Tamara Wenzler, wie präsent sind Soziale Medien an der Schule?
Sehr präsent. Die Plattformen sind eine Realität für die Jugendlichen und ständige Begleiter. Im medienpädagogischen Bereich arbeiten wir an Präventionsprojekten, denn Schulen haben meiner Meinung nach eine Verantwortung, wenn es um den pädagogisch sinnvollen Gebrauch der Plattformen geht. Viele Jugendliche machen sich kaum Gedanken um Datenschutz und die Wahrung der eigenen Identität im Internet. Deshalb zeigen wir medienkritische Sichtweisen auf, die im Unterricht reflektiert werden.
Welche Plattformen nutzen Schülerinnen und Schüler am häufigsten?
Platz eins belegt das Videoportal TikTok, andere beliebte Plattformen sind Instagram und Snapchat. Auch YouTube Tutorials erfreuen sich zum Lernen grosser Beliebtheit. Weniger verbreitet scheint das Diskussionsforum Reddit, das in erster Linie von Gamerinnen und Gamern für den Austausch genutzt wird.
Nutzt die Schule selbst auch Soziale Medien und wenn ja, mit welcher Intention?
Schülerinnen und Schüler erfahren Wertschätzung, wenn Schulprojekte, wie Theateraufführungen oder Musikvideoprojekte, der Öffentlichkeit über Posts zugänglich gemacht werden. Jugendliche sind stolz, wenn sie Teil solcher Projekte sind. Gleichzeitig stärkt dies die schulische Identität. Das Oberstufenschulzentrum West ist mit drei verknüpften Kanälen auf Instagram vertreten. Der erste Kanal wird vom Ehemaligenverein durch den Vorstand verwaltet, der Einblick in Tätigkeiten und Anlässe des Vereins gibt. Der zweite Kanal wird vom Schülerinnen- und Schülerrat betreut, das heisst Schülerinnen und Schüler des Schulhauses geben unter anderem mit Posts Einblicke in den Schulalltag, allerdings immer erst nach dem letzten «OK» von der Lehrperson. Der dritte Kanal ist bereits älter, er wurde während der Vorbereitungen auf das Kinderfest zum Zweck der Öffentlichkeitsarbeit ins Leben gerufen.
Tamara Wenzler ist seit dem Schuljahr 2025/26 Schulleiterin des Oberstufenschulzentrums West der Stadt St.Gallen. Zuvor war sie als Klassenlehrperson und Schulische Heilpädagogin im Schulhaus tätig. Als Präsidentin des Verbands Lehrpersonen Sektion St.Gallen (VLSG) trat sie mit der Übernahme der Rolle als Schulleiterin zum Ende des Schuljahres 2024/25 zurück. Im Interview mit dem Stadtspiegel gibt sie Einblick in die Haltung des Schulhausteams bzgl. des Umgangs von Jugendlichen mit Social Media.
Wie gehen Ihre Lehrpersonen mit dem Thema Soziale Medien um – im Unterricht und im Kontakt mit Schülerinnen und Schülern?
Unsere Lehrpersonen sind dazu angehalten, keine Freundschaftsanfragen von Schülerinnen und Schülern zu akzeptieren, so lange diese als Lernende der Schuleinheit registriert sind. Lehrpersonen wirken auch nicht im Rahmen der privaten Accounts der Lernenden mit. Wir trennen klar zwischen privater und schulischer Nutzung. Manche Lehrpersonen teilen auf den Plattformen, wie sie das Schulzimmer einrichten oder welche Arbeitsblätter sie gestalten. Alle Lehrpersonen verfügen als Privatperson über ein privates Profil auf Instagram. Ausnahmen sind sportlich oder künstlerisch aktive Lehrpersonen, die im Rahmen der Ausübung ihrer Tätigkeit ein öffentliches Profil nutzen.
Aufgrund der Schnelllebigkeit der Trends in den Sozialen Medien ist auf den Lehrplan allein kein Verlass. Es braucht eine Haltung zum Umgang mit Sozialen Medien.
Wie hat sich der Schulalltag durch die Nutzung sozialer Medien verändert?
Durch die Nutzung werden Lernfelder eröffnet: Jugendliche sollen lernen, wie Lerninhalte wirken und wie man erkennen kann, welche Informationen gefälscht sind. Denn Fälschungen werden immer echter. Dies wird z. B. bei der Recherche nach Informationen zum Problem, wenn Jugendliche auf nicht moderierten Plattformen Meinung nicht mehr von Fakten unterscheiden können. Deshalb unterstützen wir die Lernenden dabei, sich eine eigene Meinung zu bilden, Informationen stets zu prüfen und das Gelesene nach Wahrheitsgehalt einzustufen. Auch Lehrpersonen müssen sich hinsichtlich der Quellen- und Medienkritik weiterbilden und bei der Suche nach geeignetem Unterrichtsmaterial kreativ werden. Aufgrund der Schnelllebigkeit der Trends in den Sozialen Medien ist auf den Lehrplan allein kein Verlass. Es braucht eine Haltung zum Umgang mit Sozialen Medien.
Herausforderungen in der Nutzung der Sozialen Medien bestehen mit Blick auf verschiedene Aspekte:
a. Datenschutz: Im Posten von Inhalt ohne vorheriges Einverständnis. Auch andere Personen müssen vor Veröffentlichung um Einverständnis gebeten werden. Sobald Inhalte hochgeladen werden, bleiben sie sichtbar. Nutzende müssen im Bewusstsein gestärkt werden, wie die Inhalte der Sozialen Medien unsere Aufmerksamkeit steuern und dass die Rechte am eigenen Bild abgetreten werden. Problematisch im Zusammenhang mit Datenschutz ist auch die Tatsache, dass die genutzten Plattformen nicht dem hiesigen Recht unterworfen sind.
b. Schutz der Kinder & Jugendlichen: Im Suchtverhalten, das durch Studien zum Freizeitverhalten von Jugendlichen und der Nutzung des Smartphones in der Freizeit belegt wird und dem daraus resultierenden Schlafmangel und weiteren Folgen. Das Oberstufenschulhaus West setzt auf Aufklärungsarbeit: So schärft das Team das Bewusstsein der Eltern wie auch der Schülerinnen und Schüler und spricht Empfehlungen zu einem gesunden Umgang mit dem Smartphone aus (z. B. Ruhezeiten am Smartphone einstellen, nachts ausserhalb des Schlafzimmers aufbewahren).
c. Handhabbarkeit des Mediums: In der stärkeren gesetzlichen Reglementierung in Form von Identitäts- und Altersprüfung. Der Schutz für Kinder und Jugendliche sowie für Erwachsene muss hinsichtlich der eigenen Identität umfangreicher gesichert werden (z. B. Recht am eigenen Bild, Einverständnis bei Installation der App). Trotz aller Aufklärungsarbeit sind Schulen gegen dieses Phänomen bislang machtlos.
d. Einzelne Formate (Story, Post, …): In der Unklarheit der Jugendlichen darüber, dass das Format «Story» auf den Metadaten gespeichert bleibt und bei Bedarf weiterhin abgerufen werden kann, also nicht nach 24 Stunden verschwindet.
Gibt es an der Schule klare Regeln zur Nutzung von Smartphones und sozialen Medien?
Ja, Smartphones sind in der Schule verboten respektive «unsichtbar»: Schülerinnen und Schüler dürfen das Handy während des Schultags nicht aus der Tasche nehmen. Das Handy wird entsprechend eingezogen, falls sich die Jugendlichen nicht an diese Regel halten. Eine Ausnahme stellen Schnuppertelefonate dar, also Anrufe bei Firmen für eine Schnupperstelle. Diese Anrufe werden von zuhause aus oft nicht wahrgenommen, weshalb wir Jugendlichen im Rahmen der Schulzeit die Möglichkeit gewährend, diese Chance zu nutzen. Hierfür erhalten die Jugendlichen Bändel für das Handgelenk, sodass erkannt werden kann, wer während der Schulzeit schnuppertelefoniert.
Zwei Lehrpersonen sind ausserdem für den Schülerinnen und Schüler-Rat zuständig. Sie kontrollieren die Einhaltung des Datenschutzes, etwa das Einverständnis von Personen zu Posts, die veröffentlicht werden sollen, oder eine angemessene Wortwahl. Lehrpersonen verstehen sich sozusagen als Endredaktion, bevor ein geplanter Post online geht.
Sehen Sie in den Sozialen Medien pädagogische Chancen oder Möglichkeiten für die schulische Arbeit?
Ja, es gibt auf den Plattformen auch sinnvolle Kanäle, die die Jugendlichen anders erreichen können als Erwachsene. Dort finden Schülerinnen und Schüler in eigenständiger Recherche zum Beispiel YouTube-Videos, die im Unterricht gut genutzt werden können. Schülerinnen und Schüler können dadurch in ihrer Lebensrealität abgeholt werden. Medienkompetenz und bewusster Konsum, Reflexion und Schutz der Privatsphäre müssen gefördert werden.
Gibt es Projekte oder Unterrichtseinheiten, in denen soziale Medien bewusst eingebunden werden?
Ja, ich bin der Meinung, dass die Schule einen gesunden Umgang mit den Sozialen Medien fördern muss. Deshalb eröffnen wir den Jugendlichen Gelegenheiten zur Handhabung der Medien zum Beispiel in Form von Mitwirkung an der Öffentlichkeitsarbeit während des Kinderfests oder die Publikation von gesamtschulischen Theateraufführungen und Videodrehs. Im Unterricht thematisieren wir zum Beispiel die Sprache und Wirkung von Posts, erkunden die Bedeutung von Hashtags oder lernen über die Relevanz des Datenschutzes. Wir gehen auf die Verbreitung von Informationen ein und erklären den Jugendlichen, was Fehlinformationen sind. Im Rahmen von Projekten haben die Jugendlichen die Chance, eigene Lernvideos zu entwickeln oder mit einfach zu bedienenden Design-Tools wie Canva eigene Inhalte zu erstellen. Mit Posts präsentieren sie die Projekte des Schülerrats oder die jährliche Schönauparty. In Stories fragen die Jugendlichen, welche Lieder auf der Party gehört werden wollen – so entsteht Interaktion mit den Followern.
Welche Erfahrungen habt ihr bisher gesammelt?
Wir haben einen Song im Zusammenhang mit dem Bau des zweiten Gotthardtunnels produziert, zu welchem auch ein Musikvideo neues Fenster entstanden ist. Die SBB ist schliesslich auf das Video aufmerksam geworden und hat dieses auf ihrer Internetseite platziert. Darüber hinaus gab es ein Live-Konzert für die Schülerinnen und Schüler mit Grillnachmittag. Solche Musikprojekte, die die Aufmerksamkeit vieler Menschen in den Bann ziehen, machen die Schülerinnen und Schüler stolz und stärken somit das Selbstwertgefühl.
Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen im Umgang mit Social Media im Schulkontext?
Es gibt viele. Die grösste Thematik scheint Cybermobbing zu sein. Konflikte verlagern sich zunehmend in den digitalen Raum. Die Schule kann in einem solchen Fall nur bedingt agieren, um das betroffene Kind zu schützen, da auf den Plattformen eine niedrige Hemmschwelle für Beleidigungen und Bedrohungen existiert.
Wie gehen Sie mit Fällen von Cybermobbing oder digitaler Ausgrenzung konkret um?
Die Handhabe solcher Fälle ist für Lehrpersonen erschwert. Wir haben Unterstützung von einer Schulsozialarbeiterin, die bei solchen Fällen involviert wird. Zudem sind wir immer im Gespräch mit den Jugendlichen und sensibilisieren sie für das Ausmass solcher Taten. Auch die Elternarbeit ist in diesem Zusammenhang wichtig: Wir terminieren bewusst Zeiten für gemeinsame Gespräche. Nutzungspausen empfinde ich als wichtig, da das soziale Leben immer zwischen Menschen stattfindet und nicht im digitalen Raum.
Wie könnte die Nutzung von Social Media aus Ihrer Sicht weiterentwickelt werden?
Mit strengeren gesetzlichen Richtlinien, um den Schutz vor Fehlinformationen zu erhöhen, den Schutz am eigenen Bild sicherzustellen und die Verbreitung von Gewalt, Hass und pornografischen Inhalten einzudämmen. Diese Entwicklungen überfordern die Jugendlichen und lösen Ängste aus. Politische Akteure müssen mit Eltern, Lehrpersonen und Fachbereichen eng zusammenarbeiten, damit nachhaltiger Kinder- und Jugendschutz aufgebaut werden kann. Welches Soziale Medium darf erlaubt sein und wo liegen die Grenzen? Wer sorgt dafür, dass diese Grenzen eingehalten werden? Diese und weitere gehören zu den grossen Fragen der Zukunft, nicht nur für die Bildungslandschaft, sondern für die gesamte Gesellschaft.
