Christian Isler, man kennt dich fast nur in Uniform – warum ist das so?
Schon seit meiner Pfadi-Zeit ist mir klar: Eine gemeinsam getragene Uniform schafft Zusammengehörigkeit und Solidarität. Das verbindet uns und macht uns zu einem starken Team.
Du bist seit 16 Jahren Kommandant von Feuerwehr und Zivilschutz St.Gallen. Was ging dir durch den Kopf, als du dein Amt angetreten hast?
Grosser Respekt. Ich war damals mit 49 Jahren der Jüngste im Kreis der Kommando-Offiziere. Meine Hauptmotivation war, mit Begeisterung, Elan und Freude die Zusammenführung von Feuerwehr und Zivilschutz weiterzuführen. Eine anspruchsvolle und ehrenhafte Aufgabe.
Du warst vor deiner Zeit bei der Stadtverwaltung Lehrer und Zimmermann. Warum bist du eigentlich zur Feuerwehr gegangen?
Ich wünschte mir ein vielseitiges Berufsleben. Der Primarlehrer-Beruf war dazu eine gute Basis. Die pädagogische Erfahrung hilft mir bis heute. Als ich mit 21 Jahren im Lehrerzimmer angefragt wurde, bei der Milizfeuerwehr mitzumachen, habe ich sofort zugesagt. Und später habe ich mir überlegt: Warum nicht das Hobby zum Beruf machen? Nach einer Blindbewerbung stieg ich im Mai 1990 als Verantwortlicher für die Einsatzplanung bei der Feuerwehr St.Gallen ein.
Wie war dein weiterer Weg bis zum Kommandanten?
Ich hatte mich schon 1999 als Feuerwehrkommandant beworben, dann kam die Fusion von Feuerwehr und Zivilschutz dazwischen. Während meiner Zeit als Kommandant der Berufsfeuerwehr St.Gallen (2000–2009) habe ich mich betriebswirtschaftlich weitergebildet, um meine Erfolgsaussichten zu steigern und um die neue Organisation professionell weiterentwickeln zu können. 2009 wurde mir die Gesamtverantwortung von Feuerwehr und Zivilschutz anvertraut.
Die Feuerwehr gehört zu den vertrauenswürdigsten Institutionen – noch vor der Polizei. Warum ist das so?
Als uniformiert arbeitender Partner im Bevölkerungsschutz kommen wir im Einsatz «immer wie gerufen». Das unterscheidet uns von anderen Blaulichtorganisationen: Uns braucht nicht zu interessieren, warum etwas passiert ist. Wir tragen dazu bei, eine Situation in ihrem Ausmass zu begrenzen und dabei zu retten, was zu retten ist. Daraus resultiert ein adäquates und wohl verdientes Ansehen in der Gesellschaft.
An welche Einsätze oder Ereignisse erinnerst du dich besonders?
Der Altstadtbrand 1992, die Explosion und der Brand in der Sternackerstrasse 1994, der Brand in der Olma-Halle 7 im Jahr 2000, der Brand im Marktplatz 12 im Jahr 2014 – alles grosse Brände mit dem Ergebnis, dass wir das Ausmass begrenzt halten konnten. Negativ in Erinnerung bleibt mir, dass in drei dieser Einsätze Bewohnende nicht mehr gerettet werden konnten. In einem Fall hat einer unserer Berufsleute einen Herzstillstand erlitten und konnte nur dank rascher Reanimation wieder ins Leben zurückgeholt werden. In einem anderen Fall erlitt einer unserer Berufsleute schwere Verletzungen an einem Fuss, welche dann zu einer 100%-Arbeitsunfähigkeit führten. Das waren grosse Herausforderungen für uns alle.
Gab es in dieser Zeit auch Einsätze zum Schmunzeln?
Ich erinnere mich an einen bizarr-lustigen Einsatz, als ein von Aussteigern bewohntes altes Haus im Riethüsli lichterloh brannte. Während wir im Schweisse unseres Angesichts das Feuer bekämpften, tanzten die Bewohnenden nebenan um ein Lagerfeuer und sangen Lieder.
Gab es Momente, in denen du an die Grenzen der Belastbarkeit gekommen bist?
Eine echte Kraftprobe war die Pandemie in den Jahren 2020 und 2021. Als Leiter der städtischen Arbeitsgruppe Pandemie kam ich leistungsmässig an den Anschlag, denn ich habe mich zu circa 80 Prozent mit Pandemie-Themen befasst – neben dem eigentlichen Tagesgeschäft.
Welche Veränderungen haben Feuerwehr und Zivilschutz in deiner Amtszeit geprägt?
Personell haben wir 2023 mit der Einführung des Schichtdienstmodells einen wichtigen Schritt gegen die jahrelang hohe Fluktuation unternommen. Technisch sind wir effizienter geworden, mit neuen Geräten und Methoden – etwa mit dem Einsatz von Ventilatoren. Alles, um im Einsatz noch besser zu sein.
Wie steht es um die Digitalisierung bei der Feuerwehr?
Die Einsatzführung ist digitalisiert, aber unsere Leistungen müssen auch ohne jegliche digitalen Hilfsmittel und unter den widrigsten Umständen erbracht werden können. Im Einsatz zählen Erfahrung und Wissen – um KI zu konsultieren, fehlt uns die erforderliche Zeit.
Wir tragen dazu bei, eine Situation in ihrem Ausmass zu begrenzen und dabei zu retten, was zu retten ist. Daraus resultiert ein adäquates und wohl verdientes Ansehen in der Gesellschaft.
Gibt es etwas, das du in deiner Amtszeit gerne noch umgesetzt hättest, aber nicht mehr geschafft hast?
Alles, was ich gestalten wollte, durfte ich erreichen. Der Stadtrat hat im Herbst 2013 die Neubaupläne «trockengelegt» mit dem Auftrag, alle bestehenden Standorte aufzurüsten – so wurde u.a. die Sanierung unseres Betriebsgebäudes umgesetzt. Eine Regionalisierung beim Zivilschutz konnte kantonsweit realisiert werden. Bei der Feuerwehr lässt diese noch etwas auf sich warten – die Zunahme der ungenügenden Tagesverfügbarkeit und der Rückgang der Bereitschaft zum gesellschaftlichen Gemeinwohl beizutragen werden über kurz oder lang zu einer Veränderung führen.
Was war dir als Chef in der Zusammenarbeit mit deinen Mitarbeitenden wichtig?
Unser Auftrag stand im Mittelpunkt. Alle Mitarbeitenden sind gleich wichtig. Ein toller Team-Spirit hängt von der guten Qualität der Ausbildung, der Wertschätzung untereinander, motivierten Kaderleuten und letztlich von einer zeitgemässen Infrastruktur ab. Die Befähigung der Milizformationen zur Einsatzbewältigung ist dabei von zentraler Bedeutung. Motivation und Wertschätzung sind hier entscheidend.
Welche Werte möchtest du der nächsten Generation von Mitarbeitenden bei Feuerwehr und Zivilschutz St.Gallen mitgeben?
Tragt Sorge zu euren Teams und seid euch bewusst, wie wertvoll eure Einsatzbereitschaft für die Gesellschaft ist. Wichtig ist zudem, die persönlichen Interessen hinter diejenigen des Kollektivs zu stellen.
Was sind deine Pläne für die Zukunft?
«Family – Fun – Pleasure»: Zeit mit meiner Familie, sieben Enkeln, Ehefrau, Hund, Haus und Garten sowie ausgedehnte Ferienreisen mit dem Wohnmobil durch Europa. Ich will auch wieder vermehrt mit Holz arbeiten – Konstruktionen für Kinder und Vögel.
Wirst du der Feuerwehr verbunden bleiben?
Ja, ich bleibe Mitglied beim Rettungscorps und dem Nostalgieverein Feuerwehr St.Gallen, der unser Feuerwehrmuseum DEPOT61 betreibt. Und vielleicht biete ich irgendwann Führungen zu «35 Jahre Brände in der Innenstadt» an.
Christian Isler, danke für das Gespräch und alles Gute!
Christian Islers Nachfolger Daniel Frei wird Anfang Oktober 2025 bei Feuerwehr und Zivilschutz starten und am 1. November 2025 als Kommandant übernehmen. Die formelle Kommando-Übergabe wird am 6. November 2025 stattfinden.
