Leidenschaft, Beruf und Berufung zu vereinen, ist eine Herausforderung. Fabia Knechtle Glogger, Fachspezialistin für Natur und Landschaft bei Stadtgrün, hat sich dieser Aufgabe mit Entschlossenheit gestellt. Aufgewachsen in Rotmonten und St. Georgen und nach eigener Aussage seit jeher mit einem grünen Daumen ausgestattet, war Fabia schon immer fasziniert von allem, was kreucht und fleucht. Oder besser gesagt: allem, was lebt. Denn Pflanzen haben es ihr ebenso angetan wie kleine und grosse Tiere. Gärtnern im heimischen Garten, Expeditionen zum Wattbach und Wanderungen haben ihre Leidenschaft für die Natur noch verstärkt.
So kam es, dass Fabia schon im Kindergarten einen Berufswunsch hatte, der sich bis zur Kanti nicht mehr ändern sollte. «Ich wollte immer Tierärztin werden. Vor der Immatrikulation habe ich aber gemerkt, dass ich mich umfassender mit Natur und mehr mit Biologie und Ökologie beschäftigen wollte, als mich um Meersäuli und Büsi zu kümmern», schmunzelt sie. Statt an der Universität Veterinärmedizin zu studieren, schrieb sich Fabia deshalb an der Fachhochschule ein, Studiengang Umweltingenieurwesen. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst in einem Ökobüro. «In dieser Zeit konnte ich mir viel Wissen aneignen. Ich habe viele Projekte in der Landwirtschaft mit Bäuerinnen und Bauern umgesetzt. Daraus ist in mir der Wunsch entstanden, nicht nur anderen zu erzählen, wie man es besser machen kann, sondern es auch selbst zu tun». Um die Voraussetzungen zu erfüllen, einen Betrieb mit Schafen, Ziegen und Gemüsefeldern zu übernehmen, absolvierte sie deshalb den Direktzahlungskurs.
St.Gallen zeichnet sich durch eine beeindruckende Biodiversität aus. Zahlreiche unterschiedliche Lebensräume bieten Heimat für eine Fülle von Tier- und Pflanzenarten. Gleichzeitig dienen sie uns Menschen als Orte der Erholung und tragen wesentlich zur Lebensqualität bei. Mit der auf die Jahre 2022 bis 2032 ausgelegten Biodiversitätsstrategie möchte die Stadt St.Gallen ökologisch wertvolle Lebensräume sowie die darin lebenden Tier- und Pflanzenarten erhalten, vernetzen und fördern.
Eigenes und geteiltes Büro
Fabia wagte nicht erst mit der Übernahme eines landwirtschaftlichen Betriebs den Schritt in die Selbstständigkeit. 2015 gründete sie ihr eigenes Unternehmen für Naturmanagement. Ihr erster grosser Auftrag kam von der Stadt St. Gallen, woraus 2017 eine Festanstellung von 20 Prozent resultierte. «Obwohl wir bei Stadtgrün ein cooles Team haben und ich mich wohl fühle, kommt ein höheres Pensum für mich nicht in Frage. Ich liebe es, selbstständig zu arbeiten und Entscheidungen zu treffen. Wenn mir jemand oder etwas Steine in den Weg legt, bin ich schnell frustriert.» Sie schätzt es sehr, Flächen und landwirtschaftliche Betriebe in ihrem Heimatort über Jahre hinweg zu begleiten: «Es erfüllt mich, dort Aufwertungsprojekte zu machen, wo ich schon als Kind spazieren gegangen bin oder gespielt habe. Unsere Biodiversitätsstrategie enthält viele wertvolle Projekte.» Sinnstiftende Arbeit, selbstständig und angestellt – viele würden sich damit zufrieden geben. Fabia nicht. Um ihre Berufung und ihre Leidenschaft für die Natur voll ausleben zu können, braucht sie einen eigenen Betrieb, in dem sie von A bis Z mit anpacken kann. Doch der Wunsch nach einem eigenen Hof erweist sich als Herausforderung: «Landwirtschaftsbetriebe sind meist auf Jahre hinaus an Familienmitglieder oder grössere Betriebe versprochen. Wenn man keinen Familienanschluss hat, ist es fast aussichtslos, etwas zu bekommen.»
Mit Überzeugung für Naturschutz
Also kein Stall mit Traktor, Schafen, Ziegen und Gemüseanbau für Fabia? Doch! Ein eigens aufgegebenes Inserat führte zu einem unerwarteten Erfolg – oder zumindest zu einem Teilerfolg. 2015 meldete sich der Besitzer eines kleinen Thaler Bio-Weinbaubetriebs. Er war auf der Suche nach einer Nachfolge, da seine Kinder den Rebberg nicht übernehmen wollten. «Für mich war schnell klar, dass ich das Angebot annehmen würde. Wenn du nicht in die Landwirtschaft hineingeboren wirst, darfst du nicht wählerisch sein.» Obwohl ohne Tierhaltung und weit entfernt vom klassischen Landwirtschaftsbetrieb, passte das Weingut sehr gut zu ihren Vorstellungen: «Für mich war immer klar, dass nur ein Biobetrieb in Frage kommt. Auch wenn es illusorisch ist, aus meiner Sicht sollte Bio der Mindeststandard in der Schweizer Landwirtschaft sein.»
Etwas von A bis Z selbst zu produzieren und dabei die Natur und das Produkt wertzuschätzen. Das ist Lebensqualität.
Auf dem Buechberg in Thal tritt Fabia nach zwei Jahren Einarbeitungszeit mit ihrem Mann René die Nachfolge eines Pioniers an. 1985 war ihr Vorgänger Edy Geiger einer der ersten Winzer, die sich in der Schweiz biozertifizieren liessen. Und einer der ersten, der pilzwiderstandsfähige Rebsorten, sogenannte PIWI, pflanzte. Ihr Clou: Sie kombinieren die Resistenz amerikanischer Reben mit dem guten Geschmack europäischer Sorten. Wegen ihrer Resistenz brauchen sie keine Pestizide. Dem Engagement des abtretenden Winzers, das bis zum Gewinn des Grand Prix du Vin Suisse führte, ist es mit zu verdanken, dass diese Sorten heute hierzulande nicht mehr belächelt werden. Sie geniessen eine breite Akzeptanz.
Es kreucht und fleucht im Rebstock und auf den Flaschen
Mit ihren beruflichen Hintergründen als Umweltingenieurin und Chemiker im Bereich Umweltschutz brachten Fabia und René viel Wissen über Ökologie und Biodiversität in den Betrieb ein. Das war aber kein Grund, nach der Übernahme alles auf den Kopf zu stellen. Schon der Vorgänger hatte nach ihren Vorstellungen gewirtschaftet. Ohnehin sind Veränderungen nach eigenem Gusto nicht von heute auf morgen möglich. «Man arbeitet rund 35 Jahre mit den gleichen Reben. Deshalb haben wir auch die Weine unseres Vorgängers übernommen», erklärt Fabia. Schneller als geschmacklich machte sich das neue Besitzerpaar optisch bemerkbar. Die neuen, farbenfrohen Etiketten zeigen, was Fabia bewegt. Eigens im Weinberg fotografierte Tiere dienten als Vorlage für die farbenfrohen Motive.
Sie bringen Fabias Motivation auf die Flasche: «Wir freuen uns sehr, wenn den Leuten unser Wein schmeckt. Mindestens genauso viel Freude bereitet es mir, wenn ich Heuschrecken, Schmetterlinge oder Ringelnattern im Weinberg sehe. Das zeigt mir, dass sich unser Engagement für die Biodiversität auszahlt.» Eine erfüllende Kompensation ist notwendig. Schliesslich bleibt die Arbeit auch mit einem gewissen Erfahrungsschatz intensiv. So hat sich Fabia dieses Jahr von Frühling bis Herbst nur zwei freie Wochenenden gegönnt. Doch das stört sie nicht. Stattdessen betont sie die grosse Dankbarkeit gegenüber all den Helferinnen und Helfern, die Jahr für Jahr während dem Wimmet bereitstehen und mit viel Engagement bei der Weinlese unterstützen.
Die robusteste Sorte bringt nichts, wenn am Ende ihr Wein nicht schmeckt.
Jedes Jahr im Rebberg hat seine Herausforderungen, denn der Weinbau ist stark vom Wetter abhängig. Der Jahrgang 2024 war aufgrund der starken Regenfälle im Mai und Juni und des Hagels im Juli eine besondere Herausforderung. Der Ertrag in diesem Jahr war gering, aber die Qualität sehr gut. «Die Mischkalkulation muss langfristig stimmen. Jedes Jahr bringt neue Erfahrungen. Man muss immer alternative PIWI-Sorten in der Hinterhand haben, falls etwas nicht klappt und vorausschauend arbeiten, denn von der Umstellung bis zum vollen Ertrag dauert es fünf Jahre.» Damit einher geht Fabias grösste persönliche Entwicklung als Winzerin: «Beim Weinbau weiss man nie, was kommt. Mal hat man viel Arbeit und fast keinen Lohn. Heute versuche ich, mich von Rückschlägen nicht mehr so leicht entmutigen zu lassen. Ich habe eine Gelassenheit gegenüber Dingen entwickelt, die ich nicht beeinflussen kann.» Sie bewundere Bäuerinnen und Bauern, die trotz aller Widrigkeiten mit Überzeugung und Freude weitermachen. So sei es für Fabia auch beim Naturschutz: «Ich versuche mit meinen kleinen Projekten etwas zu bewirken und mir von düsteren Prognosen zum grossen Ganzen nicht den Mut nehmen zu lassen.»
Preisgekrönte Tropfen
Was es Neues auszuprobieren gibt, erfahren Fabia und René durch die gute Vernetzung im PIWI-Winzerverein und den einen oder anderen Betriebsbesuch. Orientierung über die Qualität ihrer Erzeugnisse geben Wettbewerbe. «Von einer Fachjury zu erfahren, wo wir mit unseren Weinen stehen, hilft uns, uns zu verbessern.» begründet Fabia. Nicht wenige Auszeichnungen hat ihr Weinbaubetrieb bereits gewonnen - darunter auch internationale Bioweinpreise. «Unser Ziel ist es, eines Tages bei internationalen Wettbewerben grosses Gold zu gewinnen.» Bis dahin gibt es viel zu tun, auch jetzt im Winter.
Privat oder für den nächsten Teamausflug: Fabia und René bieten Degustationen und Führungen in Weinberg und Keller an. Allen Interessierten seien zudem die folgenden Anlässe empfohlen:
- Samstag, 21. Dezember 2024 12.00 – 16.00: Degustation und Weinverkauf im Laden
- Samstag, 7.Juni 2025, ab 11.00: 2. Kulinarische Thaler Brückenwanderung mit sechs Winzern und Vereinen im Dorf
Ihre Grillstelle mit Aussicht über den Weinberg bezeichnen sie als schönste überhaupt. Wer sich selbst davon überzeugen möchte, findet alle Infos unter biowein-knechtleglogger.ch neues Fenster.
Dann schneiden Fabia und René die Reben zurück, roden die zu ersetzenden und führen Reparaturen durch. Anders als im Sommer gibt es in den kalten Monaten auch den einen oder anderen freien Samstag. Wobei «frei» vielleicht das falsche Wort ist: Fabia liebt, was sie tut und wofür sie sich einsetzt. Die Kehrseite der Medaille: «In meinem Kopf gibt es keinen Feierabend. Umweltprobleme beschäftigen mich rund um die Uhr». Da helfe es, in erfüllende Projekte einzutauchen. Den Traum vom klassischen Kleinbauernhof hat Fabia noch nicht aufgegeben. Jemand ist aber nicht unglücklich, wenn die Erfüllung noch etwas auf sich warten lässt. «Mein Mann sagt immer, er sei froh, dass es ein Weinberg geworden ist und kein Kuhstall», schmunzelt Fabia.
Genuss per Klick direkt nach Hause: Alle Weine des Bio-Weinbaus Knechtle Glogger sind im Online-Shop neues Fenster bestellbar.
Entweder, oder: sechs Fragen an Fabia Knechtle
Trocken oder lieblich? Trocken.
Barrique oder Stahltank? Das kommt aufs Essen an.
Traubenernte: Von Hand oder mit der Maschine? Von Hand, logischerweise.
Dekantieren oder direkt aus der Flasche? Das kommt auf den Wein an, aber meistens aus der Flasche.
Südlage oder Steillage? Beides.
Weinverkostung: In der Sonne oder im Keller? In der Sonne, ganz klar.
