Einer, der drei Nordwände bezwungen hat
Er ist in seiner Freizeit Bergsteiger, Bergführer, Flugretter und Profi-Taucher – Claudio Malacarne hat eine Leidenschaft für den Extremsport. Wenn der Mitarbeiter der Informatikdienste der Stadt St.Gallen etwas macht, dann richtig. Sein Erfolgsrezept sind körperliche Fitness, mentale Stärke und Teamgeist: Damit hat er die Eiger Nordwand, die Matterhorn Nordwand und die Grandes Jorasses Nordwand erklommen. Und damit taucht er in Schweizer Seen in über 40 Metern Tiefe.
Schon früh – bereits als Jugendlicher – war Claudio Malacarne gerne in den Bergen unterwegs. Doch erst im Hitzesommer 2003, als er sich gerne in den kühlen Bergen aufhielt und viele Wanderungen machte, begann seine Bergsteiger- und Bergführer-Laufbahn. In Chamonix besuchte er seinen ersten Kletterkurs in Fels und Eis, welcher seine Leidenschaft für das Bergsteigen entfachte. Er nahm eine lange und harte Ausbildungsphase von mehreren Jahren in Kauf, bis er 2009 den Abschluss als eidg. dipl. Bergführer – so die damalige Bezeichnung – in der Tasche hatte.
Im Gespräch zeigt sich schnell, dass Claudio Malacarne, der seit Anfang 2019 bei den Informatikdiensten der Stadt St.Gallen als Netzwerkverantwortlicher arbeitet, ein Profi-Bergsteiger ist, der alle Facetten dieses Sports kennt: vom Sportklettern über das Alpine Sportklettern, bei welchem die Sicherungen durch den Kletterführer gelegt werden, bis zum klassischen Bergsteigen, bei welchem die natürlichen Sicherungsmöglichkeiten oder eigene Hacken oder andere Risssicherungen verwendet werden. Hart seien die Aufnahmebedingungen für die Ausbildung zum Bergführer, erzählt er. Eine Herausforderung war das Absolvieren einer Vielzahl von alpinen Disziplinen wie Schneeschuhlaufen, Skitouren, Lawinenkunde, Führen am kurzen Seil und Klettern in Fels und Eis.
«Neben der technischen Sicherheit ist auch eine starke physische und psychische Fitness erforderlich», sagt Claudio Malacarne. Eine weitere Voraussetzung war für ihn als Ostschweizer aber schwierig zu erfüllen: das Erreichen einer gewissen Anzahl Bergtouren, die unter der Leitung eines erfahrenen Bergführers durchzuführen sind. Ohne die richtigen Kontakte sei es fast unmöglich, an die richtigen Touren heranzukommen, erzählt Claudio Malacarne. Er hatte das Glück, Bekanntschaft mit dem Besitzer einer Bergsteigerschule zu machen, der ihm ermöglichte, unter seiner Leitung die für die Ausbildung benötigten Touren zu leiten. Nach der Ausbildung zum Bergführer stellte sich Claudio Malacarne einer weiteren Herausforderung. Er durchlief den Lehrgang bei der Luftrettung der Air Zermatt und begleitete parallel zu den Bergtouren, die er für seinen Bekannten mit der Bergsteigerschule leitete, auch Einsätze bei der Flugrettung. Beides machte er nebenberuflich.
Ein Glücksmoment für die Ewigkeit
Nach seinen grössten Erfolgen gefragt, erzählt Claudio Malacarne von den drei grossen Nordwänden der Alpen, der Eiger Nordwand, der Matterhorn Nordwand und der Grandes Jorasses Nordwand. Wobei er an ersterer wetter- und situationsbedingt zweimal gescheitert war, bis ihm beim dritten Anlauf die Besteigung gelang. «Sie hat mich einfach nicht gewollt», meint er schmunzelnd. Obwohl ihm damals sicher nicht zum Schmunzeln zumute war. Ein Kampf sei es gewesen, immer wieder die Planung in Angriff zu nehmen, das Material zusammenzustellen und anzureisen, erzählt er. Es galt die Jahreszeit und die Temperaturen zu berücksichtigen, die Wetterprognosen zu beobachten. Die Bergsteiger mussten ein Zeitfenster erwischen, in dem drei Tage gutes Wetter herrschte. Zum Glück konnte er jedes Mal auf den gleichen Bekannten – einen Kollegen aus dem Berner Oberland – zählen.
Eindrücklich schildert Claudio Malacarne die unterschiedlichen Strategien, mit denen sie die Eiger Nordwand bestiegen haben. Auf alle Arten versuchten sie die Bezwingung – mit dem Durchsteigen in der Nacht, in zwei Etappen mit Biwakieren und einem Start ganz früh am Morgen oder am Mittag. Die Besteigung stellte eine riesige Herausforderung dar. Die Seilschaft hatte mit Stein- und Eisschlag zu kämpfen, weshalb sie sich schweren Herzens für einen Routenwechsel entschied und so über die weniger exponierte Flanke ihr Ziel erreichte. Die Belohnung für die Strapazen, als sie um fünf Uhr morgens endlich auf dem Gipfel standen, war ein grandioser Sonnenaufgang. «Das war ein unbeschreibliches Gefühl», erzählt Claudio Malacarne mit Ehrfurcht in der Stimme. Er habe eine unauslöschliche Freude empfunden beim Anblick der Landschaft und natürlich über das Glück, das sie schlussendlich gehabt haben, dass sie den dritten Versuch nicht abbrechen mussten.
Selbstsicherheit und Respekt vor Risiken
Solche Touren wie die Besteigung einer Nordwand erfordert eine ausserordentliche Fitness. Claudio Malacarne absolvierte drei bis fünf Trainingseinheiten pro Woche, dazu kam Lauftraining, Mountainbike und Rennvelofahren. Zusätzlich habe er Krafttraining für den Oberkörper gemacht.
Wichtig sei neben der körperlichen Fitness auch die mentale Stärke, um Situationen, denen man am Berg begegnet, verkraften zu können. «Es braucht eine gesunde Mischung aus Selbstsicherheit und Respekt vor den Risiken», sagt Claudio Malacarne. Er hat mehrfach erlebt, dass er als Bergführer Touren abbrechen musste, weil seine Gäste nicht auf ihn gehört und die Risiken nicht richtig eingeschätzt hätten. Zum Abbruch seiner Bergführer und Bergsteiger-Laufbahn führte ein einschneidendes persönliches Erlebnis, welches ihn die ganze Sache überdenken liess. Aber die schönen Erinnerungen überwiegen und er pflegt heute noch Freundschaften zu ehemaligen Gästen und gibt Ratschläge.
Die Grenzen des Sporttauchens überschritten
Die Leidenschaft für die Berge spürt Claudio Malacarne nach wie vor, aber die Laufbahn als Bergsteiger- und Bergführer ist für ihn zu Ende. Denn wenn Claudio Malacarne etwas macht, dann richtig. Dies gilt auch für seine aktuelle Leidenschaft, das Tauchen, zu der er dank eines Studienfreunds gefunden hat. Claudio Malacarne taucht in einheimischen Gewässern. Am häufigsten im Bodensee aufgrund seiner Nähe zur Stadt St.Gallen. Zu den schönsten Seen zählen seiner Meinung nach Thunersee, Walensee, Zugersee und Zürichsee.
Das Tauchen ist nicht weniger herausfordernd als das Bergsteigen, denn bei beiden Sportarten sind die mentale und physische Fitness entscheidend. Claudio Malacarne hat die Grenzen des Sporttauchens überschritten und dringt in Tiefen von mehr als 40 Metern vor, aus denen ein direktes Auftauchen nicht möglich ist. Beim Auftauchen muss einen Tauchstopp von 20 bis 25 Minuten eingelegt werden – auch wenn er ein ungutes Gefühl und das Bedürfnis schneller aufzutauchen hat. Für diese Art zu Tauchen, das technische Tauchen, wird eine komplexe Ausrüstung und ein vertieftes Verständnis benötigt, auch weil mit anderen Gasen als mit Sauerstoff getaucht wird. Die Ausbildung wird anspruchsvoller je tiefer getaucht wird. Da ist es ein Vorteil, dass ein Gruppenmitglied gleichzeitig als technischer Tauchlehrer fungiert.
Was Claudio Malacarne beim Tauchen, im Gegensatz zum Bergsteigen, besonders gefällt ist, dass unter den Tauchern die Leistungen nicht verglichen, nicht gemessen werden. «Es geht um das gemeinsame Absinken in eine faszinierende, einmalig und wenig besuchte Welt. Das Geniessen der Ruhe und das Beobachten der Tierwelt», schwärmt er. Mit Begeisterung erzählt er im Gespräch, dass er am Abend zuvor ein Hecht mit einem Egli im Maul beobachten konnte, was er als ambitionierter Hobbyfotograf natürlich sofort bildlich festgehalten hat.
