Momentan besucht Kristin Schmidt alle zwei Wochen für eine halbe Stunde den Musikunterricht an der städtischen Musikschule. Ein grösseres Zeitfenster lässt ihr heutiger, durchgetakteter Alltag kaum zu. «Mit der Geburt meiner Kinder hat sich alles verändert mit Blick auf die ‹Musizier-Life-Balance›», erzählt Kristin und betont: «Ich kann keine vier Stunden am Tag spielen. Ich bin froh, wenn ich täglich eine Viertelstunde üben kann.»
Marie-Louise Dähler weiss aus Erfahrung, dass Berufstätige oft unterschiedliche Konzepte finden, um der Musik im Alltag Platz einzuräumen. So üben manche schon früh am Morgen und gehen dann ins Büro. Viele behalten das Musizieren auch im Ruhestand als Lebensinhalt bei. «Das bestätigt, wie bereichernd Musik für das eigene Leben sein kann, sowohl für das Herz als auch für die Neuroplastizität. Gerade für Menschen im Ruhestand ist das eigene Musizieren oft ein wichtiges tägliches Ritual», sagt sie. Von Kindesbeinen an begleitet die Musikschullehrerin viele Kinder über einen viel längeren Zeitraum als andere Lehrpersonen, was oft besonders bereichernd ist - für beide Seiten. «Am Instrument kann man viel über sich selbst erfahren, wenn der Wille dazu da ist», so Marie-Louise Dähler.
Als Autodidaktin gestartet
Die Leidenschaft für Musik, insbesondere für Barock, führte auch Musikschülerin Kristin Schmidt einst zu ihrem Wunschinstrument. «Ich spiele aus Freude am Instrument und an der Musik. Das Cembalo ist das Instrument aus jener Epoche, die ich am liebsten habe. Für mich gehört das Instrument unmittelbar mit der barocken Musik zusammen und Johann Sebastian Bach ist natürlich musikhistorisch der ‹grosse Held›!», sagt sie. Sie möge insbesondere den glasklaren Klang des Instruments, der mit der Barockmusik wie kaum ein anderes Instrument verbunden sei.
Kristin begann im Jahr des Eidgenössischen Blasmusikfestivals 2005 zu spielen: «Ich weiss noch, wie ich durch die Gassen lief und die Musikerinnen und Musiker der Orchester spielen hörte», erinnert sie sich. «Das hat mich zum Nachdenken gebracht und ich habe bedauert, dass ich als Teenager mit dem Flötespielen aufgehört habe, weil es mir nie gefallen hat». Die Gedanken an ihr Lieblingsinstrument führten sie schliesslich zu einem schnellen Entschluss: Um Cembalo zu lernen, ergriff sie die Gelegenheit beim Schopf, kaufte sich kurzerhand ein Cembalo-Lehrbuch und versuchte sich als Autodidaktin. «Das kann ich allein!», dachte sie sich, «bis mich Marie-Louise ‹zur Vernunft brachte› und mir erklärte, dass das Vorhaben so ziemlich unmöglich ist», sagt sie lachend.
Entscheidend für den Lernerfolg ist insbesondere eine gute Beziehung zwischen Lehrperson und Lernenden.
«Es gibt Personen, die autodidaktisch sehr weit kommen, zum Beispiel beim Erlernen der Gitarrengriffe», erklärt die langjährige Musikschullehrerin. Digitale Apps könnten es heute zwar mehr Menschen ermöglichen, sich musikalische Grundfertigkeiten auf verschiedenen Instrumenten anzueignen. Dennoch kämen die meisten früher oder später an den Punkt, an dem eine Musiklehrperson hinzugezogen wird, die zum Beispiel auf die richtige Haltung achtet. «Insbesondere das gemeinsame Musizieren kommt bei Online-Lösungen viel zu kurz», betont die erfahrene Musikerin, deren Schülerinnen und Schüler zum Teil seit frühester Kindheit von ihr unterrichtet werden, manche seit über 30 Jahren. «Zwei von ihnen durfte ich bis kurz vor ihrem Tod regelmässig in der Musikschule begrüssen», bemerkt sie gerührt und weist damit auf die grosse Bedeutung der Beziehungsebene zwischen Lehrperson und Schülerinnen und Schülern für den ganzheitlichen Lernerfolg hin.
Wie sich der Unterricht für Kinder und Erwachsene unterscheidet
«Sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern geht es immer darum, auf die Person einzugehen», sagt Marie-Louise. Dies sei im Musikunterricht sehr gut möglich, da dieser meist eins zu eins oder mit Kindern in Kleingruppen stattfinde.
Bei Kindern sei ein spielerischer, unbekümmerter Ansatz wichtiger, bei dem auch improvisiert werden könne. Sie würden sich auf alles einlassen und oft auch eigene Melodien kreieren, während bei Erwachsenen das Bewertungssystem viel stärker im Vordergrund stehe. «Wenn Erwachsene eine Melodie improvisieren sollen, sind sie oft sehr selbstkritisch», erklärt Marie-Louise Dähler und verweist auf die Generation, aus der sie stammt. So hätten Noten bei vielen Erwachsenen oft noch ein Monopol. «Trotzdem erlebe ich es heute manchmal, dass meine älteren Schülerinnen und Schüler plötzlich anfangen zu improvisieren. Und nicht selten merken sie dann, dass ihnen diese neue Erfahrung richtig geniessen», freut sie sich.
Wie viel Selbstkritik bringt Kristin Schmidt mit? «Ich bin nicht so selbstkritisch, dass ich den Unterricht abbrechen würde, weil ich das Gefühl habe, dass alles hoffnungslos ist», sagt sie und erklärt, dass es vor allem darauf ankomme, die eigenen Ansprüche realistisch einzuschätzen. «Wenn ich mir ein Stück aussuche, das ich spielen lernen möchte, und es auf einem fast perfekten Niveau höre, merke ich oft gleichzeitig, dass ich dieses Niveau kaum erreichen kann. Die eigene Unvollkommenheit wird dann besonders spürbar».
Es geht um den musikalischen Austausch
«So geht es auch professionellen Musikerinnen und Musikern», ergänzt Musikschullehrerin Marie-Louise Dähler. «Die Perfektion setzt alle in gewisser Weise unter Druck.» Letztlich gehe es aber nicht darum, die Kompositionen perfekt spielen zu können, sondern darum, eine eigene Interpretation zu finden. Stücke von Johann Sebastian Bach könnten auch in deutlich langsameren Tempi gespielt werden, als man sie oft auf Youtube und Co. höre. Gerade am Cembalo sei die Artikulation und Rhetorik dieser Musik sehr wichtig, was ihren Ausdruck lebendig und spannend mache «Das Eintauchen ins Spiel soll in erster Linie genossen werden. Es geht darum, Freude am eigenen Musizieren zu haben und zu bewahren», erklärt sie. Denn schliesslich geht es um Kopf, Herz und Hand gleichermassen.
Und wenn ich einmal nicht geübt habe, darf ich auf die Geduld von Marie-Louise zählen.
Vor allem Erwachsene bedanken sich oft für die Geduld, die Marie-Louise Dähler mitbringt. Sie selbst möchte offen sein für das, was die Schülerinnen und Schüler in den Unterricht mitbringen - es gibt auch Wochen, in denen sehr wenig Zeit mit dem Instrument verbracht wird. Besonders in den Stunden, in denen nicht geübt wird, was bei den Kindern häufiger vorkommt, gibt es dann eine «Erfindungsstunde». Oder das Instrument wird gemeinsam näher betrachtet. «Oder wir holen das Üben in einer Übungsstunde nach, was ich immer sehr wertvoll finde», erklärt die Lehrerin. «Dann kann ich beobachten, wie mein Schüler oder meine Schülerin zu Hause an das Musizieren herangeht und gegebenenfalls Tipps für neue Herangehensweisen geben. So gehen wir manchmal ganz neue Wege. Vor allem sollte immer die Freude am Musizieren im Vordergrund stehen, schliesslich geht es um den musikalischen Austausch!»
«Und der kann auch anders stattfinden, nicht nur, wenn man nicht geübt hat», wirft Kristin ein, «sondern auch, wenn ich zum Beispiel gelesen habe, dass es nicht festgelegt ist, dass ein Stück von Bach auf eine bestimmte Art und Weise gespielt werden muss, sondern dass auch die Interpretation des Metronoms durchaus ein musikwissenschaftliches Thema ist und solche Aspekte dann in einer Stunde mit dir, Marie-Louise, besprochen werden können. Das ist auch ein Interesse, es geht nicht nur um das eigene Musizieren, sondern auch um Musiktheorie, das finde ich sehr spannend!».
Vielleicht haben Sie ähnliche Erfahrungen beim Musizieren gemacht und entdecken sich dabei immer wieder neu. Oder es hat Sie die Neugier gepackt, ein Instrument Ihrer Wahl ganzheitlich zu entdecken. Nur Mut zur persönlichen musikalischen Entdeckungsreise! Hier finden Sie weitere Informationen zur Musikschule. neues Fenster
