Wie lange sind Sie bereits als Polizistin und Feuerwehrmann im Einsatz?
Olivia Garcia: Im Jahr 2021 habe ich mit der Polizeischule begonnen, so arbeite ich heute seit circa zweieinhalb Jahren im Frontdienst.
Othmar Wüest: Seit 1991, also bereits rund 33 Jahre lang. Zuerst rechnete ich nicht damit, dass ich so lange bleiben würde – die Einsätze und Erfahrungen, die damit einhergingen, haben mich aber zu bleiben überzeugt.
Bei Ihrer Arbeit ist die Chance hoch, dass Sie in Situationen geraten, die einem nahe gehen können – ist dies häufig der Fall?
Wüest: Nein, dies kommt glücklicherweise nicht allzu häufig vor, bei uns sind das wirklich Ausnahmesituationen. In der Regel können wir erfolgreich helfen. Unsere Notarztfahrerinnen und -fahrer sind da beispielsweise sehr viel öfters schwerwiegenden Situationen ausgesetzt. Wie nahe einem etwas geht, ist aber natürlich sehr individuell und auch die Tagesform bestimmt dies. Was ebenfalls einen grossen Einfluss haben kann: die Familienverhältnisse. Bei wem diese intakt sind, der mag auch im Job mehr leiden. Für die Resilienz ist das Persönliche also sehr wichtig.
Garcia: Es gibt immer wieder Fälle und Situationen, die mir nahe gehen. Es ist aber auch immer von der Tagesverfassung und der Lebenssituation abhängig, da diese die eigene Belastbarkeit stark beeinflussen.
Welches Ereignis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Garcia: Ich war noch nicht allzu lange dabei, als wir zu einer psychisch stark angeschlagenen Frau ausrückten. Sie war mit ihren beiden Kleinkindern in ihrer Wohnung und wollte sich das Leben nehmen. Die Sanität war mit dabei und versorgte sie. Ich habe mich um die beiden verängstigten Kinder gekümmert. Man hat ihnen direkt angesehen, dass sie in schwierigen Lebenssituationen aufwachsen müssen und sehr oft auf sich alleine gestellt waren – trotz ihres jungen Alters waren sie erstaunlich selbstständig. Natürlich konnten sie dennoch keine Tränen zurückhalten.
Wüest: Je nach Lebensphase geht einem ein Ereignis näher und ein anderes weniger. Als ein Jugendlicher auf einem Bahnwagen einen Stromschlag abbekam, war das für mich ziemlich heftig, da ich selbst auch zwei Töchter in ähnlichem Alter hatte und man sich unweigerlich in die Angehörigen versetzt.
Wie gelingt es Ihnen, nach schwierigen Einsätzen wieder abzuschalten?
Wüest: Rituale helfen dabei, herunterzufahren und die eigene Resilienz zu stärken. Ganz grundsätzlich: Nach einem Einsatz gehe ich immer nach Hause, ziehe die Uniform ab und stehe als erstes einmal unter die Dusche. So lasse ich das Erlebte an mir hinunterspülen. Kam es bei einem Einsatz zu einem Todesfall, nehme ich mir jeweils Zeit dafür, die verstorbene Person mental von der Welt zu verabschieden. Inspirierend dafür war die Hebamme, die meine Tochter nach ihrer Geburt auf die Welt begrüsst hat. So möchte ich dies auch im umgekehrten Kontext, wie bei einem Abschied, auf eine ähnliche Weise tun. Dies hilft mir, damit abzuschliessen. Wenn es mir aber zu schwer fällt, zwinge ich mich nicht dazu. Vergessen kann man solche Erlebnisse sowieso nicht.
Garcia: Solche Situationen lösen immer Gefühle von Betroffenheit und auch Hilflosigkeit aus, weil man nur begrenzt helfen kann. Danach bleibt mir vor allem ein nachdenklicher Kopf zurück. So lautet meine Devise: Abstand gewinnen und nicht im Erlebten steckenbleiben. Zum Abschalten habe ich jedoch keine spezielle Routine, sondern entscheide je nach Bedürfnis. Ich fahre aber immer gerne mit dem Velo nach Hause oder spaziere noch ein Stück. Auch meine Familie und Freunde sind mir stets eine grosse Stütze.
Man muss das Erlebte in irgendeiner Form in den eigenen Rucksack stecken können und weitergehen.
Wie verarbeiten Sie solche Erlebnisse längerfristig?
Garcia: Ich geniesse es, in die Natur zu gehen, um dort abzuschalten und neue Energie zu tanken. Auch tut es gut, mich mit Einsatzbeteiligten auszutauschen und das Vergangene gemeinsam zu reflektieren. Dort merkt man auch immer, wie alle je nach Thema unterschiedlich betroffen sind. Bislang konnte ich glücklicherweise alles gut wegstecken. In den ersten Jahren habe ich aber unglaublich viel geträumt und die Eindrücke so verarbeitet.
Wüest: Man muss das Erlebte in irgendeiner Form in den eigenen Rucksack stecken können und weitergehen. Nach einem Verkehrsunfall in Abtwil habe ich zum ersten Mal eine tote Person gesehen – ein Erlebnis, das mich lange begleitet hat. Jedes Mal, wenn ich danach an diesem Ort vorbeifuhr, tauchten die Bilder des Unfalls wieder in meinem Kopf auf. Erst vor einigen Jahren bemerkte ich, dass ich zum ersten Mal an diesem Ort vorbeigefahren bin, ohne an das Ereignis zu denken. Die Erinnerung war also etwa 25 Jahre lang in meinem Unterbewusstsein verankert, bis sie eines Tages langsam verblasste. In solchen Situationen, auch durch Gespräche wie dieses oder wenn ich an einem Kurs zum Thema teilnehme, führen mich meine Gedanken auch Jahre später wieder zu gewissen Erlebnissen zurück. Aber sie sind nicht mehr belastend. Und das ist das Ziel.
Wird in Ihrem Team ein offener Umgang mit schwierigen Erlebnissen gepflegt?
Garcia: Ja, wir tauschen uns regelmässig aus und teilen unsere Erfahrungen miteinander. Das passiert manchmal auch spontan – man spricht über etwas völlig anderes und plötzlich ist man mitten im Thema drin. Es hilft, so zu merken, dass man mit den Gefühlen und Erlebnissen nicht alleine ist. Bei der Arbeit müssen wir meist eine professionelle Fassade wahren, weshalb es umso wichtiger ist, auch diesem Aspekt genügend Raum zu schaffen. Präventiv, wie auch zur Verarbeitung.
Wüest: Wir tauschen uns sehr offen darüber aus. Das ist auch der Vorteil der Berufsfeuerwehr, da wir 24 Stunden am Stück und somit viel zusammen sind. So spüren und sehen wir schnell, wenn es jemandem nicht so gut geht und können die Person darauf ansprechen. Wir sprechen allgemein viel über Einsätze. Es gilt: Was ich nicht aussprechen kann, habe ich nicht verarbeitet. Das ist übrigens ein riesiger Fortschritt gegenüber früher. Damals war Leiden ein Zeichen von Schwäche – heute ist das zum Glück überhaupt nicht mehr so.
Auf der Webseite der FWZSSG neues Fenster erfahren Sie, wie Körper und Psyche auf belastende Situationen reagieren können, wann es ratsam ist, sich Unterstützung zu holen und was Betroffene selbst unternehmen können. Zudem finden Sie dort weitere Informationen zu Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und der Wirkung von Stress.
Wie werden Sie von Ihrer Dienststelle unterstützt?
Wüest: Nach jedem Einsatz gibt es ein Debriefing. War es ein Routineeinsatz, wird das Technische besprochen. War es ein schwieriger, belastender Einsatz, kommt ein Einsatzabschlussgespräch (EAG) zum Zuge – dort wird mehr Fokus auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden gelegt und besprochen, ob weitere Massnahmen nötig sind.
Zudem können Angestellte stets anonym psychologische Hilfe beanspruchen oder auf einen unserer «Peers» zugehen. Diese bieten psychologische Hilfe an und gehen beispielsweise nach einem EAG auch proaktiv auf Mitarbeitende zu. Hauptaufgabe von ihnen ist, das Verständnis und Bewusstsein dafür zu stärken, wieso und wie der Körper auf Stresssituationen reagiert. Eine akute Belastungsstörung ist nämlich massiv und es kann bis zu drei Tage gehen, bis eine betroffene Person wieder klar denken kann. Wenn man die Symptome und den Ablauf aber versteht, kann man das Vergangene auch besser verarbeiten. Momentan sind insgesamt sieben Personen jeweils als Peers im Einsatz, darunter auch ich.
Garcia: Nach potenziell belastenden Einsätzen wird stets Wert auf konstruktives Debriefing gelegt. Als erste Ansprechperson haben wir ebenfalls speziell ausgebildete Peers, die als offenes Ohr und Unterstützung da sind. Diese gehen auch proaktiv auf Stapo-Mitarbeitende zu und holen sie niederschwellig bei einer Tasse Kaffee oder ähnlichem ab, wenn sie von einem heikleren Fall erfahren. Insgesamt haben zwischen acht und zehn Personen diese Rolle bei der Stadtpolizei inne. Natürlich gibt es auch die Option von externer psychologischer Hilfe.
Trotz vieler Herausforderungen: Was motiviert Sie für Ihre Arbeit?
Wüest: Einerseits ist die Dankbarkeit, die uns die meisten Leute für unsere Hilfe entgegenbringen, unschlagbar. Andererseits mag ich die Vielseitigkeit des Berufs, da kein Einsatz einem anderen gleicht, und wir in einem grossartigen Team arbeiten können.
Garcia: Natürlich bringt mein Beruf viele erfüllende Momente mit sich. Dazu gehören die Möglichkeit, Menschen in Not zu helfen, die enge Teamarbeit, die Vielfalt der Aufgaben, die persönliche Entwicklung sowie das Gefühl, zur Sicherheit und Ordnung in der Gesellschaft beitragen zu können. Zudem wird meine Motivation durch positive Rückmeldungen und den Einsatz für Gerechtigkeit gestärkt.
Haben Sie das Gefühl, dass Sie seit Ihrem Start resilienter geworden sind?
Garcia: Ich denke schon. Man entwickelt eine gewisse psychische Stärke, wobei ich aber finde, dass man sich nie an solche schwierigen Situationen gewöhnen sollte. Der Schlüssel liegt darin, Strategien zu entwickeln, um mit der Belastung umzugehen und Verständnis für sich selbst zu haben.
Wüest: Auf jeden Fall.
