Etwas Kleines zu Foto Gross
100 Jahre St.Gallen in Fotografie sollten erhalten bleiben: Das Stadtarchiv der Politischen Gemeinde konnte zusammen mit dem Stadtarchiv und der Vadianischen Sammlung der Ortsbürgergemeinde 2011 grosse Teile des Archivs von Foto Gross sichern. Anlässlich des Abschlusses der Sammlungserschliessung werden ausgewählte Bilder in einer von den beiden Stadtarchiven herausgegebenen Publikation sowie noch bis zum 10. August in einer Ausstellung im Kulturmuseum St.Gallen präsentiert.
Hans Gross absolvierte um 1900 eine Fotografenlehre. Nach einer Auslandsreise in Frankreich – einem der Geburtsländer der Fotografie – wurde er 1910 Teilhaber des Fotoateliers Zumbühl in St.Gallen. 1921 folgte die Eröffnung seines eigenen Fotofachgeschäfts an der Grossackerstrasse 3. Später wurde auch das Nachbarhaus an der Grossackerstrasse 1 erworben. Hans Gross fertigte Postkarten mit Landschafts- und Stadtbildern, Luftaufnahmen, Porträts und Werbeaufnahmen an. Bis in die 1960er-Jahre wuchs die Firma stetig: 1942 waren sieben, in den 1960er-Jahren über 30 und in den 1990er-Jahren 20 Mitarbeitende angestellt. Erich Gross, der das Unternehmen in dritter Generation führt, ist immer noch als Fotograf tätig und bietet verschiedene fotografische Dienstleistungen an.
Mit dem Smartphone «bewaffnet» könnten wir uns mal eben als Hobbyfotografinnen und -fotografen bezeichnen. Ein Klick auf den Screen, drei bis vier weitere, und alle Welt kann sich an unserem kleinen «Kunstwerk» erfreuen. Macht man’s professionell, kann’s schnell mal aufwändiger werden. Früher war dies nicht anders.
Schulbank drücken
Vor dem Eintritt in den Berufsalltag steht das Absolvieren der obligatorischen Schulzeit an. Im Fall von St.Gallen kamen hier viele Schulkinder in Kontakt mit Foto Gross. Über die Jahre hinweg zeugen unzählige der Foto Gross’schen Klassenaufnahmen von einem Wandel der Schulgeschichte.
Wandel der Arbeitswelt
Wie das Schulwesen war auch die Arbeit im 20. Jahrhundert gezeichnet von einem Wandel. Nachvollziehbar wird dieser unter anderem mit dem Blick auf die Wirtschaftssektoren.
Mit der Industrialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts hielten auch Fabriken und Maschinen Einzug in St.Gallen. Im Zuge derer ging auch die Anzahl der Beschäftigten im Landwirtschaftssektor rapide zurück. 1828 gründete beispielsweise Michael Weniger und Co. eine Maschinenfabrik in St. Georgen; nach 1859 wurde die Schokoladenfabrik von Aquilino Maestrani von Luzern nach St.Gallen verlegt. Für die Ostschweiz sollte aber eine andere Industrie wirtschaftlich tonangebend werden.
Die Stadt St.Gallen wurde zum Sitz von weltweit tätigen Exportfirmen wie Stickereihaus Union oder Iklé Frères. Einen grossen Teil der städtischen Wirtschaft machten dabei Zulieferung und Veredlungsbetriebe der Stickerei aus.
Die St.Galler Stickerei war in dieser Zeit einer der wichtigsten Exportartikel der Schweiz. Ausgeführt wurden die Erzeugnisse vor allem in die USA, nach Grossbritannien, Frankreich und Deutschland. Die Ostschweizer Textilbranche war dabei stark abhängig von zugewanderten Arbeitern und Arbeiterinnen: 1910 hatte St.Gallen einen Ausländeranteil von 31 %. Häufig waren dabei die Wohnsituation und der Erwerbslohn der Fabrikarbeitenden misslich.
Der Wandel der Mode und der Weltkrieg stürzten die Stickerei schliesslich in eine tiefgreifende Krise. Bereits während des 1. Weltkrieges wurde eine Diversifizierung der Ostschweizer Industrie angestrebt. Diese konnte aber erst ab dem 2. Weltkrieg durchgesetzt werden. Im Zuge dessen wuchsen besonders die Zahlen der Arbeitnehmer und -nehmerinnen im Maschinenbau und der Metallverarbeitung: 1965 sollten die meisten Angestellten im Industriesektor in ebendieser Branche tätig sein. In die Nachkriegsjahre fällt, zusammenhängend mit der Hochkonjunktur, auch eine weitere entscheidende Entwicklung. Was sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts (Ausbreitung der Lohnarbeit) zunächst nur als Idee formulierte, wurde langsam aber zunehmend für die breite Schicht in der Realität etabliert: der Ruhestand. Die AHV trat dabei 1948 in Kraft.
Nicht zuletzt war es die Automatisierung in den Fabriken, die dazu führte, dass der Dienstleistungssektor erstarkte. Dieser unterscheidet sich von den anderen vor allem darin, dass dessen Zweck nicht die Erzeugung materieller Güter ist. Zudem weist dieser Sektor eine enorme Diversität auf: Darunter fallen beispielsweise Personal in den Spitälern, Anwaltskanzleien, Verkehrsbetrieben, Schulen und Handelshäusern. Ab den 1960er-Jahren, vergleichbar mit dem schweizerischen Durchschnitt, nahm der Dienstleistungssektor in St.Gallen zu Lasten des Industriesektors, zu. 1971 sind erstmals schweizweit am meisten Erwerbstätige im sogenannten Dritten Sektor tätig. 2001 sollten 85 % der St.Galler Betriebe dem Dienstleistungssektor zugerechnet werden.
Den Fotografien liegt die Kraft inne, vergangene, fremde und vertraute Welten festzuhalten und zu konservieren. Die Arbeit erfuhr im 20. Jahrhundert in ihrer Gesamtheit unwiderrufliche Veränderungen. Technischer Fortschritt und die damit einhergehende Effizienzsteigerung sind dabei lediglich eine Seite der Medaille. Was die kommenden Jahre des 21. Jahrhunderts wohl für uns bereithalten? Wie lange werden wir arbeiten? Wie wird sich was, wo und wie wir arbeiten, ändern? Zumindest die Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen eintreten werden, wird die vorherigen Jahrhunderte wohl erneut in den Schatten stellen.
Nicht erwähnte Quellen und allgemeine Literatur (Auswahl)
StadtASG, PA Foto Gross, TA 46018,7 (Jacob Rohner AG in Widnau)
StadtASG, PA Foto Gross, TA 47816, 2 (Hausammann Laboratorien AG)
Guggenheimer Dorothee, Ryser Thomas (Hrsg.), Fotografien aus einem Jahrhundert, Schwellbrunn 2025.
Häusler Eric, Meili Caspar, Swiss Embroidery. Erfolg und Krise der Schweizer Stickerei-Industrie 1865-1929, hrsg. v. Historischer Verein des Kantons St.Gallen, St.Gallen 2015.
Wissenschaftliche Kommission der Sankt-Galler Kantonsgeschichte nach Beschluss des Kantonsrats im Auftrag der Regierung (Hrsg.), Sankt-Galler Geschichte, Band 7 u. 8, St.Gallen 2003.
Ehrenzeller Ernst, Geschichte der Stadt St.Gallen, St.Gallen 1988.
Mayer Marcel, St.Gallen (Gemeinde), Das 19. und 20. Jahrhundert, in: Historisches Lexikon der Schweiz (Onlineversion), https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001321/2012-01-06/ neues Fenster. (11.06.2025)
