St.Gallen präsentiert sich während der rund drei Wochen im Juli, in denen die Europameisterschaften in der ganzen Schweiz ausgetragen werden, als eine von insgesamt acht Host Cities. Drei Gruppenspiele finden in der Gallusstadt statt. Erwartet werden neben den Fans der hier auflaufenden Equipen Deutschland, Polen, Frankreich, England und Wales tausende weitere Besucherinnen und Besucher. Es soll ein Fest werden, wie es St.Gallen noch nie erlebt hat – und so schnell auch nicht wieder erleben wird. Nicht von ungefähr lautet das Turniermotto «Summit of Emotions» – «Gipfel der Emotionen». Dass die hohen Erwartungen auch tatsächlich erfüllt werden können, dafür stehen die Vorzeichen gut. Der Frauenfussball ist längst kein Geheimtipp mehr, ist dabei, vollständig aus dem Schatten des Männerfussballs hervorzutreten. An der letzten Women’s Euro im Jahr 2022 – zugegebenermassen im Mutterland des Fussballs, in England – verfolgten insgesamt mehr als eine halbe Million Menschen die Spiele live in den Stadien.
Von der Amtsstube auf die Fanmeile
Diese Dimensionen zeigen, dass das, was fürs Erste nach wenig tönt – drei Gruppenspiele – gut organisiert sein will. Während die UEFA als Verband den sportlichen Teil im Stadion verantwortet, sind die Host Cities, in denen die Spiele durchgeführt werden, aufgefordert, für ein reibungsloses und unvergessliches Drumherum zu sorgen. Nicht nur wollen die Sicherheit garantiert und der Verkehr geregelt, sondern auch ein Rahmenprogramm geplant und beworben werden und dafür genügend Man- und Womanpower zur Verfügung stehen, ja die Organisation rundum die Spiele an sich muss klappen. Dass die Fans in St.Gallen auch herzlich willkommen und untergebracht sind, problemlos zum und vom Spiel finden und auch die Vorzüge der Stadt mit und ohne Bezug zum Fussball geniessen können, dafür sorgt ein dreizehnköpfiges Projektteam. Etwas untypisch für einen solchen Anlass besteht das «OK» zu einem grossen Teil aus Mitarbeitenden der Stadt und ist auch bei der städtischen Verwaltung angegliedert. Aus der Amtsstube direkt auf die Fanmeile und ins Stadion quasi.
Eine Captain für die Host City
Für den notwendigen Fokus und Drive des Projekts WEURO 2025 in St.Gallen sorgt mit Céline Bradke dennoch nicht ohne Grund diejenige Person, die keine Vergangenheit in der Stadtverwaltung hat. Die aktive Fussballerin (unter anderem Women’s Super League mit dem FC St.Gallen Frauen) mit Studienabschlüssen in Internationalen Beziehungen ist die passende Wahl für die Leitung des Projekts Host City St.Gallen. Von klein auf mit dabei, hat sie die rasante Entwicklung des Frauenfussballs hautnah miterlebt, ist selbst Teil davon. Die Europameisterschaften, zumal im eigenen Land, haben für sie denn auch einen ganz besonderen Stellenwert. Ausser Frage stand deshalb, dass sie so nah wie möglich dabei sein, sich in den Dienst des Frauenfussballs stellen würde – egal in welcher Funktion. Nach dem gesundheitsbedingten Rückzug des ursprünglichen Projektleiters Roger Hegi, selbst ehemaliger Spitzenfussballer und Trainer, hat Bradke den Posten übernommen. Seither ist sie das Gesicht der WEURO 2025 in St.Gallen. Bei ihr als Projektleiterin laufen die Fäden der Organisation zusammen, sowohl was das Sportliche als auch das ganze Drumherum anbelangt. Sie ist erste Ansprechperson für die UEFA, die anderen Schweizer Host Cities, ihre Mitarbeitenden im Projektteam sowie Dritte. Wenn sie nicht gerade mit organisieren und koordinieren beschäftigt ist oder ihren Mitarbeitenden in bester Fussballerinnenmentalität («Wir machen das zusammen!») den Rücken freihält, kümmert sie sich insbesondere auch um die Öffentlichkeitsarbeit, wo der Fussball im Zentrum steht.
Der Fussball hat mich zu der gemacht, die ich bin. Mit der WEURO 2025 habe ich die Chance, dem Fussball etwas zurückzugeben
Zusammen fürs Fussballfest
Die Einzigartigkeit und Einmaligkeit des Anlasses sind für das Projektteam Chance und Schwierigkeit zugleich. Auch wenn die Women’s EURO mittlerweile schon zum 14. Mal ausgetragen wird, sind die Vorzeichen für das Fussballfest in der Schweiz andere als noch vor vier Jahren, als die COVID-Pandemie das öffentliche Leben und Grossanlässe erschwerte. Der Boom des Mädchen- und Frauenfussballs tut sein Übriges. Das Turnier an sich ist grösser geworden, sein Stellenwert hat zugenommen (erstmals haben auch die Frauen einen eigenen Turnierball, ein eigenes Maskottchen). Dieser Bedeutung und auch den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, ist für die Projektteams der Host Cities, die das Erlebnis WEURO 2025 unter strikten Vorgaben zu Branding und Sponsoring ausgestalten müssen, kein Leichtes. Es gilt, die Rahmenbedingungen in St.Gallen und die eigene Vision für ein unvergessliches Fussballfest mit Flexibilität und Kreativität unter einen Hut zu bringen. Die Nähe des Projekts zur Stadtverwaltung stellt sich dabei als Vorteil heraus. Bradke betont denn auch die Offenheit und das Funktionieren der Abläufe, zeigt sich dankbar für die grundlegende Sympathie gegenüber der WEURO 2025, auch ausserhalb der Schalteröffnungszeiten.
Erlebe die Women’s EURO 2025 hautnah im Stadion oder in der Fanzone und hilf mit für ein unvergessliches Erlebnis!
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Für die Stadtverwaltung ist das Grossprojekt Host City St.Gallen eine willkommene Abwechslung und Herausforderung zugleich. Annina Huber, Projektleiterin bei der Standortförderung, ist Teil des Projektteams und für die Promotion der WEURO 2025 in St.Gallen mitverantwortlich. Erfahren in der Mitarbeit bei Grossanlässen (unter anderem Spengler Cup und WEF), ist auch für sie das Projekt Europameisterschaften ein neues und einmaliges Erlebnis. Die Bewerbung und Bekanntmachung der Spiele und der Host City stellen sich dabei als intensives Handwerk heraus; nicht zuletzt, weil die UEFA auch auf diesem Gebiet das meiste den lokalen Komitees überlässt. Wie man Fans und solche, die es noch werden sollen, an die Spiele und nach St.Gallen bringt, wie man so viele Menschen wie möglich für das Erlebnis WEURO 2025 begeistert, ist ein aufwendiges Unterfangen. Oft genug spielt es sich abseits des Fussballs ab. Design und Marketing stehen im Fokus; Plakate, Banner, Give-aways müssen gestaltet werden. Dazu gehört auch die eine oder andere anspruchsvolle Diskussion mit der UEFA. Essenziell für den Erfolg des gesamten Vorhabens ist die Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten. So leitet Huber den Teil Promotion zusammen mit Andreas Kunz von St.Gallen Bodensee Tourismus. Gemeinsam setzen sie vor allem auf bestehende Strukturen in der Region. Sie, die selbst keine eigene Fussballvergangenheit hat, arbeitet dennoch mit viel Herzblut am unvergesslichen Fussballerlebnis in St.Gallen.
Wir wollen die Fussball-DNA der Region auch für den Frauenfussball nutzen
Nachhaltig begeistern
Für Bradke und Huber steht trotz des grossen Aufwands das Erlebnis im Vordergrund. Beide freuen sich auf die Stimmung im Stadion und in der Stadt, die Emotionen, wenn es dann endlich losgeht. Beide sind sich indes auch einig, dass nicht nur das unmittelbare Erlebnis WEURO 2025 in St.Gallen und der Region bleibend sein soll. Für Huber als Standortförderin ist klar, dass die Veranstaltung auch auf lange Sicht eine Wertschöpfung für St.Gallen entfalten soll – sei es, dass Fussballfans auch ohne Grossanlass den Weg zurück nach St.Gallen finden, sei es, dass St.Gallen als Veranstaltungsort für Sportanlässe weiter gestärkt wird. Die Fussballerin Bradke setzt sich vor allem dafür ein, dass die WEURO nicht als Einmaleffekt verpufft, sondern die Aufmerksamkeit, die der Frauenfussball damit erhält, sich nachhaltig auch in den Strukturen des Breiten- und Spitzenfussballs niederschlägt. Die UEFA hat sich die Thematik prominent unter dem Stichwort «Legacy» auf die Fahnen geschrieben. Der Schweizerische Fussballverband hat dazu im Zuge des Turniers Projekte und Förderprogramme ins Leben gerufen. Bradke versucht, die Opportunitäten, die sich mit dem Projekt Host City St.Gallen bieten, für den Frauenfussball in der Region zu nutzen. Dazu tritt sie, wenn immer möglich, öffentlich auf, unterstützt die Initiativen der Clubs und zeigt ihnen Möglichkeiten auf. Dabei kommt ihr nicht zuletzt ihr extensives Netzwerk im Frauenfussball zugute. Viel mehr als die Sichtbarmachung und Sensibilisierung ist allein im Rahmen des Projekts jedoch nicht zu leisten. Dies liegt nicht etwa am vergleichsweise kleinen Budget für St.Gallen (das kleinste aller acht Host Cities). Vielmehr ist die Schaffung struktureller Veränderungen auf einen langfristigen Planungshorizont angewiesen, den das Projekt Host City St.Gallen nicht oder nur bedingt bieten kann. Für längerfristige Veränderungen braucht es starke Partnerschaften und eine Vielzahl unterschiedlicher Initiativen – vom «Monat der Sportheldin» über einen Fördertopf für Frauenvereine bis hin zum Stickeralbum.
Letztlich soll die Women’s EURO 2025 in St.Gallen ein Fest werden, dass für den Frauenfussball begeistert und mobilisiert. Knapp hundert Tage vor dem Anpfiff der ersten Partie sind bereits viele Tickets für die drei Gruppenspiele in St.Gallen abgesetzt, die Planungen für die Host City weit gediehen. Die Fieberkurve steigt. Beste Voraussetzungen dafür, dass St.Gallen einen Sommer lang zur Stadt des Frauenfussballs wird.
