Die technischen Entwicklungen in der Computerindustrie aus den USA und Japan machen Eindruck. Sie verheissen eine effizientere und kostengünstigere Arbeitsweise, insbesondere für die Kantone und Gemeinden. Die erste Welle der Informatisierung beginnt in der Stadt St.Gallen im Jahre 1949. Für die «Finanzverwaltung» wird eine IBM-Lochkartenmaschine für CHF 29'500 pro Jahr gemietet. Sie wird im Rathaus aufgestellt und in den Bereichen «Steueramt», «Gemeindekrankenkasse» und «Lohnbüro» eingesetzt. Zwei Jahre später kauft die Stadt ein zweites Modell für kleinere Aufgaben im Bereich «Technische Betriebe». Im Jahr 1961 sollen die Anlagen erweitert werden: Die Stimmberechtigten bewilligen einen Kredit von rund 3,5 Millionen Franken.
EDV ersetzt Lochkarten
Wiederum ein Jahr später dann der grosse Sprung nach vorne: Die Lochkartensysteme sollen durch die «Elektronische Datenverarbeitung» (EDV) ersetzt werden. Technikaffine städtische Beamte erhalten die Möglichkeit, einen Einführungskurs bei IBM zu besuchen. Darunter Hans Vetsch (Anm.: Namensvetter des späteren Leiters der IDS), Albert Häne, Leiter Lochkartenanlagen, Walter Gabathuler und Kaspar Schmid. Im Hotel Strohlhof in Zürich lernen sie in drei Wochen die wichtigsten Grundlagen. Dann machen sie sich daran, die englische Bedienungsanleitung ins Deutsche zu übersetzen. Vieles ist noch unklar, in zahlreichen Diskussionen eignen sie sich Fachwissen an. Ein zentrales Aufgabengebiet für die Einführung der EDV betrifft die städtische Einwohnerkontrolle. Aber auch für die Energieverrechnung, für Steuerrückzahlungen oder Zahlungsanweisungen und andere Bereiche entstehen Konzepte und kleine Programme. Dann die Entscheidung: Nach einer Evaluation geht man bei der Anschaffung des Grossrechners kein Risiko ein. Am 4. November 1962 folgt die erfolgreiche Gemeindeabstimmung und der Computer «IBM1410» – ein internationaler Bestseller auf dem noch jungen Computermarkt – wird zum Kauf freigegeben. Er kostet über vier Millionen Schweizer Franken, dazu kommen eine halbe Million Installationskosten. Man erhofft sich eine Effizienz- und Qualitätssteigerung bei gleichzeitiger Kostensenkung. Die EDV-Kosten, so die Analyse, steigen deutlich geringer als die Personalkosten. Gleichzeitig wird die Stadt Mitglied der schweizweit tätigen «EDV-Arbeitsgemeinschaft öffentlicher Verwaltungen», um Erfahrungen auszutauschen.
Doch bis zur Installation des Rechners dauert es. Um die Zeit zu überbrücken, testen die Programmierer ihre Programme auf einer grossen IBM-Anlage in Sindelfingen bei Stuttgart. Am Sonntagnachmittag fahren sie los, ihre Programmkarten und Programmordner im Kofferraum. Vor Ort erhalten sie bestimmte Zeitfenster zum Testen. Dann geht es zurück nach St. Gallen. Dazwischen viel Arbeit und Überstunden – selten ist Vetsch vor 22 Uhr zu Hause. Im November 1963 installieren die Experten schliesslich den IBM-Rechner im Rathaus. In der nächsten Zeit werden über 150'000 Lochkarten für die Steuererabschlüsse eingelesen – eine Mammutaufgabe! Wegen Lesefehlern müssen viele Vorgänge wiederholt werden. Doch im April 1964 können die Steuerrechnungen erstmals vollständig per Computer mit selbst geschriebenen Programmen erstellt werden. Neben dem eigentlichen Grossrechner kommen eine Sortiermaschine «IBM 063», ein «Kartenmischer IBM 088» und ein «Interpreter IBM 557» zum Einsatz. Unverzichtbar sind nach wie vor die Schreibmaschine vom Typ «HERMES 8» und die Rechnungsmaschine «PRECISA».
«EDV» als Dienstleistung – Die Gründung der «VRSG»
Ab der Einführung der EDV in der Stadtverwaltung gehen Anfragen von Gemeinden aus dem Bodenseeraum ein. Die Elektrizitätsversorgung Rheineck möchte Programme für die Zählerabrechnung erstellen lassen, die Gemeinde Mörschwil möchte den städtischen Rechner für Berechnungen im Einwohnerwesen und in der Steuerverwaltung nutzen. Anfang der 1970er-Jahre stösst der IBM-Grossrechner an seine Grenzen. Eine Ausschreibung für ein Nachfolgemodell folgt. Sie fällt zeitlich mit der Planung und dem Bau des neuen Rathauses zusammen. Systemtechnische Überlegungen werden von Anfang an mit einbezogen. Der Grossrechner soll die verschiedenen Dienststellen zentral vernetzen. Der Zugriff auf die Daten erfolgt über so genannte Terminals, Bildschirme mit Tastatur, die Anfragen an den Rechner stellen und Antworten anzeigen können. Solche Terminals werden in der neuen Schalterhalle des Rathauses und in den Aussenstellen installiert und entweder direkt vor Ort über Kabel oder – bei Dienststellen an anderen Standorten – über Telefonkabel angeschlossen. Das Zivilstandsamt greift in der Folge direkt auf die Einwohnerkartei zu, während das Personalamt die städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zentral erfasst und den Behörden zur Verfügung stellt. Die Datenmenge wächst rasant. Anfang der 1970er-Jahre sind bereits über 2,5 Millionen Datensätze im System. Die Mitarbeitenden stellen täglich bis zu 450 Anfragen an das System.
Um diese Flut bewältigen zu können, wird ein leistungsfähiger Zentralrechner benötigt. Als Nachfolger des alten Systems kommt wieder ein IBM, das Modell «IBM /370-145», zum Einsatz. Zunehmend werden jedoch die Kosten zum Problem. Die jährliche Miete beläuft sich auf über eine Million Schweizer Franken, der Kaufpreis auf knapp fünf Millionen. Unter dem Strich stehen Kosten von rund acht Millionen Franken. Die Einsparungen sind in den Bilanzen kaum sichtbar, die notwendigen Kredite hoch. Die Idee eines Dienstleistungsbetriebes für andere Gemeinden soll die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger überzeugen. Das Rechenzentrum St.Gallen soll – so die Idee – EDV-Aufträge für andere Gemeinden abwickeln und so die Kosten auf mehrere Schultern verteilen. Stadtammann Hummler und DfO-Leiter Gabathuler entwerfen den Plan einer Aktiengesellschaft, die im Rahmen eines Dienstleistungsverhältnisses Rechenoperationen für Gemeinden gegen Entgelt zur Verfügung stellen könnte. Das Interesse der Gemeinden ist vorhanden, als erste sagen Jona und Wittenbach zu. Am 1. Januar 1973 wird zu diesem Zweck die «Verwaltungsrechenzentrum AG St.Gallen» (VRSG) gegründet. Alle Maschinen, Programme und das gesamte Personal werden von der DfO in die neue Aktiengesellschaft überführt. Die Stadt St.Gallen ist mit knapp 90% des Aktienkapitals die klare Hauptaktionärin. Im ersten Jahr kommen acht Aktionäre und elf Kunden hinzu. Mit dieser Reorganisation und Kapitalspritze kann der neue Grossrechner bestellt werden. Er wird 1973 geliefert. Ein Parallelbetrieb ist jedoch nicht möglich, aus Platzgründen muss der alte Rechner erst abgebaut werden, bevor der neue in Betrieb gehen kann. Ein grosses Problem, denn am Anfang läuft nicht alles rund, aber man ist auf das Computersystem angewiesen. Wochenlang werden Überstunden gemacht, weil die Steuererklärungen anstehen. Das Personal besteht nun aus der Leitung, fünfzehn Mitarbeitenden in der Programmierung und weiteren fünfzehn in der Produktion (Lochkarten, Eingaben, Wartung usw.). Der Keller des neuen Rathauses und die Büros im Parterre, im ersten und zweiten Stock werden bezogen.
Nachfrage über die Kantonsgrenzen hinaus
Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Ostschweizer Gemeinden nimmt zu. Zahlreiche Gemeinden nutzen das EDV-Angebot der Stadt. Altstätten und Oberriet schliessen sich dem Verbund an. Der Andrang ist so gross, dass der Rechner bereits ein Jahr nach der Inbetriebnahme erweitert werden muss, um die Datenflut zu bewältigen. Zwei Jahre später ein weiterer Ausbau: Für knapp eine Million Franken muss das System grundlegend erweitert werden. Auch das Personal und die Aufgaben wachsen: 1977 besteht das Führungsteam aus sieben Personen, insgesamt zählt die VRSG 44 Mitarbeitende. Sie ist nun in der ganzen Schweiz bekannt. Mit Arosa tritt die erste ausserkantonale Gemeinde bei. Ende 1977 zählt die VRSG 25 Kunden aus der erweiterten Ostschweiz. Die Führung der VRSG steht vor neuen Herausforderungen: Als Dienstleistungsunternehmen genügt es nicht mehr, Rechenleistung zur Verfügung zu stellen.
Hinzu kommen die Bereiche Vertrieb, Marketing und Kundenbetreuung. Die Schalterhalle im neuen Rathaus erregt Aufsehen bis ins Ausland. 1979 besuchen Gemeindevertreter aus Osnabrück, Recklinghausen und Unna die Stadt, um sich das System vorführen zu lassen. Gleichzeitig kaufen der Kanton Zürich und die Stadt Lausanne das Programmpaket für das Rechnungswesen.
Bis Anfang der 1980er-Jahre wächst die VRSG stetig, doch die Gewinnung neuer Kunden wird immer schwieriger. Viele Gemeinden zeigen Interesse, schliessen aber nicht ab oder springen nach kurzer Zeit wieder ab. Dennoch gibt es Erfolge. Die Gemeinde Bülach tritt bei, ebenso Bad Ragaz. In Goldach setzt die Gemeindekrankenkasse auf die Leistungen der VRSG. Das Geschäft wächst langsam, aber stetig. Die Bilanz 1982: 22 Aktionäre (bei der Gründung 8), 34 Kunden (bei der Gründung 11), 47 Mitarbeitende (bei der Gründung 31), 215 Bildschirme (bei der Gründung 0), Umsatz 7,8 Millionen Franken (bei der Gründung 3,5 Millionen Franken).
In den folgenden Jahren setzt die VRSG technische Neuerungen um, unter anderem werden die ersten Farbbildschirme und eigenständige Personal Computer eingeführt. Der Grossrechner wird durch ein neues Modell von IBM (IBM4381) ersetzt, die Zahl der Programme, die den Gemeinden zur Lösung ihrer Verwaltungsaufgaben zur Verfügung stehen, wächst. Ausserdem werden die ersten Gemeinden untereinander vernetzt. Das Zeitalter der Netzwerke und des Internets beginnt. 1989 sind bereits über 1'000 Terminals an die VRSG angeschlossen, die Zahl der Online-Transaktionen zwischen Terminal und Grossrechner übersteigt 190'000 pro Tag. Zu Beginn der 1990er-Jahre erfährt die VRSG einen grundlegenden Wandel. Der Anteil der Stadt am Aktienkapital sinkt unter 50%, die Loslösung von der Stadt ist absehbar. Zudem müssen die VRSG und die stadtinterne Informatikabteilung ihre Aufgaben abgrenzen. Die Mitarbeitenden der Stadt kommen vermehrt mit neuen Technologien in Berührung. Dies bringt auch organisatorische Herausforderungen mit sich. Die Mitarbeitenden müssen sich an die Arbeit mit dem Computersystem gewöhnen.
Die Infrastruktur ist dem Ende nah – Das Projekt «Netz2000»
In den 1990er-Jahren wächst die städtische IT-Infrastruktur stetig, aber nicht immer in gelenkten Bahnen. Das städtische Netzwerk zerfasert zunehmend, verschiedene Server befinden sich an unterschiedlichen Standorten und sind nur unzureichend miteinander verbunden. Die Leistung ist unzureichend, die Software veraltet. Ständige Wartezeiten bei Eingaben und häufige Systemabstürze sind die Folge. Die Unzufriedenheit in der Stadtverwaltung wächst. Mit dem Projekt «Netz2000» reagiert die Stadt auf die bestehenden Probleme. Mit verschiedenen externen Partnern wird eine Studie in Auftrag gegeben. Der daraus resultierende Projektauftrag bestimmt die städtische IT für die nächsten Jahre. Eine Zentralisierung der Computersysteme am Standort Rathaus wird beschlossen, die Behörden an den anderen Standorten werden über standardisierte Netzwerkverbindungen angebunden. Die Software wird konsequent auf Microsoft umgestellt.
Das Jahr 2000 bringt eine zusätzliche Herausforderung mit sich. Die «Milleniumsangst» geht um den Globus. IT-Experten befürchten den Zusammenbruch aller Computersysteme. Warum? Der Übergang vom Jahr 1999 zum Jahr 2000 könnte katastrophale Folgen haben. Seit Beginn des Computerzeitalters ist Speicher teuer. Deshalb wurde bei Datumsangaben oft die «19» und das Vorzeichen weggelassen, aus dem Datum 27.05.1983 wurde «830527». Was passiert nun bei der Umstellung auf das Jahr 2000? Angenommen, ein Kind wird 1993 geboren. Im Jahr 1999 rechnet das System konsequent 99-93 = 6: Das Kind ist also laut Datenbank sechs Jahre alt und soll eingeschult werden. Und im Jahr 2000? Das System berechnet 00-93 ohne negatives Vorzeichen: das Kind ist laut Datenbank 93 Jahre alt und erhält Post von Pro Senectute. Dieser Fall mag noch harmlos sein, doch weltweit investieren Firmen Milliarden, um solche Probleme zu beheben, denn sie betreffen Steuerungen von Maschinen, militärische Waffen, Geräte in Spitälern – kurz: alle Geräte, die in irgendeiner Weise mit Datumsangaben rechnen. Die IT-Abteilung der Stadt St. Gallen ist zum Jahreswechsel im Einsatz, um die Geräte zu überwachen – und atmet auf, als der Milleniumscrash ausbleibt.
eGovernment, Cloud und Open Data – Die städtische IT auf dem Weg ins 21. Jahrhundert
Ende der 2000er-Jahre stehen neue Herausforderungen an. Der Einsatz von Hard- und Software soll zunehmend nicht nur den städtischen Behörden dienen, sondern auch Bürgernähe herstellen und neue Dienstleistungsformate anbieten. Im Jahr 2008 wird dazu eine neue «eGovernment»-Strategie auf den Weg gebracht. Unter dem Motto «Von der Transaktion zur Interaktion» werden neue Online-Services vorgestellt. Städtische Dienstleistungen sollen für die Bürgerinnen und Bürger 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche verfügbar sein. Einige Jahre später kommt die OpenData-Plattform hinzu, auf der Daten aus dem Verwaltungs- und Regierungshandeln für jedermann transparent einsehbar sind.
Mit der Cloud-First-Strategie 2022 und der Einführung von Microsoft Teams als stadtweites Kollaborationstool wird heute vermehrt auf die Zusammenarbeit in der Cloud gesetzt.
Quellen
StadtASG, AB/9
StadtASG, 5/181/19
StadtASG, 5/240/1
StadtASG, 5/240/2
