Morgendliche Stosszeit auf dem St.Galler Bahnhofplatz. Die vielen Menschen, die hier auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule sind, haben im Normalfall nur wenig Zeit – und auch nur begrenzt Freude, wenn sie auf die nächsten Wahlen, den Spendenbedarf eines Hilfswerks oder ihr Verhältnis zum Glauben angesprochen werden. Ausweichen, aktiv wegschauen oder ein gemurmeltes «Sorry, keine Zeit»: Diese Strategien sind verbreitet und bewährt. Aber sie bröckeln ganz offensichtlich, wenn da kein Mensch, sondern ein übergrosser Plüschhund steht – auf zwei Beinen und in einem Fussballtenü.
Das ist an diesem frühen Mittwochmorgen Ende März zu beobachten. Der Hund winkt den Menschen zu und reicht ihnen die Pfote zum Abklatschen. Die meisten schlagen ein, und auch in den Gesichtern von Vorbeigehenden weicht der leere Morgenblick einem Lächeln. Das gilt für Businessleute genauso wie für drei ältere Schüler, die ihre Coolness kurz ablegen, das moderne Pfötchengeben mitmachen und dann unter sich kommentieren: «Das ist der krasseste St.Galler, Bro!»
Maskottchen sprechen nicht nur Kinder an. Plötzlich sind zum Beispiel auch Jugendliche bereit, ein Foto zu machen.
Maskottchen als Blickfang
Genau genommen ist der Hund ein Bernhadinerwelpe und das offizielle Maskottchen der Frauenfussball-Europameisterschaft 2025. Sein Name: Maddli – zu Ehren von Madeleine Boll, der ersten lizenzierten Fussballerin der Schweiz. Aber so genau muss man das gar nicht wissen. Entscheidend ist die Wirkung. «Maskottchen sind enorm wichtig, um Aufmerksamkeit zu generieren und Menschen anzusprechen», sagt Annina Huber von der Standortförderung Stadt St.Gallen. Sie ist Co-Projektleiterin für die Promotion von St.Gallen als Host City und weiss von früheren Tätigkeiten: «Maskottchen sprechen nicht nur Kinder an. Plötzlich sind zum Beispiel auch Jugendliche bereit, ein Foto zu machen.» Annina Huber spricht nicht nur aus der Erfahrung als Veranstalterin, sie war selbst schon als Globi und als Skischul-Maskottchen Snowli im Einsatz – «ein mega cooles Erlebnis».
Von Gallus zu Mani, Catchy und Maddli
Das Maskottchen als Türöffner. Das funktioniert auch an diesem 100. Tag vor der Frauenfussball-EM in St.Gallen. Nach dem Blick- oder Pfotenkontakt mit Maddli zieht es die eine oder den anderen zum Zelt auf dem Kornhausplatz. Hier gibt es Videos, Karten und Sticker, ein Riesenmemory, einen Tischfussballkasten und selbstverständlich Informationen zur EM und zur Host City St.Gallen.
Der Stand bleibt den ganzen Tag, Maddli darf nach der Frühstunde Pause machen. Sie verschwindet im Rathaus, zurück kommt eine junge Person. Ihre Identität muss geheim bleiben, darum gibt es in diesem Artikel keinen Namen und kein Bild von ihr. Aber so viel sei nach einem kurzen Interview verraten: Sie liebt es, Maskottchen zu spielen und damit Kinderaugen zum Leuchten zu bringen, sei es als Bär Gallus bei Heimspielen des FC St.Gallen oder als quasi «Mitbewer-Bär» Mani beim BSC Young Boys.
Jedes Kostüm ist anders
Das bisherige Highlight in der Maskottchenkarriere sei ein Einsatz als Wildkatze Catchy an der Handball-EM der Frauen im vergangenen Jahr gewesen. «Auf dem Heimweg sagte ich noch im Scherz: Nun wäre ein Einsatz an der Fussball-EM cool. Zwei Tage später wurde ich dafür angefragt.» Nun ist der Einsatz als Maddli also Tatsache – und die bisherige Erfahrung bestätigt: Jedes Kostüm ist anders. «Bei Maddli muss ich darauf achten, nicht nur den Kopf zu bewegen, sondern den ganzen Körper. Sonst ist keine Bewegung sichtbar.» Und Bewegung ist die Sprache eines Maskottchens, das keine Stimme und keine Mimik hat, und doch auf sein Gegenüber reagieren will – etwa auf ängstliche Kinder im Familiensektor des Stadions oder auf irritierte Passantinnen und Passanten am Bahnhof.
«Es ist höchste Zeit, dass auch im Frauenfussball der Boom kommt», sagt die sportbegeisterte Person. Mit diesem Ziel wird sie, beziehungsweise Maddli, auch während der UEFA Women’s EURO 2025 in St.Gallen im Einsatz sein. Maddli ist dann in der Fan Zone in der Innenstadt und auch wieder hier auf dem Kornhausplatz anzutreffen. Wer Anfang Juli als Fan oder Gast in der Host City St.Gallen ankommt, ist sicher eher darauf gefasst als die Pendlerinnen und Pendler an diesem frühen Morgen im März. Aber Maddli wird auch dann für Aufmerksamkeit, Fotos und Lächeln sorgen.
