Anmerkung der Redaktion: Im nachfolgenden Beitrag über die Tierkörpersammelstelle sind keine Bilder mit toten Tieren zu sehen.
Die Fahrt auf dem Velo hinunter zur Abwasserreinigungsanlage Au ist hübsch, wenn an diesem eisigen Mittwoch auch ziemlich erfrischend. Der Weg ist OpenAir-Besuchenden wohl bekannt, auch wenn der Haupteingang zum Festival inzwischen nach Abtwil verlegt wurde. Idyllisch an einer Sitterschlaufe gelegen befindet sich im stadtnahen Tobel die hiesige «Entsorgung-City» mit dem mächtigen Kehrichtheizkraftwerk und der weiträumigen Abwasserreinigungsanlage (ARA) Au samt ihren zahlreichen Klärbecken. Auch in der kalten Jahreszeit ist der Geruch da unten für empfindliche Nasen nicht wirklich angenehm. Anlagenleiter Hanspeter Bauer macht er längst nichts mehr aus. Zumal es gleich noch etwas derber riecht.
Lokal- und Regionalteil
Zu Bauers Aufgabenportfolio gehört nämlich auch der Betrieb und Unterhalt der sogenannten Tierkörpersammelstelle, gleich am Eingang zum ARA-Gelände gelegen. Der Name ist Programm, wenngleich die toten Tiere nicht wirklich gesammelt, sondern in erster Linie zwischengelagert werden, bevor sie ihre letzte Reise in die Tiermehlfabrik in Bazenheid antreten.
«Lokalteil» und «Regionalteil» steht in unübersehbaren Lettern auf den beiden riesigen Metalltoren geschrieben, darunter etwas kleiner die entsprechenden Gemeindenamen: links St.Gallen, Wittenbach, Gaiserwald und rechts Andwil, Herisau, Mörschwil, Untereggen. Waldstatt. Was sonst als Bezeichnung von Zeitungsressorts Verwendung findet, meint hier die finale Triage für tote Kleintiere als Grundlage für die Verrechnung der Anlieferungsmengen.
Maskierungs- und Desinfektionsmittel
Hanspeter Bauer öffnet das «lokale» Tor. Ein süsslicher, undefinierbarer Geruch steigt in die Nase. «Eine Mischung aus Maskierungs- und Desinfektionsmittel» sei das, erläutert der ausgebildete Maschineningenieur und Betriebswirt Bauer mit leichtem Grinsen. Maskiert wird quasi der Gestank, der so zum Geruch mutiert. Trotzdem ist Atmen durch die Nase ab sofort nicht mehr empfehlenswert.
Ordentlich aneinandergereiht stehen da auf sauber geputztem grünem Boden Container mit den entsprechenden Ortsbezeichnungen. Man wähnt sich in einem Schlachtbetrieb oder Operationssaal für Grosstiere. Die meisten Container sind an unserem Besuchstag leer, gedacht sind sie für «Grössere Tierkörper und Köpfe von Kühen (zur Verbrennung)», wie es etwas makaber auf einer weiteren Tafel heisst. Ein Kran zur Einlagerung steht zur Verfügung. Im Wittenbacher Container liegen zwei verendete Schweine. Nichts für zarte Gemüter. Die aktuell herrschende Kälte hat vom Geruchsempfinden her ihr Gutes. Die Temperatur in der Sammelstelle muss daher auch im Sommer konstant bei vier Grad gehalten werden, damit keine Verwesung einsetzt, wie Bauer erklärt.
Obergrenze bei 200 Kilogramm
200 Kilogramm darf ein Tier maximal wiegen, eine Kuh oder ein Pferd wären zu schwer für die regionale Sammelstelle. Grosse Tiere werden vom TMF Extraktionswerk Bazenheid abgeholt, wo sie anschliessend zu Tiermehl weiterverarbeitet werden. Verfüttert wird das Tiermehl seit BSE, auch als Rinderwahn geläufig, nicht mehr. Es wird verbrannt und zu Fernwärme.
Angeliefert in der Sammelstelle werden grösstenteils kleinere Haus- und Wildtiere. Die Schiebetür bei der Anlieferung öffnet sich per Bewegungsmelder automatisch. Über eine Kante können die toten Tiere nun einem Container übergeben werden wie etwa jenes halbe Dutzend tote Füchse, die friedlich aneinandergeschmiegt in einem Container lagern. Hanspeter Bauer ist erstaunt über die Anzahl, er vermutet Abschuss infolge Tollwut.
Verrechnung nach Grossvieheinheit
600 – 700 Container mit toten Tieren fallen jährlich an der Rechenwaldstrasse an, zwei Mal wöchentlich erfolgt der Transport nach Bazenheid, die letzte Reise der verendeten Tiere. Die Dienstleistung wird für Tierhalterinnen und Tierhalter gratis angeboten. Die angeschlossenen Kommunen bezahlen der Standortgemeinde einen Betriebsbeitrag, der in sogenannten Grossvieheinheiten berechnet wird. Die Buchhaltung obliegt Bauer in seiner Funktion als Präsident der entsprechenden Betriebskommission. Für Unterhalt und Reinigung der Anlage sind seine Mitarbeiter zuständig, die einen ausgezeichneten Job machen, wie Bauer betont. Dies bereits seit über 25 Jahren, als die Sammelstelle der ARA angegliedert wurde. Nicht nur zur Freude einiger ARA-Mitarbeiter seinerzeit, wie sich der 62-jährige Anlagenleiter erinnert: «Aber jemand muss sich der Sache ja annehmen.»
Im Kanton St.Gallen gibt es 16 regionale und acht kommunale Tierkörpersammelstellen. Das kantonale Amt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen regelt den Vollzug der tierseuchenrechtlichen Bestimmungen.
Nicht ganz einfach sei es, jeweils Personal insbesondere für die Reinigung der Sammelstelle zu finden. Zum Glück gebe es bei Entsorgung St.Gallen (esg) immer noch genügend Freiwillige, die diese Arbeit im Stundenlohn erledigten. Hanspeter Bauer ist sehr froh darüber.
Die Fahrt zurück in die Stadt hinauf hilft bei der Verarbeitung von Gerüchen und Geschichten rund um die Tierkörpersammelstelle im Sittertobel. Das traurige Schicksal eines Labradors allerdings hallt nach. Er war noch nicht tot und wurde von einem verantwortungslosen Halter dennoch der Tierkörpersammelstelle zugeführt. Ein Ausnahmefall zum Glück. Der Hund musste von einem Tierarzt erlöst werden, der Halter konnte nicht mehr ausfindig gemacht werden.
Die Tierkörpersammelstelle im Sittertobel ist ein ganz besonderer Service public von Entsorgung St.Gallen, den das Unternehmen für die Region erbringt. Die Zwischenlagerung der toten Tiere erfolgt unter strengen Hygienevorschriften, um eine allfällige Seuchengefahr einzudämmen. In der Regel erfolgt die Entsorgung durch die Tierhaltenden ordentlich und mit grossem Respekt. Die Weiterverarbeitung toter Haustiere zu profanem Tiermehl schreckt gleichwohl einige Herrchen und Frauchen ab. «Auch Tierkrematorien bieten ihre Dienste an, die Urnen können dann heimgenommen werden», weiss Hanspeter Bauer. Oder es erfolgt eine Erdbestattung: Bis zehn Kilogramm dürfen tote Haustiere auch auf Privatgrund begraben werden. So wird auch Goldhamster Filou nicht zwingend zum Fernwärmelieferanten.
