Die Position im Tor ist im Fussball eine besonders exponierte. Dafür braucht es starke Nerven und einen kühlen Kopf. Amira Eicher hat beides. Sie ist eine passionierte Torhüterin. «Als Goalie hast du das Spiel stets im Blick, kannst den Spielerinnen Sicherheit vermitteln und das Spiel so von hinten beeinflussen», sagt die 18-Jährige. Ihr grosses Vorbild ist der italienische Torhüter Gianluigi Buffon. «Er spielte einfach cool – sehr entschlossen und mit einer grossen Ruhe», schwärmt sie. Ihre eigene Leidenschaft für den Fussball hat sie aber nicht wegen der Bewunderung für Buffon entdeckt, sondern durch ihre Familie.
Als Achtjährige die Fussballkarriere gestartet
Ihr erstes Spiel bestritt Amira am Schulturnier CS-Cup, für den ihr Vater die Klasse ihrer älteren Schwester trainierte. Als das Team am Spieltag mit nur sechs Spielerinnen antreten sollte, durfte die drei Jahre jüngere Amira den Krankheitsfall spontan vertreten. Für das unterbesetzte Team und für sie selbst eine Chance, die gleichzeitig den Startpunkt ihrer sportlichen Karriere auf dem Spielfeld festmacht. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester hat die damals Achtjährige trotz verlorenem Match angefangen, Fussball zu spielen. Als gebürtige Glarnerin startete sie zunächst im Stammverein FC Schwanden, bis sie in die Auswahl der U11 des Teams Glarnerland hineinwuchs. Von der U13 bis U14 spielte sie in der Jungsmannschaft im Team Südostschweiz. Ab der U14 trainierte sie zwar noch mit den Jungs, bestritt aber bereits Spiele mit den Frauen der U17 des FCSG. Seit einem Jahr ist sie im Kader der 1. Mannschaft vom FC Rapperswil-Jona. Wenn sie auf zu wenig Spielzeit kommt, spielt sie manchmal auch mit der U20, um im Rhythmus zu bleiben.
Zur Lieblingsposition «Goalie» hat sich Amira erst hin entwickelt. Denn ursprünglich, auch beim CS-Cup, stand noch ihre Schwester im Tor und Amira übernahm als Stürmerin auf dem Feld. Trotzdem reizte sie die Position im Tor, nicht nur, weil ihr Vater selbst schon Bälle gehalten hatte. Seitdem sie sich selbst als Torhüterin ausprobiert hat, hat sie nicht mehr gewechselt. Als Teamsportart hebt sich der Fussball für die junge Spielerin von anderen Sportarten ab: «Man kann nur zusammen gewinnen oder verlieren», sagt sie. «Jede Spielerin übernimmt auf dem Feld eine bestimmte Funktion und trägt in ihrer Rolle zum Spielverlauf bei. Gemeinsame Erfolge sind dann umso schöner, weil man sie gemeinsam erreicht hat und nicht allein».
Für andere Hobbys bleibt kaum Zeit
Amira Eicher arbeitet als Lernende bei den St.Galler Stadtwerken im Kundendienst und absolviert die UNITED school of sports. Ihre sportlichen Ambitionen schafft sie wortwörtlich spielerisch in ihren beruflichen Alltag zu integrieren. «Ich habe sieben Mal Training und am Wochenende sicher ein Match» erzählt sie. Zusätzlich spielt sie in der U20, manchmal samstags und sonntags. So steht sie acht Mal pro Woche auf dem Platz. Drei Mal pro Woche findet das Training morgens statt. Anschliessend geht sie dann, in der Regel gegen 11 Uhr, in der Ausnahme erst gegen 14 Uhr, dem Berufsalltag nach, bevor sie gegen 16.30 Uhr nachmittags wieder trainiert, ausser donnerstags.
«Ich bin sehr dankbar, dass ich die Lehre bei den St.Galler Stadtwerken machen darf und dabei die Option habe, ins Training zu gehen!», betont sie. Während andere Spielerinnen ihrer Mannschaft studieren oder in einer Vollzeitstelle beruflich eingespannt sind, war für Amira das Trainingspensum seit der Oberstufe bereits Alltag, den sie so beibehalten wollte.
Zeit für andere Hobbys bleibt wenig. In der Winterpause geht Amira gerne mit ihrem Grossvater, der Teil der Langlaufski-Nationalmannschaft war, auf die Loipe. Ansonsten trifft sie im Sommer ihre Mutter gerne zum Velofahren oder geniesst sonstige Aktivitäten mit der Familie.
Als Goalie hast Du das Spiel stets im Blick, kannst den Spielerinnen Sicherheit vermitteln und das Spiel so von hinten beeinflussen.
Mit 16 Jahren die erste eigene Wohnung
«Irgendwann vom Fussballspielen leben zu können wäre schön», sagt Amira mit Blick auf ihre sportlichen Ziele. In der Schweiz sei dies noch nicht möglich. Deshalb schwebt ihr eine internationale Karriere im Ausland vor, vielleicht in den USA. «Als grosses Land haben die USA sehr viele coole Colleges für Frauen», sagt sie. Ansonsten seien Deutschland und England weitere Top-Länder für den Frauenfussball. «Ein Traum wäre es, für den FC Bayern München spielen zu dürfen» schwärmt Amira und denkt an die zahlreichen sehr guten Spielerinnen in diesem Verein, die zu den weltweit besten gehören. Ausserdem liegt der Verein nahe der Schweiz, sodass die Distanz zur Heimat nicht zu gross wäre. Ausschlaggebend ist die geografische Nähe zur Familie für die junge Spielerin jedoch nicht. Sie hat sich bereits daran gewöhnt, nicht mehr zuhause zu wohnen. «Mit sechzehn Jahren hatte ich meine erste eigene Wohnung in St.Gallen», erzählt sie. «Ich wusste, dass ich die UNITED school of sports in St.Gallen absolvieren möchte. Und für die frühen und späten Trainingszeiten war der Umzug nach St.Gallen auch von Vorteil.»
Mit der UEFA Women’s EURO einen grossen Schritt vorwärts
Was die Entwicklung des Frauenfussballs in der Schweiz anbelangt, gibt es nach Meinung von Amira definitiv noch Luft nach oben – vor allem mit Blick auf den finanziellen Verdienst. Die Popularität schreite aber grossen Schrittes voran: «Die Spiele werden im Fernsehen übertragen, die Nachfrage ist höher, sodass bereits zwei Mal ein Rekord gebrochen wurde mit Blick auf die Zuschauerzahlen» sagt sie und ist überzeugt, dass sich insgesamt mehr Fans als früher für den Frauenfussball begeistern. Die Tatsache, dass die Fussball-Europameisterschaft der Frauen in der Schweiz stattfinde, gebe dem nationalen Frauensport nochmals einen Schub, da der Fokus mehr auf den Schweizer Teams und ihren Spielerinnen liege, sagt Amira. Im Rahmen der UEFA Women`s EURO freut sie sich insbesondere auf das Spiel England gegen Frankreich und natürlich auf die Schweizer Spiele.
Und was ist ihr Tipp für die Siegermannschaft? Amira nennt Spanien oder England, denn diese glänzten mit ihren hervorragenden Einzelspielerinnen. Eine vielleicht noch unterschätzte Mannschaft seien die Niederlande, sagt sie. Die niederländischen Spielerinnen hätten gegen Deutschland im Vorfeld positiv überrascht und könnten somit erfolgsversprechende Kandidatinnen sein. Am 27. Juli wissen wir mehr.
