«Mein Lieblingsznüni ist ein Apfel, dazu ein paar Nüsse und gelegentlich etwas Süsses. Nüsse liefern nicht nur gesunde Fette, sondern auch ausreichend Eiweiss, sodass ich bis zum Mittagessen satt bleibe», sagt Roger. Er ist seit zweieinhalb Jahren Ernährungsberater beim Schulärztlichen Dienst. In seiner Arbeit berät und coacht er Kinder, Jugendliche, Eltern und Schulen. Denn eine ausgewogene Ernährung trägt zu einem vitalen Leben bei und verbessert die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. «Gerade in der Schule ist das wichtig», fügt er hinzu. «Kinder, die sich ausgewogen ernähren, sind aufmerksamer und können sich deutlich besser konzentrieren als diejenigen, die morgens auf ein Frühstück verzichten.»
Auch die Wahl des richtigen Znünis spielt gemäss Roger eine zentrale Rolle: «Viele Kinder kommen am Morgen ohne etwas gegessen zu haben in die Schule und greifen in der Pause zu süssen Snacks. Das führt zu einem schnellen Energieschub, der aber genauso rasch wieder abfällt.» Stattdessen empfiehlt er, auf natürliche Lebensmittel wie Obst, Nüsse, Milch- oder Vollkornprodukte zu setzen und darauf zu achten, genügend Wasser zu trinken, da dies oft vernachlässigt wird. «Ich vergleiche das Nichtessen am Morgen jeweils mit einem Auto, das in der Garage steht und ohne Benzin nicht losfahren kann. Das leuchtet den Schülerinnen und Schülern dann sofort ein», führt Roger aus.
Wissensvermittlung an Eltern
Um sein Wissen an die Eltern weiterzugeben, besucht Roger regelmässig Elternabende an städtischen Schulen. Hier informiert er über die Ernährungspyramide und erklärt, wie eine ausgewogene Ernährung im Familienalltag funktionieren kann. «Ich versuche aufzuzeigen, dass Ernährung nicht das Kind allein betrifft, sondern im Kontext der Familie und dessen sozialem Umfeld gesehen werden muss. Eine offene und ehrliche Kommunikation ist dabei grundlegend», betont er. Laut Roger unterschätzen viele Eltern den Einfluss ihres eigenen Verhaltens: «Die Eltern sind Vorbilder und steuern damit das Essverhalten der Kinder massgeblich.»
Er verrät auch einen Trick, um unnötige Machtkämpfe am Esstisch zu vermeiden: «Erwachsene sollten grundsätzlich das Angebot an Essen und Getränken vorgeben. Dabei hilft es, eine grosszügige Auswahl von gesundheitsfördernden Lebensmitteln anzubieten und die Kinder auswählen zu lassen. Ein Essverhalten wie im Selbstbedienungsladen führt hingegen oftmals zu unvorteilhaften Essmustern, die langfristig schwierig zu verändern sind.» Lebensmittel zu verbieten findet Roger keine gute Idee: «Dadurch erhöht man den Reiz, das Verbotene trotzdem zu naschen.»
Besuch von städtischen Mittagstischen
Eine weiterer Schwerpunkt von Rogers Arbeit ist die Rezertifizierung der städtischen Tagesbetreuungen mit dem Label neues Fenster«Fourchette verte - Ama terra neues Fenster». Das Label steht für ein ausgewogenes Menüangebot für Kinder und Jugendliche, das gleichzeitig die Regionalität und Saisonalität sowie Nachhaltigkeit in der Lebensmittelproduktion berücksichtigt. Regelmässig besucht Roger die Küchen der Tagesbetreuungen, um die Einhaltung der Kriterien zu kontrollieren. Dazu gehört die Beurteilung der Vorratsschränke, der Kühlschränke, Tiefkühler und auch der Menüs. «Grob gesagt, sollte der Teller mittags und abends je zu einem Drittel mit Gemüse, Kohlenhydrat- und Proteinlieferanten belegt sein», erklärt Roger. «Klassische Stolperfallen in der Küche sind oft Halbfertigprodukte oder Würzmischungen, die versteckten Zucker oder Geschmacksverstärker enthalten. Je länger die Zutatenliste ist, desto weniger ist ein Produkt für den menschlichen Körper gemacht», fügt er hinzu. Der Ernährungsberater prüft bei seinen Besuchen auch, wie die Tischkultur gepflegt wird. «Eine gelebte Tischkultur fördert das Zusammensein mit der Familie zu Hause oder den Schulgspänli am Mittagstisch. Essen im sozialen Kontext stärkt das Gemeinschaftsgefühl, die Identität sowie das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe und lehrt uns den Respekt gegenüber den Nahrungsmitteln und deren Produktion am Anfang der Nahrungsmittelkette.»
Mit Beratungsgesprächen zur Verhaltensänderung
Roger ist nicht nur an Elternabenden und Mittagstischen präsent. Er berät Kinder, Jugendliche und Eltern auch in Einzelgesprächen. «In der Stadt St.Gallen ist jedes sechste Kind übergewichtig oder fettleibig. Das sind mehrere hundert Kinder, deren Lebensqualität bereits in jungen Jahren eingeschränkt ist. Welche Folgen dies haben kann, sieht man auch in den kontinuierlich steigenden Gesundheitskosten», erklärt Roger. Die Fachstelle für Ernährung und Bewegung des Schulärztlichen Dienstes ermöglicht den Betroffenen, sich in persönlichen Coachings mit dem eigenen Essverhalten und möglichen Verhaltensänderungen auseinanderzusetzen.
Über das eigene Essverhalten zu sprechen ist nicht immer einfach: «Das Thema ist sehr sensibel, weil alle Menschen eine individuelle Essbiografie haben. Wenn man über Ernährung spricht, tritt man beiläufig in die Privatsphäre der Menschen ein.» Gemäss Roger fühlen sich Eltern teilweise vor den Kopf gestossen. Als therapeutische Fachperson versucht er solchen Situationen mit viel Empathie zu begegnen: «Mich hat der Mensch in seinem Wesen schon immer interessiert. Fingerspitzengefühl und ein positives Menschenbild sind in meiner Tätigkeit unerlässlich.»
Sinnstiftende Arbeit mit grossem Netzwerk
Der Schulärztliche Dienst bietet ein vielfältiges Präventionsangebot an, das auch Besuche im Unterricht umfasst: «Lehrpersonen können mich für eine Doppellektion buchen», erklärt Roger. Sein Wissen gibt er zudem an angehende Kindergarten-Lehrpersonen an der PH Rorschach weiter. «Ich habe das Privileg, mein Tätigkeitsfeld frei einzuteilen und geniesse grosse Freiheiten bei der Gestaltung meiner Arbeit», erzählt er. «Durch die Lehrtätigkeit an den Schulen und die Besuche in den Tagesbetreuungen pflege ich zusätzlich zu meiner Beratung ein breites Netzwerk in der ganzen Stadt.»
Roger sieht seine Arbeit als wichtigen Beitrag zur Gesundheitsförderung der Kinder und Jugendlichen, die ihm besonders am Herzen liegen. «Es ist eine überaus sinnstiftende Tätigkeit und wenn ich sehe, dass ein Kind in der Pause seine Gummibärchen gegen einen Apfel oder Nüsse eintauscht, dann ist der erste Schritt in die richtige Richtung gemacht.»
