Er hätte genauso gut mit Hobel und Wasserwaage arbeiten können, entschied sich aber für Beete in klaren Linien und symmetrisch gestutzte Hecken. Lange schwankte Stephan Wanner, ob er eine Lehre zum Schreiner oder Gärtner antreten sollte. Klarheit brachte schliesslich der Hausumbau mit seinen Eltern in Oberbüren, bei dem er viel Zeit im Garten verbrachte. Er begann eine Gärtnerlehre im Bereich Topfpflanzen und wechselte später in die Gestaltung von Grünanlagen. Seit 1992 ist er bei Stadtgrün tätig, zuerst auf den Friedhöfen Feldli und Bruggen, seit 1996 fest in Bruggen. «Der Friedhof war und ist mein eigener grosser Garten. Ich arbeite gerne draussen und schätze, dass ich jeden Abend sehen kann, was ich geleistet habe», sagt er. Diesen Ort zu pflegen, erfüllt ihn nach über drei Jahrzehnten noch mit Stolz. Auch die Aufgabe, den letzten Weg eines Menschen zu betreuen und einen stimmigen Rahmen für den Abschied zu schaffen, bedeute ihm viel: «Ich erlebe meine Arbeit als sehr sinnstiftend. Ich halte die Anlage in Schuss, begleite Verstorbene bis zur Bestattung und trage dazu bei, dass Angehörige würdig Abschied nehmen können.»
Line Dance ist ein choreografierter Gruppentanz, der im 20. Jahrhundert in den USA entstand. Die Tänzerinnen und Tänzer stehen in Reihen neben- und hintereinander und führen synchron festgelegte Schrittfolgen aus. Jede Choreografie wird meist für einen bestimmten Musiktitel entwickelt, kann aber auch auf andere, passende Songs übertragen werden. Die Schrittabfolgen sind genau auf sogenannten «Step Sheets» beschrieben und wiederholen sich nach 32, 48, 64 oder 128 Schritten. Tempo und Schwierigkeitsgrad variieren je nach Kenntnisstand und Erfahrung der Tänzerinnen und Tänzer.
Liebe auf den ersten Stampfer
Vor 15 Jahren gab sein Hang zu klaren Linien auch seiner Freizeit eine neue Richtung. Bei einer Abendunterhaltung in Mörschwil sah Stephan zum ersten Mal eine Line-Dance-Vorführung. Beim Western-Aficionado sprang der Funke sofort über. Schnell war die Entscheidung gefasst, selbst in Boots zu schlüpfen, einen Hut aufzusetzen und den Gruppentanz auszuprobieren. 2010 besuchte er in Herisau einen Starterkurs: «Da habe ich Feuer gefangen. Line Dance und die damit verbundene Gemeinschaft wurden zu einer grossen Leidenschaft.» Am Tanz in Reih und Glied begeistern ihn die Musik, die Ästhetik und die Klarheit des Stils. «Ausserdem braucht man keine Tanzpartnerin. Man kann alleine kommen und trotzdem tanzt man als Teil einer Gruppe.» Das Miteinander spricht ihn besonders an. «Die Line Dancer sind wie eine riesige Familie.» Entsprechend sind Tanzreisen und gemeinsame Festivalbesuche fester Bestandteil der Gemeinschaft.
Schritt für Schritt ins geteilte Glück
Dass Line Dance für Stephan nicht nur ein Hobby, sondern ein geteilter Lebensinhalt wurde, verdankt er seiner Frau Gaby. Die beiden haben sich beim Tanzen bei den Buffalo Dancers in Herisau kennengelernt. 2020 ergab sich die Möglichkeit, die Line-Dance-Schule in Herisau zu übernehmen. Der Gründer wollte sie abgeben und das Paar ergriff die Chance. Heute führt Gaby die Schule hauptberuflich, Stephan unterstützt sie neben seiner Tätigkeit für die Stadt St.Gallen. Die Schule wächst stetig: Von 60 Mitgliedern im Jahr 2020 hat sich die Zahl bis heute beinahe verdoppelt. Einmal im Monat führt die Schule öffentliche Dance Nights durch. Diese kommen so gut an, dass sie meist bereits durch die eigenen Tanzmitglieder gut gefüllt sind. Während dieser Tanzabende fegt das Paar aber nicht gemeinsam übers Parkett. «Gaby schmeisst die Bar und ich mache den DJ. Wir sind ein gutes Team», erklärt Stephan Wanner. «Wenn wir gemeinsam tanzen wollen, besuchen wir Festivals oder Abende anderer Tanzschulen.»
Frontreihe statt Feierabend
Heute trainiert Stephan jeden Mittwoch selbst und gibt am Dienstagabend Kurse. Seit 2018 steht er auch in der ersten Reihe, obwohl das gar nicht sein Plan war.
Ich bin nicht der Typ, der gerne im Mittelpunkt steht. Ich wollte nur die Startergruppe anleiten. Aber die haben dann einfach immer weitergemacht. Dann musste ich halt auch.
Die Buffalo Dancers sind eine traditionelle Country-Line-Dance-Gruppe aus Herisau, gegründet 2003 von Reini und Margrit Weber. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sie sich zu einer etablierten Tanzschule entwickelt und bieten heute von Montag bis Freitag Kurse für alle Niveaus an, geleitet von drei Tanzlehrpersonen. 2020 übernahmen Gaby und Stephan Wanner-Gschwend die Leitung der Schule. Gaby hatte bereits 2010 die Ausbildung zur Tanzlehrerin bei Swissdance (ehemals SCWDA) abgeschlossen. Neben dem Unterricht pflegen die Buffalo Dancers auch die Gemeinschaft: Einmal im Monat lädt die Schule zu einer Dance Night in ihrem Tanzlokal ein, bei der das Gelernte in geselliger Runde ausprobiert werden kann. Für Einsteigerinnen und Einsteiger gibt es Starterkurse mit zwölf Lektionen. buffalo-dancers.ch neues Fenster
Heute gehört die Gruppe zu den fortgeschrittensten der Buffalo Dancers. «Je länger man dabei ist, desto komplizierter werden die Tänze. Meine Gruppe fordert mich so richtig.» Gaby absolvierte zusätzlich eine eineinhalbjährige Ausbildung mit Prüfung, um optimale Voraussetzungen für die eigens geführte Tanzschule zu schaffen. Wettbewerbe spielen hingegen keine Rolle. «Das reizt uns nicht. Sie sind schön anzuschauen, aber nicht unser Stil.» Stephan mag es traditionell und rassig. «Ich tanze am liebsten zu Country-Songs und stampfe gern ein bisschen.» Im Training klingt das etwas gedämpfter. Denn zum Üben trägt er mittlerweile lieber Turnschuhe statt Boots.
Mit dem Blick nach Nashville
Für Stephan steht fest: Line Dance ist für alle da. Zwar überwiegen im Unterricht die Frauen, doch das stört ihn nicht. «Ein Mann auf zehn Frauen – das funktioniert bestens», sagt er schmunzelnd. Der synchrone Gruppentanz halte körperlich und geistig fit. «Die Schrittabfolgen fordern einen. Das ist auch im höheren Alter ideal.» So wird Line Dance auch nach seiner Pensionierung im Jahr 2026 ein fester Bestandteil seines Lebens bleiben. Für diese Zeit spielt er mit dem Gedanken, sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen: eine Reise nach Nashville. «In der Geburtsstadt der modernen Country-Musik die Kultur und Musik zu erleben, wäre genial.» Im Takt wären Gaby und er auch im fernen Westen. Die Schritte sind auf der ganzen Welt die gleichen.
