Irene Züblin, die Verwaltung war früher für viele eine Lebensstelle. Hat sich daran etwas geändert, oder sind lange Karrieren bei der Stadt nach wie vor die Regel?
Es gibt sie noch, aber wir sehen sie heute immer seltener. Die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, Erwartungen an Entwicklungsmöglichkeiten und der demografische Wandel führen dazu, dass Mitarbeitende heute deutlich wechselbereiter sind. Dies trifft insbesondere auf jüngere Beschäftigte und solche in technischen oder spezialisierten Gebieten zu. Allerdings gibt es Bereiche wie den Fahrdienst, die Berufsfeuerwehr, das Tiefbauamt, die Polizei oder IBF, in denen Mitarbeitende oft länger als 20 Jahre bleiben – hier ist die Lebensstelle noch lebendig. Wir entwickeln uns entlang der sich verändernden Bedürfnisse und geben individuellen Karrierewegen, unterschiedlichen Lebensentwürfen und veränderten Prioritäten Raum.
Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Pension. Was kommt auf die Stadtverwaltung zu?
Das bringt grosse Veränderungen mit sich. Über 750 unserer Kolleginnen und Kollegen gehen in den nächsten zehn Jahren in Pension – das ist ein Drittel unserer Belegschaft. Der Fachkräftemangel macht es nicht leichter, passende Nachfolgerinnen und Nachfolger zu finden. Gleichzeitig gilt es, Know-how rechtzeitig weiterzugeben, um einen grossen Wissensverlust abzuwenden. Die Rekrutierung wird also anspruchsvoller.
Spüren wir die Auswirkungen des demografischen Wandels schon heute?
Ja, das merken wir deutlich. Der demografische Wandel ist längst Realität. Dazu kommt, dass viele heute nicht mehr jahrzehntelang beim selben Arbeitgeber bleiben – das erhöht den Druck auf die Rekrutierung.
Wie treten wir dieser Herausforderung gegenüber?
Wir begegnen ihr auf mehreren Ebenen. Einerseits fördern wir unsere Mitarbeitenden, um intern Nachfolgelösungen zu ermöglichen. Andererseits möchten wir als Arbeitgeberin sichtbarer und attraktiver auftreten – zum Beispiel indem wir zeigen, dass man bei der Stadt etwas für die Allgemeinheit bewirken kann. Gute Arbeitsbedingungen bleiben dabei zentral. Und auch beim Übergang in die Pension möchten wir unsere Mitarbeitenden mit Vorbereitungskursen gut begleiten. Wer zufrieden geht, spricht auch positiv über uns.
Mitarbeitende der Stadt St.Gallen oder angeschlossener Institutionen der Pensionskasse Stadt St.Gallen, die vor der Pensionierung stehen, können kostenlos an zwei Kursen teilnehmen: Der Kurs «Weichen stellen für die Finanzierung der Pensionierung» vermittelt ein Verständnis für das 3-Säulen-Konzept und zeigt auf, wie sich finanzielle Gestaltungsmöglichkeiten rund um die Pensionierung nutzen lassen. Im Kurs «Pensionierung in Sicht» erhalten Teilnehmende Informationen zu rechtlichen Rahmenbedingungen und Impulse, wie sie den neuen Lebensabschnitt aktiv und bewusst gestalten können.
Wie zeigen wir unseren langjährigen Mitarbeitenden, dass ihre Arbeit und ihr Engagement geschätzt werden – gerade in den letzten Berufsjahren?
Ältere Mitarbeitende sind eine zentrale Stütze unserer Organisation. Sie bringen viel Erfahrung, Fachwissen und Verlässlichkeit mit. In vielen Teams werden sie gezielt eingebunden, etwa bei der Einarbeitung neuer Kolleginnen und Kollegen oder bei wichtigen Entscheidungen. Leider kommt es auch vor, dass ihr Wissen zu wenig abgefragt oder ihr Potenzial nicht aktiv genutzt wird – manchmal aus dem Vorurteil heraus, sie seien weniger offen für Veränderung oder Digitalisierung. Es wäre daher wichtig, ihre Stärken bewusster zu fördern – etwa durch Mentoring-Programme oder eine stärkere Einbindung in Veränderungsprozesse. Erfahrung ist kein Auslaufmodell, sondern ein wichtiger Baustein für Erfolg.
