Wenn du auf deinen beruflichen Weg zurückblickst: Was würdest du deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben?
Offen sein und den Mut haben, Chancen zu nutzen, wenn sie sich bieten. Ich brauchte dabei hin und wieder jemanden, der mich von einer neuen Herausforderung überzeugte. Heute kann ich sagen, dass ich keinen Karriereschritt bereue, den ich machen durfte.
Welche Entscheidung in deiner Laufbahn hat dich besonders geprägt – und warum?
Da gibt es nicht die eine Entscheidung, sondern mehrere. Die erste war nach dem Studium. Einige meiner Kollegen arbeiteten bei Banken oder Versicherungen – die konnten sich inzwischen alle schon vor mir pensionieren lassen. Ich hatte ähnliche Angebote, wollte das aber nicht und habe es nie bereut, dass ich mich für die Verwaltung entschieden habe.
Dieser bist du dann über dein ganzes Berufsleben treu geblieben.
Ja, aber ich hatte ganz unterschiedliche Aufgaben in den 34 Jahren bei der Stadtverwaltung St.Gallen. Erste Berufserfahrungen sammelte ich als Jurist bei der Direktion Soziales und Sicherheit. Als sich im November 1997 die Gelegenheit bot, die Gewerbepolizei der Stadtpolizei zu leiten, ergriff ich sie. Das war neben allen Herausforderungen eine schöne, sehr familiäre Zeit. Als ich 2001 dann Leiter der Sicherheitspolizei wurde, war das nochmals eine ganz neue Herausforderung. Eine Abteilung zu führen, die im 24-Stunden-Schichtbetrieb arbeitet – daran musste ich mich erst gewöhnen. Mein Team vergrösserte sich von 15 auf damals 120 Mitarbeitende. Davor hatte ich grossen Respekt.
Was hast du durch deine Führungsrolle über Menschen und Zusammenarbeit gelernt?
Wertschätzung und ehrliches Interesse an den Mitarbeitenden sind zentral. Man sollte nah an den Mitarbeitenden sein – aber nicht zu nah. Meine Türe stand immer offen, und ich hätte beispielsweise auch gerne als Kommandant ab und zu einen Nachtdienst mitgemacht, um die Frontarbeit direkt mitzuerleben und mit den Mitarbeitenden ins Gespräch zu kommen. Leider liess das die Arbeitsbelastung in dieser Funktion nur selten zu.
Kann man Führung lernen?
Das habe ich mich auch schon gefragt – und ich weiss nicht, ob ich die Frage abschliessend beantworten kann. Im Militär, wo man typischerweise früher Führung lernte, war es einfacher, da man meist nur über einen kurzen Zeitraum führt. In der Polizei ist das anders: Da wird man auch nach Jahren noch mit Entscheiden konfrontiert, die man einmal getroffen hat. Aber zur Frage: Ich denke schon, dass man bestimmte Aspekte von Führung lernen kann. Es braucht aber auch gewisse persönliche Eigenschaften und die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln.
Was macht für dich eine gelingende Zusammenarbeit über Ämtergrenzen hinweg aus – besonders in einer grossen Verwaltung wie der Stadt St.Gallen?
Mir war immer klar: Die Polizei kann die meisten Probleme nicht alleine lösen. Wir sind oft auf andere Stellen angewiesen. Darum müssen wir diesen auf Augenhöhe begegnen und im Dialog die bestmöglichen Lösungen finden. Ich glaube, das ist uns als Stadtpolizei immer wieder gut gelungen.
Mir war immer klar: Die Polizei kann die meisten Probleme nicht alleine lösen.
Wie bist du mit dem wachsenden öffentlichen und medialen Druck auf staatliche Institutionen umgegangen?
Ich habe früh erkannt, dass man es nie allen recht machen kann. Wenn man sich das bewusst macht, geht es auch gar nicht mehr darum, es allen recht zu machen – sondern darum, hinter den eigenen Entscheiden stehen zu können. Schwierig war manchmal, dass man Kritikern nicht alle Details erklären kann, die zu einem Entscheid geführt haben.
Wo siehst du in Zukunft die grössten Herausforderungen für die Stadtpolizei und die Stadtverwaltung als Ganzes?
Wir wissen, dass die Stadt St.Gallen sparen muss. Das wird in den nächsten Jahren sicher die grösste Herausforderung. In Bezug auf die Stadtpolizei ist es wichtig, sich bewusst zu sein: Sicherheit ist ein Grundbedürfnis. Es geht nicht um einen Polizeistaat, sondern um eine angemessene Polizeipräsenz. Städte brauchen eine massgeschneiderte Polizeiversorgung, um nachhaltige Sicherheit zu gewährleisten. Die aktuelle Drogenproblematik ist ein Beispiel dafür. Hier leisten wir zusammen mit Partnerorganisationen viel, damit die Lage unter Kontrolle bleibt.
Wie schwer wird es der Stadtpolizei fallen, weiter zu sparen?
Das wird sicher nicht einfach. Die Stadtpolizei geht schon seit Jahren sehr haushälterisch mit ihren Ressourcen um. Wir haben zum Beispiel, ohne neue Stellen zu schaffen, den Gewaltschutz aufgebaut. Das ist nur eines von vielen Beispielen, wie wir versuchen, den sich wandelnden Grundauftrag mit konstantem Personalbestand zu erfüllen.
Was wünschst du der Stadtverwaltung St.Gallen – und der Stadtpolizei im Speziellen?
Ich hoffe, dass die Stadtverwaltung St.Gallen trotz des akuten Spardrucks ihren Grundauftrag weiterhin erfüllen kann. Für die Stadtpolizei wünsche ich mir, dass sie weiterhin existiert und immer nah an der Bevölkerung bleibt. Ich bin überzeugt, dass es ein grosser Verlust für die Stadt wäre, wenn sie keine eigene Polizei mehr hätte – und das sage ich jetzt als Einwohner in dieser Stadt.
Und ganz persönlich: Was nimmst du aus deiner Zeit bei der Stadtverwaltung mit, das dich auch in deinem nächsten Lebensabschnitt begleiten wird?
Ich durfte eine gute Zeit bei der Stadtpolizei erleben und mein vorzeitiger Ruhestand kommt zum richtigen Zeitpunkt. Ich nehme vieles mit, was ich in den über dreissig Jahren erleben durfte – vor allem mein Netzwerk. Ich habe Angebote – mit und ohne Bezug zur Polizei –, die ich sicher prüfen werde. Ich bin aber auch gespannt, wie es sich anfühlen wird, keine Verantwortung mehr tragen zu müssen. Zuerst freue ich mich aber auf eine möglichst freie Agenda: Zeit mit meiner Frau, der Familie und unserem Hund – und auf die Freiheit, flexibler Ferien machen zu können.
Leiter Kommunikation, Stadtpolizei St.Gallen
