Karianne Christensen wuchs an der Küste der norwegischen Stadt Tønsberg südlich von Oslo auf. Schon als Kind wollte sie Architektin werden. Allerdings hatte dieser Berufszweig in Norwegen seiner Zeit einen schweren Stand: «Es gab nur zwei Universitäten, an denen man Architektur studieren konnte und damals waren fast 50% der Architekt:innen arbeitslos.» Davon liess sich Karianne aber nicht unterkriegen und tauschte mit zwanzig Jahren kurz nach der Matura das Salzwasser Norwegens mit dem Süsswasser des Bodensees. Nach einem Praktikum begann sie ihr Architekturstudium an der Fachhochschule Konstanz.
Kariannes Faszination gilt dem Holzbau. Entsprechend begeistert ist sie vom Neubauprojekt Dreifachkindergarten und Tagesbetreuung am Schubertweg. Als Projektleiterin vertritt sie die Stadt als Bauherrin und ist somit Schnittstelle zwischen Planung und Nutzung. Auch die Kommunikation mit dem Quartier ist ein wichtiges Thema. Ihr Ziel dabei ist, dass alle an einem Strang ziehen, damit die Projekte gemeinsam umgesetzt werden können. Das ist herausfordernd, macht ihr aber gleichzeitig ungemein Spass. Dabei stehen für Karianne die Anliegen der Nutzer:innen an erster Stelle, denn wichtig ist: «Die Bedürfnisse der Nutzer:innen gemeinsam mit dem Planungsteam sinnvoll in Architektur umzusetzen.» Auch als Leiterin der Hochbauamt-Fachstelle «Hindernisfreie Bauten» sind die vielen Anforderungen an ein Bauprojekt und die Auseinandersetzungen mit den damit oft verbundene Zielkonflikten ein wichtiges Thema: «Unser Auftrag ist, eine entwicklungsfähige und für alle lebenswerte Stadt zu bauen. Für das Heute und die Zukunft.»
Bei der Wahl ihres Studienlandes war sie wohl auch geprägt von den Erzählungen ihres Vaters, der jedes Mal mit funkelnden Augen von seiner Studienzeit in Deutschland in den 1960er-Jahren berichtete. Auch wenn die deutsche Sprache eine grosse Herausforderung war, überwog für Karianne der Reiz, eine neue Sprache zu lernen und in eine neue Kultur einzutauchen.
Der Senf-Eklat
Doch spulen wir zunächst einige Jahre zurück. Noch vor ihrem Umzug kam Karianne für einen Ausflug in die Gallusstadt und leistete sich dabei einen schweren Fauxpas: Nach einem Spaziergang auf die Drei Weieren knurren die Mägen und für Karianne und ihren Mann ist der Griff zu einer heissen, würzigen St.Galler Bratwurst naheliegend. Wohl noch von Zürich sozialisiert, kamen an der Verkaufstheke folgende Worte über Kariannes Lippen: «Gerne noch etwas Senf dazu.» Der Blick der Verkäuferin sprach Bände. «Das war mein Start in St.Gallen», sagt Karianne lachend.
Mittlerweile lebt Karianne mit ihrer Familie seit über 20 Jahren glücklich in der Stadt und hat sich nicht nur an die städtischen Senf-Gesetze, sondern auch an die schweizerischen Begrüssungskonventionen gewöhnt. Denn das Siezen und die damit verbundene Distanz blieben ihr lange fremd: «Anfangs habe ich auf ‘Frau Christensen’ gar nicht reagiert, denn die Einzige die je als ‘Frau Christensen’ angesprochen wurde, war meine Grossmutter in Norwegen.»
Zwar seien die Umgangsformen in Norwegen deutlich direkter und unkomplizierter, ansonsten sei für sie das Ankommen in der Schweiz recht einfach gewesen: «Gesellschaftlich, kulturell und politisch sind sich Norwegen und die Schweiz ähnlich. Deshalb musste ich mich gar nicht so stark anpassen, wie vielleicht sonst mancher. Und wenn man irgendwo neu hinzieht, muss man versuchen, auf die Menschen zuzugehen.»
Ein bisschen Norwegen auf der Kinderfestwiese
Das norwegische Midtsommer-Fest, auch Sankthansaften oder Jonsok genannt, wird am Abend des 23. Juni gefeiert und geht auf heidnische Sonnenwendriten sowie christliche Traditionen zurück. Im Mittelpunkt steht das Entzünden großer Lagerfeuer (Sankthansbål), die böse Geister und Hexen vertreiben sollen. Familien und Gemeinden kommen zusammen, feiern entlang der Küste der Schäreninseln die helle Sommernacht mit Lagerfeuer, Picknick, Musik, Tanz und Spielen.
Auf ihre Migrationserfahrung angesprochen, betont Karianne ihre «gute» Ausgangslage als Norwegerin: «Die Schweizer:innen haben ein positives Bild von Norwegen. Das macht natürlich vieles einfacher und ich bin mit wenig Gegenwehr konfrontiert.» Karianne bezeichnet sich indes als begeisterte Wahl-St.Gallerin und schätzt einerseits die Vorzüge der Schweiz und lässt andererseits die norwegischen Traditionen hochleben. Dabei bindet sie nicht selten auch ihre Freunde ein: «Wir feiern typisch norwegisch Weihnachten, Geburtstage und natürlich das Midtsommer-Fest!» Besonders berührt und an ihre Heimat erinnert, ist Karianne während des Kinderfestes, das sehr ähnlich zelebriert wird, wie der norwegische Nationalfeiertag. Für Karianne ist es wichtig, das Gute aus beiden Welten mitzunehmen: «In der Schweiz lebe ich mehr die Norwegerin und in Norwegen merke ich, wie schweizerisch ich doch bin. Ich kann aber beide Orte mein Zuhause nennen und das ist ein wundervolles Geschenk!» Und so ist Karianne, wenn es ihr Terminkalender zulässt, zwischen drei bis fünf Mal in Norwegen. Besonders geniesst sie dort die Zeit auf dem alten «Familiengehöft» der Christensens, das mitten in der Natur steht, umgeben von Wäldern und Seen.
Halte deine Augen und dein Herzen für Neues offen. Nur so kannst du lernen.
Wie die Mutter, so die Tochter
In der Erziehung ihrer beiden Töchter war es Karianne ebenso wichtig, ihnen sowohl die schweizerische wie auch die norwegische Kultur näherzubringen. So sind sie selbstredend zweisprachig aufgewachsen, haben ihre Ferien in Norwegen verbracht und wie Karianne gelernt, das Gute aus beiden Welten mitzunehmen. Entsprechend begeistert waren die Kinder von Norwegen, auch wenn Karianne immer wieder mahnte: «Auch in Norwegen gibt es Montage!»
Das hielt die ältere Tochter Paula vor sieben Jahren jedoch nicht davon ab, für ihr Studium nach Norwegen zu ziehen: «Lustigerweise war sie im selben Alter wie ich damals, als ich von Norwegen nach Deutschland zog.» Wie die Mutter, so die Tochter also? «Wir werden sehen. Man weiss nie, was geschehen wird. Schliesslich bin ich ja auch hiergeblieben.» Wehmütig klingt Karianne dabei nicht: «Kinder sind eigentlich nur zu Besuch. Wir begleiten sie eine Zeit lang und erziehen sie zu selbständigen Menschen. Zudem sehen wir Paula immer noch regelmässig und eine Tochter ist ja noch in St.Gallen (lacht).»
Auf die Frage, ob sie ihrer Tochter vor deren Abreise noch einen Rat mit auf den Weg gegeben hat, antwortet Karianne: «Nur einen. Halte deine Augen und dein Herzen für Neues offen. Nur so kannst du lernen.»
