Könnte man sagen, Ralf Altwegg habe Gerechtigkeit im Blut? Zumindest scheint die Rechtsprechung schon in jungen Jahren eine grosse Faszination auf ihn ausgeübt zu haben. «Es gibt ein Bild von mir, auf dem ich als kleines Kind mit Stofftieren Gericht spiele», erzählt der Leiter des Rechtsdienstes der Technischen Betriebe und lacht. Mit fiktiven Urteilen über Affen und Teddybären war Ralf Altweggs Weg vorgezeichnet. Glückliche Fügungen und Offenheit, Neues auszuprobieren, spielten zudem eine wichtige Rolle dabei, seine Leidenschaft für das Recht auch ausserhalb seiner Profession zu leben. Beim Plüschtribunal blieb es nicht. «Schon in der Grundschule wollte ich genau wissen, wie der Staat funktioniert», sagt Ralf Altwegg. So war es nicht verwunderlich, dass es ihn nach dem Gymnasium an die Universität St. Gallen zog, wo er zum lic. iur. promovierte. Ein Studium, das ihn befähigte, als juristischer Mitarbeiter und später als Leiter des Rechtsdienstes bei den Technischen Betrieben zu wirken.
Von weichen Tieren zu harten Kerlen
Parallel zu seinem Studium eignete sich Ralf Altwegg auf einem anderen Gebiet das Rüstzeug für die Beurteilung von Situationen und die Durchsetzung spezifischer Regeln an. Ab 1992 startete Ralf Altwegg eine bemerkenswerte Karriere als Referee im American Football. Zum wohl populärsten Sport der USA kam er durch Zufall. Das Team «Thurgovia Lions» suchte Schiedsrichter für die in der Schweiz noch junge Sportart. Ein Freund fragte Ralf, der nicht lange überlegte. «Ich kannte den Sport nur rudimentär. Aber ich wollte es einfach mal für ein Jahr ausprobieren.» So absolvierte er vor über 30 Jahren seine ersten beiden Ausbildungstage. Es sollten bei weitem nicht die einzigen bleiben. Unter anderem erwarb Ralf Altwegg vier Jahre später die internationale Lizenz. Später legte er sogar die Prüfung für Level A, die höchste Lizenzstufe, ab: «Das war sehr anspruchsvoll, vergleichbar mit einer Semesterprüfung an der Uni.» Entsprechend reüssierte damals nur ein Viertel der Prüflinge. Einer von ihnen war Ralf Altwegg. Die Komplexität der Regeln sei nicht ohne: «Beim Football ist das Regelwerk wie ein amerikanisches Gesetzbuch aufgebaut. Alles ist bis ins kleinste Detail beschrieben. Spieler wie Staff kennen oft nicht alle Einzelheiten.»
Nach dem ersten Grundkurs kamen ihm auf den Schweizer Spielfeldern schnell immer wichtigere Rollen zu, auch weil er die Herausforderungen annahm und die dafür notwendigen Ausbildungen mit Bravour meisterte. So avancierte er innert weniger Saisons vom Line Judge zum damals jüngsten Referee der Schweiz (mehr dazu in der Box). Zudem machte sich Ralf Altwegg als Schiedsrichter international einen Namen – zuerst neben dem Studium, später neben einem Vollzeitjob – ab 1999 bei den Technischen Betrieben. «Das hat Spass gemacht, mich aber auch sehr gefordert. Jeden Sonntag zwischen Ende März und Anfang Oktober stand ich irgendwo auf einem Platz in der Schweiz oder war bei internationalen Spielen im Einsatz. Dazwischen gab es jeweils nur eine kurze Sommerpause.» Und auch in den Wintermonaten drehte sich vieles um das lederne Ei. Dann galt es jeweils, die Schiedsrichterlizenz zu erneuern, neue Regeln zu lernen und Kurse für Schiedsrichter und Mannschaften durchzuführen.
Der Referee ist der Hauptschiedsrichter, gibt Strafen bekannt und trifft die wichtigsten Entscheidungen. Der Umpire beobachtet das Geschehen an der Line of Scrimmage und achtet besonders auf Regelverstösse wie Holding. An den Seitenlinien stehen der Linesman/Down Judge und der Line Judge, die Bewegungen an der Line und mögliche Verstösse wie Offside oder False Start überwachen. Der Field Judge und der Side Judge beobachten das Spiel tief im Feld und achten auf Passverstösse oder Fouls. Der Back Judge steht noch weiter hinten, zählt die Spieler und kontrolliert die Spieluhr. In der NFL gibt es zusätzlich einen Replay Official, der Videobeweise prüft. Und in der Schweiz? «Während meiner Zeit waren wir meistens zu fünft, in den Play-offs und international zu sechst oder zu siebt im Einsatz. In einigen Spielen kommunizierte ich als Referee meine Entscheide über Lautsprecher auch dem Publikum. Das habe ich geliebt», erklärt Ralf Altwegg.
Einsatz in der Wiege des Sports
Manchmal sind es glückliche Fügungen und persönliches Engagement, die Türen öffnen. So kam Ralf Altwegg zu einer Erfahrung, die bis heute wohl einzigartig für einen Schweizer Schiedsrichter sein dürfte: einem offiziellen Einsatz in den USA. 1998 stand er in Ohio als Line Judge bei einem High-School-Spiel auf dem Feld. Dies bleibt normalerweise lokal ausgebildeten und lizenzierten Schiedsrichtern vorbehalten. Dementsprechend sind europäische Schiedsrichter westlich des grossen Teichs eine Seltenheit. Möglich machte den Einsatz eine besondere Verbindung. Wenige Monate zuvor hatte Ralf Altwegg einer amerikanischen Schiedsrichterdelegation während derer Europareise einen Einsatz in Landquart vermittelt. Als Dankeschön luden ihn die US Officials zu einem Spiel an der Liberty-Benton High School ein. So widmete Ralf einen Morgen einer Rundreise nicht gemeinsam Aktivitäten mit seiner Frau, sondern stand als Offizieller auf dem Spielfeld in Findlay, Ohio, einer Stadt mit rund 40'000 Einwohnern. «Auf der Fahrt zum Spiel gaben mir meine amerikanischen Kollegen noch eine kurze Einführung in die spezifischen Regeln des Highschool-Footballs», erinnert er sich. In Europa pfeifen die Schiedsrichter nach College-Regeln, sodass er einige Unterschiede beachten musste. Trotz der kurzen Vorbereitungszeit klappte alles reibungslos.
Abschied mit einem Highlight
Nach über zehn Jahren des Arbitrierens und seinem Abenteuer im Buckeye State kam der Moment, eine Entscheidung zu treffen. Der zeitliche Aufwand, jedes Wochenende im Einsatz zu sein, zehrte an Ralf. «Ich merkte, dass es mir zu viel wurde. Kürzertreten war für mich aber keine Option – entweder ganz oder gar nicht», sagte er sich. So beschloss er, noch eine letzte Saison anzuhängen und diese noch einmal so richtig zu geniessen. Das sei im gelungen und einen würdigen Abschluss gab’s obendrauf: Am 26. September 2004 stand er als Referee beim Swiss Bowl, dem wichtigsten American-Football-Spiel der Schweiz, auf dem Platz. Vor den Augen der Football-Community anerkannte der Verband sein langjähriges Engagement mit einer Laudatio. Für einmal galt der Applaus nicht nur den beiden Finalteams, sondern auch dem Mann, der über Jahre hinweg für Fairness und Ordnung auf dem Spielfeld gesorgt hatte. Ein perfekter Abschluss für eine bemerkenswerte Schiedsrichterlaufbahn.
Zwölf Jahre zwischen Paragrafen und Schicksalen
Mit dem Ende seiner Schiedsrichterkarriere wurde Zeit frei – und einige Jahre später trat eine neue, ebenso anspruchsvolle Nebentätigkeit in Ralf Altweggs Leben. Nachdem er sich einmal als Unterstützungskandidat auf die Kantonsratsliste hatte setzen lassen, trat 2010 der Präsident der EVP an ihn heran und fragte, ob er Interesse hätte, als nebenamtlicher Richter am Kreisgericht St. Gallen tätig zu werden. «Die Gerichtstätigkeit kannte ich bereits aus meinem Auditoriat, als ich als Gerichtsschreiber arbeitete. Ich musste nicht lange überlegen», erinnert sich Ralf Altwegg. In stiller Wahl gewählt, übte er dieses Amt zwölf Jahre lang aus – eine Zeit, die ihn nachhaltig prägte. «Vor Gericht sieht man die Abgründe der Menschheit. Das bleibt einem in Erinnerung.» Die Leitung des Verfahrens und der Befragungen lag jeweils beim vorsitzenden Richter. «Ich beobachtete und platzierte am Ende jeweils die eine oder andere gezielte, auch mal giftige Frage», beschreibt Ralf Altwegg. Diebstahl, Betrug, Körperverletzung, Drogenhandel – drei Viertel der Verhandlungen, denen er beiwohnte, gehörten zur Strafkammer. Daneben waren es vereinzelt Zivil- und Arbeitsrechtsfälle, die auf seinem Tisch landeten. «Das Scheidungsrecht kannte ich schon aus meiner Auditorenzeit. Nie habe ich meiner Frau so oft Blumen gekauft», sagt er mit einem Schmunzeln. Als Richter wollte ich keine Scheidungen mehr machen. Wurde die Minderung der gemeinsamen Freizeit durch die Richtertätigkeit nicht durch eine hohe Frequenz an Blumengeschenken abgegolten, kommt immerhin seit deren Ende ein wesentlicher der arbeitsfreien Zeit einer gemeinsamen Passion zugute.
Vom Pfeifen zum Hacken
Heute geniesst Ralf Altwegg in seiner Freizeit sein Recht aufs Reisen. Gemeinsam mit seiner Frau hat er bereits 33 Länder und 40 US-Bundesstaaten besucht. Sie haben das Ziel alle 50 Bundesstaaten und viele anderen Ecken des Planeten zu erkunden. Dabei hat er eine neue Leidenschaft entdeckt: Travel Hacking – also das geschickte Finden besonders günstiger Reiseangebote.
Inwiefern wirkt seine Tätigkeit als Schiedsrichter und nebenamtlicher Richter noch heute nach? «Es hat mir viel gebracht», sagt Ralf Altwegg. Als Referee habe er nicht nur Entscheidungen treffen, sondern auch führen müssen. Es galt eine Crew von Schiedsrichtern, die 22 Spieler auf dem Platz sowie hitzige Coaches unter Kontrolle zu halten. «Das waren meine ersten Führungserfahrungen. Ich profitiere noch heute davon.» Eine seiner liebsten Anekdoten stammt aus der Zeit, als er noch im schwarz-weiss gestreiften Trikot auf dem Platz stand: Ein besonders aufbrausender amerikanischer Coach eines Vorarlberger Teams hatte den Ruf, immer wieder aufs Spielfeld zu rennen – sehr zum Missfallen der Schiedsrichter. «Ich ging das Problem proaktiv an und sagte ihm schon vor dem Spiel: 'Frank, try to stay off the field.'» Das habe gefruchtet, grinst er. Seit zwanzig Jahren schafft es auch Ralf Altwegg vom Feld zu bleiben. Dank vieler schöner Erinnerungen fällt es ihm nicht schwer.
