Der Fussball kam erstmals 1879 nach St.Gallen, als eine Gruppe englischer Studenten den FC St.Gallen (damals noch englisch: Football Club St.Gallen) gründeten. Sportclubgründungen waren zu dieser Zeit reine Männersache; besonders in intellektuellen Kreisen fanden sich bald viele Nachahmer der St.Galler – und das vorwiegend in der Romandie. Dies spiegelte sich auch in der Gründung des Football Association Schweiz im Jahr 1895, deren Mehrheit der Mitgliedsvereine aus der Westschweiz stammten. Fussball war um die Jahrhundertwende stark im Trend. Der Sport erlebte in der Schweiz in den folgenden Jahren einen starken Aufschwung, sodass die Schweiz bei der Gründung der FIFA 1904 eines der sieben Gründungsmitglieder darstellte. Seither gewann der Männerfussball stetig an Beliebtheit und Prestige und hat dieses bis heute nicht verloren.
Sorge um weibliche Fortpflanzungsorgane
Die Geschichte des Frauenfussballs hingegen setzt – besonders in der Schweiz – sehr viel später ein. Zwar hatte es in England und Frankreich schon 1915 und 1921 Frauenteams gegeben, allerdings hatten diese vor allem aus karitativen Beweggründen und als Ersatz der wehrtüchtigen Männer gespielt. Danach folgten in England und Deutschland sogar Verbote für den Frauenfussball. Man sorgte sich – zumindest von offizieller Seite – zum Beispiel um die weiblichen Fortpflanzungsorgane, die ob des Rennens und Kickens in Gefahr seien. Die körperliche Ertüchtigung galt für Frauen lange als «roh» und sogar «gesundheitsgefährdend». Und weder die FIFA noch die UEFA anerkannten Frauenmannschaften.
Nach der Aufhebung der Verbote Ende der 1960er-Jahre begann sich der Frauenfussball langsam zu institutionalisieren. In einer Zeit wirtschaftlicher Konjunktur und sich schnell globalisierender und ändernder gesellschaftlichen Strukturen wandelte sich auch das vorherrschende Frauenbild. Wiederum nach englischem Vorbild, wo noch vor Aufhebung des Frauenfussballverbots 1967 ein erstes internationales Frauenfussballturnier stattfand und trotz Verbot Clubs gegründet wurden, geriet die UEFA unter Zugzwang, «dieser Bewegung die nötige Beachtung zu schenken, um sie in jeder Beziehung unter Kontrolle zu halten.» 1971 empfahl sie ihren Mitgliedsverbänden, den Frauenfussball anzuerkennen und zu organisieren.
Damenfussballteams spriessen förmlich aus dem Boden
In der Schweiz wurde der erste Damenfussballclub 1968 in Zürich gegründet und zwei Jahre danach folgte St.Gallen mit der Gründung des DFC St.Gallen am 1. April. Im selben Jahr wurde die Schweizerische Damenfussball Liga (SDFL) ins Leben gerufen. Sie wurde dem Schweizer Fussballverband (SFV) angeschlossen, allerdings mit Restriktionen: «Der neu gegründeten Damenliga sollten nur jene Klubs beitreten können, die sich einem Herrenverein als Sektion angeschlossen hatten, und zwar musste dieser männliche Fussballverein seinerseits Mitglied des SFV sein. Die Gründung von selbständigen Damenvereinen war somit nicht mehr möglich.» Trotz dieser Einschränkung sprossen in den folgenden Jahren die Damenfussballteams förmlich aus dem Boden. Hatte die SDFL 1970 noch aus 18 Vereinen bestanden, waren es in der Saison 1973/74 schon fast doppelt so viele. Anfang der 80er-Jahre stieg die Zahl noch einmal auf 60 Vereine an und zehn Jahre später waren bereits 92 Vereine Teil der Damenliga. 1993 schliesslich wurde die Integration der SDFL in den SFV beschlossen. «Bis zu diesem Zeitpunkt waren Grossbritannien und die Schweiz die einzigen FIFA-Länder, welche diesen Schritt noch nicht vollzogen hatten.»
Dies widerspiegelte sich auch lange in der Medienberichterstattung, in der die überwiegende Mehrheit dem Männersport gewidmet war. Zudem war der Frauenfussball oft nur dann Teil der Berichterstattung, wenn es gar nicht um Fussball ging: «Eine sensationelle Begegnung von beeindruckender Spielqualität findet in der Berichterstattung höchstens eine Resultatübersicht im Telegrammstil, während eine Enthüllung über die sexuelle Neigung einer Fussballerin ganzseitige farbig illustrierte Reportagen generieren kann.»
Vor diesen Hintergründen verwundert es auch nicht, dass die Damensektion im Anteil der Akten, die der FCSG dem Stadtarchiv abgeliefert hat, fast gar nicht vertreten ist. Trotzdem erfährt man einiges aus dem Clubleben der 1970er- und 80er-Jahre.
Eine sensationelle Begegnung von beeindruckender Spielqualität findet in der Berichterstattung höchstens eine Resultatübersicht im Telegrammstil, während eine Enthüllung über die sexuelle Neigung einer Fussballerin ganzseitige farbig illustrierte Reportagen generieren kann.
Finanziellen und personellen Engpässen zum Trotz
Mangels Sponsoring und anderer Einnahmen und trotz der Angliederung an die Männermannschaft war der DFC St.Gallen in seinen Anfangsjahren gezwungen, rund die Hälfte aller Ausgaben durch die Spielerinnen selbst zu bestreiten. Gönnerbeiträge machten die andere Hälfte aus. Dabei waren sie sportlich sehr erfolgreich, spielten sie doch in der höchsten Liga der Region Ostschweiz, wo sie «einmal den dritten, zweimal den zweiten und vergangene Saison [1973/74] den ersten Rang» belegten. Als «Ansporn für die jungen Mädchen» erhielt der DFC 1975 einen Zustupf von 300 Franken vom Stadtrat.
Geldsorgen schienen den DFC auch weiterhin zu begleiten. Denn in der Saison 1987/88 belegten die Damen zwar den 2. Rang in der ersten Liga. Im Bericht der Vereinspräsidentin, Bea Götz, ist dazu jedoch zu lesen: «Diese Plazierung (sic) hätte uns gar zu einem Entscheidungs-Spiel um den Aufstieg berechtigt. Trotz der guten Leistungen in der Meisterschaft verzichteten wir darauf. Das Mitspielen in der gesamtschweizerischen obersten Nationalliga hätte uns doch einiges mehr an Reisespesen, zeitlichem Engagement und nicht zuletzt vorallem (sic) mehr sportliche Erfahrung abverlangt.»
Während der FC St.Gallen schon 1910 338 Mitglieder zählte, sechs Aktivmannschaften und eine Veteranenelf besass, waren die Damen sehr viel spärlicher aufgestellt. Noch in der Saison 1987/88 verfügte der Club über 36 Aktiv- und 46 Passivmitglieder. Das reichte für zwei Mannschaften.
Neben dem Meisterschaftsbetrieb veranstaltete der DFC verschiedene Anlässe, darunter ein regelmässig stattfindendes Hallenturnier und einen Autowaschtag. Über diesen ist in einem Jahresbericht des DFC zu lesen: «Dieser Samstag war für alle ein echter ‘Chrampf’, doch hinsichtlich des Verdienstes lohnte er sich für die Clubkasse wirklich.» Es fanden auch Skitage und Trainingslager statt; die beiden, die belegt sind, in Bregenz. Trainiert wurde zuhause nicht nur auf dem Fussballrasen, sondern auch im Fitnesscenter Kubli in Heiden, wo die Frauen Fit-Aerobic, Krafttraining und Gymnastik betrieben.
Trotz der finanziellen und personellen Engpässe wussten die St.Gallerinnen ihren Platz nebem dem Grossen Bruder zu wahren. Und das mit Freude, so konstatiert eine Spielerin 1988: «Mer tuäts g’fallä bim DFC St.Gallä.»
Quellen
Stadtarchiv St.Gallen, 6/6/429/XXVII
Stadtarchiv St.Gallen, FCSG/51
Marianne Meier: «Zarte Füsschen am harten Leder …» Frauenfussball in der Schweiz 1970-1999. Studien zur Zeitgeschichte 5, Frauenfeld 2004.
Walter Lutz; Marco Marcacci: "Fussball", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 26.11.2009. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/048188/2009-11-26/, konsultiert am 12.02.2025.
