Das erste regelmässig erschienene Druckmedium im Raum St. Gallen war der Girtanner’sche Kalender, dessen Erscheinen bereits für das 16. Jahrhundert belegt ist. Neben seinen kalendarischen Informationen und den Angaben zu Fest- und Feiertagen enthielt er jedoch auch schriftliche Berichte über lokale Märkte, unterhaltende Themen und Schilderungen von spektakulären Ereignissen wie Schlachten und Verbrechen. Zusammen mit Flugblättern und ähnlichen Druckblätter, die Anzeigen und offizielle Mitteilungen verbreiteten, fungierten Kalender und Almanache als Vorboten der späteren Zeitungen und bedienten den Markt an Informationen zu verschiedenen Themen. Tatsächlich sollten aus dem Girtanner’schen Kalender indirekt gleich zwei Zeitungen hervorgegangen sein; das St. Gallischer Wochenblatt und das Tagblatt der Stadt St. Gallen.
Trotzdem waren es die Zeitungen, die über lange Zeit die Medienlandschaft dominierten. Sie waren lange Zeit die führenden Träger von Neuigkeiten, Weltgeschehen und nicht zuletzt auch von regionalem Klatsch und Tratsch. Während der Höhepunkt der Zeitungsproduktion zwar erst nach dem Ende der Zensur im 19. Jahrhundert einsetzt, findet man dennoch die erste Zeitung aus dem Kanton St. Gallen bereits im Jahr 1597. Die Annus Christi oder die Rorschacher Monatsschrift erschien zwölf Mal und gilt als die erste Zeitung im deutschsprachigen Raum. Zwar wurde sie, wie der Name verrät, in Rorschach produziert, der Drucker Leonhard Straub ist jedoch zeitgleich auch der Gründer der ersten Druckerei in St. Gallen.
Dabei hatten die früheren Zeitungen jeweils gleich zwei Hürden zu überwinden. Die staatliche Zensur und die Leseschwäche der Bevölkerung, welche das Publikum auf die elitären Kreise beschränkte. So sieht man sowohl mit der Etablierung der Pressefreiheit und der Einführung der Volksschule im Jahr 1900 jeweils einen explosionsartigen Anstieg in der Zeitungsproduktion und eine Diversifizierung des Angebotes.
Drei St. Galler Zeitungen - drei Leserschaften
Produktion im Wandel
Heute kann man mit nur wenigen Klicks ein Foto, ein Text oder ein Video in Sekundenschnelle erstellen und mit der ganzen Welt teilen. Die rasante Beschleunigung der Informationswege ist ein Produkt des technischen Fortschrittes. In den Anfängen der Zeitungsproduktion lief dieser Fortschritt erst langsam an. Für die ersten Zeitungen musste noch jeder einzelne Buchstabe in der Form eines kleinen Bleikörpers, den man Letter nannte, von Hand an die passende Stelle gesetzt werden. Diese Letter wurden pro Zeile aneinandergereiht und in einem sogenannten Setzschiff zu einer Seite zusammengesetzt.
Mit der Linotype-Maschine arbeitet der Setzer nur noch an der Tastatur, über die er den Text eingibt. Bei jedem Anschlag fällt dabei eine Matrize aus dem Magazin, welche aneinandergereiht die Zeilen ergeben. Diese wird dann mit flüssigem Blei ausgegossen, sodass eine Zeile mit erhöhten Buchstaben ersteht – eine «line of types» (Zeile aus Buchstaben). Die Zeilen wurden dann wieder von Hand zu einer Seite zusammengereiht. Die Matrizen kehrten automatisiert zurück ins Magazin. Durch diese Beschleunigung konnten bis zu 6'000 Zeichen pro Stunde hergestellt werden.
Die Verwendung des Bleisatzes blieb noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts vorrangige Praxis. Erst in den 1960er wurde er langsam vom Fotosatz abgelöst, bei dem der Text nicht mehr von Hand «gesetzt», sondern auf Film oder Fotopapier belichtet wurde. Kurz darauf übernahm dann bereits die digitale Textgestaltung, in der die Layoutarbeit nur noch am Computer stattfand. Damit verschwand der klassische Beruf des Schriftsetzers endgültig aus der Zeitungsproduktion. Noch anspruchsvoller als der Textsatz war die Entwicklung des Bilddrucks, der jedoch ein eigenes Kapitel der Zeitungsgeschichte bildet.
Sinkende Bedeutung der Zeitung
Während die Zeitung bis Mitte des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt der Medienwelt stand, musste sie seither bereits mehrmals zurückstecken. Erst war es das Radio das ab den 1920er-Jahren als grosser Konkurrent zu den gelesenen Nachrichten galt und ein Ende der gedruckten Zeitungen ankündete. Dann kam der Fernseher, der mit den bewegten Bildern das lesefaule Publikum für sich gewann. Auch das Internet wurde als Bedrohung der Zeitungsindustrie angesehen, da nun Wissen noch zugänglicher und verteilter wurde. Dennoch konnte sich die Zeitung mit ihrer gebündelten Mischung aus Politik, Weltgeschehen und lokalen Nachrichten bis heute noch behaupten. Trotzdem sieht man die Verschiebung des Medienfokus auch in der Reduktion des Angebotes durch den Zusammenzug verschiedener Zeitungsblätter und zahlreicher Einstellungen. Mit dem Aufblühen von Social Media hat sich dieser Fokus noch weiter verschoben.
Der gesellschaftliche Diskurs, der lange in der Zeitung verortet war, findet heute überwiegend online statt.
- CA/649/9-13
- JA/489
- JA/1353
- PA/X/196/4
- StadtASG, PA, Kühne Künzler B2596I1, B2486VI3, B2596III3, A1935III2
- StadtASG, PA, Foto Gross, TA810, 10-11
Für die neusten Trends wird nicht mehr in der Zeitung gestöbert, sondern durch Instagram oder TikTok gescrollt. Politische Diskussionen und Streitgespräche werden nicht mehr in Zeitungskolumnen und Kommentaren geführt, sondern auf X und Facebook gepostet. Stellensuchende sammeln nicht mehr die Anzeigeseiten der Zeitungen, sondern präsentieren sich auf LinkedIn oder anderen Onlineportalen. Als Begleiterscheinung der immer zentraler werdenden Onlinepräsenz ist auch die Werbung vermehrt in den Onlinebereich gewandert, was schwerwiegende finanzielle Folgen für die Zeitungsverlage hat.
Nur das Tagblatt ist geblieben
Von den oben vorgestellten Zeitungen wird nur noch das St. Galler Tagblatt produziert. Auch nicht mehr zweimal täglich wie zu seiner Blütezeit, sondern nur noch fünf Tage die Woche. Die Ostschweiz musste bereits 1997 ihre Abonnenten an das St. Galler Tagblatt weiterreichen, während die Volksstimme, die später wieder als Ostschweizer Arbeiterzeitung erschien, bereits ein Jahr früher ihren Druck stoppen musste.
Auch die Zeitungen selbst haben sich zunehmend in den Onlinebereich begeben und die Anzahl gedruckter Zeitungen nimmt stetig ab.
