusammenzubringen, damit der Anlass gut organisiert und getaktet werden konnte. Dies scheint insbesondere gelungen, da viele Aufgaben direkt durch das lokale Organisationkomitee, dem Tour de Suisse HUB St.Gallen, übernommen werden. Dieser wiederum wird geführt von St.Gallen-Bodensee Tourismus, was aufgrund der Streckenführung durch diverse Gemeinden von der Region St.Gallen bis zum Bodensee durchaus Sinn macht.
Grössere Einschränkungen für den Verkehr
Insbesondere am Sonntag, beim Einzelzeitfahren der Männer und Frauen, kommt es zu grossen Einschränkungen für den Verkehr. Es sind sowohl der Individualverkehr wie auch der öffentliche Verkehr betroffen. Die Profis starten im Minuten-Takt an der Fürstenlandstrasse und fahren von Westen nach Osten durch St.Gallen. Die Stadt ist daher während des ganzen Tages in der Länge quasi lgeteilt. Für die Verkehrsbetriebe St.Gallen (VBSG) kommt diese Situation einem Ausnahmezustand gleich. Die VBSG sind sich Einschränkungen durch kleinere und grössere Veranstaltungen zwar durchaus gewohnt. Die kurzzeitigen Sperrungen durch alljährlich stattfindende Veranstaltungen, wie etwa den OLMA-Umzug, den Auffahrtslauf oder die zahlreichen Feste in der Altstadt, bringen Samuel Keiser, den Verantwortlichen für die Planung bei den Verkehrsbetrieben, kaum mehr ins Schwitzen. Die Teilung des öffentlichen Verkehrsnetzes durch die Tour de Suisse bedeutet für die VBSG nun aber eine sehr grosse Herausforderung mit «sehr weiträumigen Konsequenzen», wie er erklärt. Vom Rosenberg kommt man nicht mit dem Bus zur sonntäglichen Messe in die Kathedrale oder auf die Drei Weieren zum Spazieren, vom Westen der Stadt kommt man nicht ins Zentrum. Einzig die Linien 7 und 8 können noch normal verkehren. Alle anderen Linien werden nur noch auf den Teilstrecken in Richtung Osten und Süden bedient. Eine Umleitung der Linien um das Sportgeschehen herum ist nicht möglich. Es fehlen Wendemöglichkeiten für die Busse sowie die nötigen Fahrleitungen, die die Batterietrolleybusse benötigen, um ihre Batterien aufzuladen. Während des Zeitfahrens verkehren deshalb nur wenige Busse. Die VBSG wurden daher vom Bund an diesem Sonntag von ihrer Beförderungspflicht befreit. Ähnlich wie Linder kann Keiser dem Zusatzaufwand und den Herausforderungen, die ein Grossanlass wie die Tour de Suisse mit sich bringen, trotzdem auch viel Positives abgewinnen. Für Involvierte wie ihn bedeutet das nicht Alltägliche immer auch eine «spannende Knobelaufgabe, die es zu lösen gilt».
Damit es für Anwohnende und das allenfalls betroffene Gewerbe trotz der umfassenden Planung keine bösen Überraschungen gibt, kommunizierte das lokale Organisationskomitee frühzeitig und aktiv. Nebst Medienarbeit und eigens für den St.Gallen-Hub erstellter Website wurden alle 40'000 Haushalte der Stadt mit einem Infoflyer bedient. Auch zeugen Fahnen und Plakate in der Innenstadt vom bevorstehenden Grossereignis.
Sportstadt St.Gallen
Während die Stadt St.Gallen bei der Tour de Suisse kurzfristig von den Veranstaltern angefragt wurde, versucht sie auch immer wieder attraktive Sportanlässe proaktiv in die Gallusstadt zu holen. Darunter auch solche, die dem Aspekt der Inklusion gerecht werden. 2022 wurden unter anderem die folgenden Anlässe erfolgreich durchgeführt: Der internationale Helvetia Cup 2022, die National Summer Games 2022 sowie die Euro Floorball Tour 2022. Zudem haben sich einige jährlich wiederkehrende Sportveranstaltungen wie das CSIO oder der Auffahrtslauf etabliert. Die Veranstalter schätzen gemäss Linder die lokale Sportinfrastruktur. So werde man auch ein Austragungsort der Fussball-Europameisterschaft der Frauen im Jahr 2025 sein.
Neben diesen grossen Sportanlässen wollen Linder und sein Team aber auch immer wieder Nischenveranstaltungen nach St.Gallen holen. So finden im Jahr 2028 die Weltmeisterschaft im Seilziehen in der Kantonshauptstadt statt. Auch wenn damit ein Ausnahmezustand wie bei der Tour de Suisse ausbleiben dürfte, dürften die städtischen Stellen auch künftig gefordert sein.
Alle Informationen zur Tour de Suisse 2023 in St.Gallen gibt's hier.
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