Sie kommt grad aus einem städtischen Kindergarten. Angela Walt strahlt und bittet ins Wartezimmer, wo sich jeweils Schulklassen vor den schulärztlichen Untersuchungen aufhalten. Drei Mal finden die hierzulande in einer gängigen Volksschulkarriere statt: Eintritt, 5. Primarklasse, Austritt. 2000 Kinder pro Schuljahr. Hinzu kommen Einzeluntersuche, aktuell vermehrt wegen Schulabsentismus, Adipositas oder psychosomatischer Erkrankungen, seit kurzem bei zahlreichen ukrainischen, teils kriegstraumatisierten Buben und Mädchen.
MRSA als Warm-up
Angela Walt hat in den 15 Jahren ihrer Tätigkeit als städtische Schulärztin eigentlich «schon alles erlebt». Zuletzt die Pandemie, in der trotz minimaler Vorbereitung Maximales geleistet worden sei, wie sie findet. Oder die Umstellung auf Computer und den MRSA-Befall vor vier Jahren, quasi das Warmlaufen auf COVID19. In den Schulhäusern Engelwies kursierte damals dieses Methicillin-resistente Staphylococcus aureus, eben MRSA-Bakterium, das eine in Medizinerkreisen schweizweit vielbeachtete Reihenuntersuchung an 500 Personen zur Folge hatte. Wiederholt waren im Schulquartier Hautinfektionen mit antibiotikaresistenten Keimen bei Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften aufgetreten. Die Quelle der Übertragungen ist bis heute unklar, vermutet werden – kein Witz – die Klatschübungen bei den Kinderfestproben. Seit November 2019 sind die Infektionen verschwunden. Doch bald kam COVID.
Angela Walt, Jahrgang 1968, absolvierte den klassischen höheren Stadtsanktgaller Bildungsweg: Primarschule im Quartier (Tschudiwies), Meitle-Flade (Latein beim Herrn Präfekt), Kanti am Burggraben (Chemie bei Kühnis), wollte dann Sängerin oder Medizinerin werden. Die naturwissenschaftliche Begabung sollte den Ausschlag geben, auch weil sie nach eigenem Bekunden «ihren Gesang den Mitmenschen ersparen wollte». Ohnehin fehle mittlerweile die Zeit zum Singen, es bleibe aber ein Projekt.

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Ältester schulärztlicher Dienst der Schweiz
Es wurde Pädiatrie, Kinderheilkunde. Warum Schul- und nicht Kinderärztin? Der Vater war Schulkreisinspektor in Zürich, der Grossvater Politiker, sie selber unterrichtete während des Studiums an der Höheren Fachschule für Pflegeberufe: «Schulärztin ist ein Mix aus alledem», begründet sie.
Seit 2018 leitet die Mutter von drei erwachsenen Kindern (25, 24, 20) nun den schulärztlichen Dienst der Stadt St.Gallen, welcher die Fachbereiche Medizin, Ernährung und Sexualpädagogik umfasst. Übrigens der älteste schulärztliche Dienst der Schweiz, ins Leben gerufen anno 1904, als in St.Gallen Textilblüte herrschte.
Schulärztinnen und Schulärzte fangen seit jeher jene auf, die zwischen die Maschen fallen, die keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung oder Prävention finden. Was Angela Walt immer wieder aufs Neue anspornt. «Eine Schulärztin ist auch Integrationsbeauftragte.»
Die Schwerpunkte der Untersuchungstätigkeit haben sich mit den Jahren natürlich verändert. Tuberkulose, Krätze- und Flohkontrolle, daran erinnert sich nurmehr die mittlere und ältere Generation. Die Vermeidung von Infektionsketten aufgrund der oftmals beengten Wohnverhältnisse indes hat mit COVID schlagartig wieder an Bedeutung gewonnen. Genauso wie das Impfen und die damit einhergehende Polarisierung der Bevölkerung.
Folienkügelchen im Ohr
Angela Walts Credo als Schulärztin: «Möglichst Primärprävention!» Also Gesundheit erhalten, Krankheiten verhindern oder zumindest verzögern. Dazu gehört auch das Impfen. Die heutigen Untersuchungen betreffen vor allem Augen und Ohren, auch jene eines vermeintlich tauben Knaben, der sich aufgrund einer Zwangsstörung winzige Alu-Kügelchen in die Ohren gestopft hatte. Viele Leiden seien unsichtbar und eine Diagnose daher besonders anspruchsvoll. Körperliche Gewalt wird bei Untersuchungen aber zuweilen offensichtlich, blaue Flecken, Würgespuren: «Da ist die Stadt St.Gallen keine Ausnahme.» Mit dem Ausbau der Schulsozialarbeit werde dem Kinderschutz mittlerweile aber die längst fällige Beachtung geschenkt.
Doch zu den schöneren Seiten ihres Berufs: «Kinder sind unglaublich spannend und vielfältig und geben sich oft wahnsinnig Mühe wie grad eben im Kindergarten», sagt Angela Walt. «Und sie dürfen nerven.» Letztlich seien sie in solchen Momenten oft nichts anderes als der Spiegel ihrer Eltern. «Handy- und Helikopter-Eltern», typologisiert sie die. Weder zu viel noch zu wenig Aufmerksamkeit seien freilich ratsam. Was in St.Gallen durchaus auch an der Topographie messbar sei.
Pandemie: «Der Druck war enorm»
Nach der grössten Herausforderung in ihrem Berufsleben gefragt, erwähnt die Schulärztin rasch die Pandemie. «Der Druck, die Schulen offen zu halten, war enorm. Und Fragen aus allen Schichten der Bevölkerung auf Augenhöhe zu beantworten, war sehr anspruchsvoll.» Angela Walt stellte ihr Wissen als Mitglied der städtischen Arbeitsgruppe Pandemie auch dem Stadtrat zur Verfügung, interpretierte und adaptierte die Entscheide des Bundesamts für Gesundheit, war in regelmässigem Kontakt mit der Kantonsärztin. Sie half im Auftrag des Regionalen Führungsstabs (RFS) als stellvertretende Leiterin des Ressorts Gesundheit mit bei der Einrichtung eines Testzentrums auf dem Olma-Areal. Welche Lehren zieht sie? «Ein gutes Netzwerk ist in solchen Krisenzeiten Gold wert.» Die Folgen der Pandemie seien gerade auch aus medizinischer Sicht jedoch noch nicht abzuschätzen: «COVID ist eine Krankheit mit vielen Facetten, die wir längst noch nicht alle kennen.»
Strauss gegen Stress
Das Wartezimmer wird gebraucht, das Gespräch geht weiter im Behandlungszimmer der Schulärztin, unspektakulär eingerichtet, ein paar Kinderzeichnungen an der Wand. Angela Walt trinkt den ersten Schluck ihres inzwischen kalten Kaffees. Medizinisches Personal ist sich solches gewohnt. Ergänzend zu ihrem 80-Prozent-Pensum versieht die Kinderärztin Dienst in der Notfallpraxis am Kinderspital, hält Vorträge, ist HSG-Dozentin im Rahmen des Medical Masters, nimmt an Elternabenden teil, befasst sich in einer kantonalen Arbeitsgruppe mit der Revision des Gesundheitsgesetzes und amtet im Vorstand von ScolarMed Schweiz, der Vereinigung der in den schulärztlichen Diensten tätigen Fachpersonen. Vernetzung ist ihr eben wichtig
Sie sei sehr stressresistent, entgegnet sie auf die Frage nach Resilienz und Work-Life-Balance. «Ein Medizinstudium ist bestes Training.» Und wenn es dann doch einmal etwas viel wird, fährt sie an den See, nimmt das Schiff nach Lindau und schaltet ab. Oder geht zu ihrer Lieblingsfloristin und steckt sich einen Blumenstrauss.
Zum Abschied empfiehlt sie einen Artikel in der Fachzeitschrift «pädiatrie schweiz», ein Plädoyer für die schulärztlichen Dienste unter dem Titel «Sind Schulärztinnen und Schulärzte im 21. Jahrhundert anachronistische Idealisten oder Innovatoren? neues Fenster» – Angela Walt ist vermutlich beides.
