Walter Scherrer (05.12.1882-31.05.1940) war der Sohn von Hermann Scherrer, ein prominenter St. Galler Kopf, dem als Stadtrat, «Marionettenpapa» und Gründer eines Hilfswerks für hungernde Kinder in München bereits 2017 ein Beitrag im Stadtspiegel neues Fenster gewidmet wurde. Als Rechtsanwalt führte Walter kein so öffentliches Leben wie sein Vater, weshalb über ihn auch deutlich weniger bekannt ist. Ausserhalb seiner eigenen Dokumentation des Rifkrieges verrät nur seine Todesanzeige vom 3. Juni 1940 über seine Zeit in der Fliegertruppe auf dem Flugplatz Dübendorf von 1917-1918 und seine Funktion als Oberleutnant in der Mobilmachung in 1939. In dieser zweiten Dienstzeit im Mannschaftsdepot der 9. Division starb er schliesslich bereits im Alter von 57 Jahren.
Das kleine Privatarchiv von Walter Scherrer kam gemeinsam mit dem Bestand seines Vaters als Schenkung der Kantonsbibliothek 2005 ins Stadtarchiv. Es enthält hauptsächlich Fotografien von seiner Reise, begleitet von einigen hand- und maschinengeschriebenen Beobachtungen über Festungen, Kriegshafen, Geschütze und Verteidigungsanlagen sowie zwei Postkarten an seinen Vater und ein Brief an seine Schwester Irma.
Eine Studienreise der besonderen Art
Über seine Reise in Marokko sind nur begrenzt Informationen vorhanden. Ziel, Dauer und Destinationen lassen sich nur zwischen den Zeilen erahnen. Zwischen seinen Berichten und den Postkarten dürfte Walter mindestens drei Monate, wenn nicht noch länger, in Marokko verbracht haben. Der erste Bericht wurde am 23. Dezember 1925 erfasst, während die letzte Postkarte das Datum vom 29. Februar 1926 trägt. Da keine seiner Fotografien oder Schriften etwas über das Ende des Krieges verrät, ist anzunehmen, dass er zwischen März und April wieder in die Schweiz zurückkehrte.
Auch das Ziel seiner Reise lässt sich nur aus dem Kontext herausschliessen. Bei seiner Abmeldung aus der Schweiz hatte Walter seine Reise nach Marokko als Studienreise deklariert. Während dies eher einen kulturellen Austausch oder eine intellektuelle Bildungsreise in Aussicht stellte, wird angesichts von Walters Schriften schnell klar, dass weniger der interkulturelle Austausch als vielmehr die militärischen Realitäten des Krieges selbst im Vordergrund seiner Interessen standen. Es finden sich unter seinen Bildern zwar auch die typische Touristenbilder, doch werden sie überschattet von den unzähligen Bildern von Soldaten, Militärlagern, Verteidigungsanlagen und Kriegsmaschinerie. Seine Berichte enthalten auch keine typischen Erzählungen über die Erlebnisse eines Reisenden, sondern reflektierte Beobachtungen über die militärischen Anlagen, Verteidigungsstrategien und Kriegsstützpunkte. Walter war also weniger interessiert an den kulturellen und historischen Sehenswürdigkeiten von Marokko, sondern scheint explizit für den Rifkrieg angereist zu sein.
Walter und die Spanier
Als Europäer wird sich Walter wahrscheinlich eher mit den Spaniern verbunden gefühlt haben als mit den für ihn fremden Rifkabylen. Dies wird auch durch den intensiven Kontakt mit den spanischen Streitkräften verstärkt worden sein, welche ihm die Einblicke in Befestigungslagen und Militärlager ermöglichten. Dieser Einfluss spiegelt sich auch in seinen Notizen über die Einheimischen und über seine Einschätzung der Bedrohung durch die Rif. Nach seiner Wahrnehmung schien es unerklärlich, wie die Truppen von Abd el-Krim ganze fünf Jahre gegen die Spanier durchielten. So schreibt er über die Artillerie-Angriffe der Rif-Armee:
«Natürlicherweise war das «Bombardement von Tetuan» das in der letzten Zeit hie & da wiederholt worden war, den Verhältnissen der Armee Abd el Krims angemessen & also nur ein ganz kleiner Stümper gegen die Trommelfeuer des Weltkrieges. Die Beschiessung besteht nämlich nur aus einer kleinen Serie von Schüssen, die in längeren Abständen einander folgen. Die Spanier sagen, sie diene lediglich dazu, den Rifleuten neue Freude & Mut einzuflössen & ihre nach den Aussagen von Spionen gesunkene Moral zu heben; ein anderer Zweck sei schlechterdings nicht einzusehen.»
Trotz dieses Bias berichtet Walter in seinen Notizen auch von den Gräueltaten der Spanier. So findet man Fotografien von ermordeten Rifis, welche von den Spaniern entlang der Hauptstrasse «2 ½ Tage dem Publikum ‘ausgestellt’!» wurden. Diese Zurschaustellung der gegnerischen Leichen war als Abschrecktaktik gedacht, die den Bildern von Walter zufolge mehrmals angewendet wurde. Auf einem Bild wurde auch die stolze spanische Truppe abgelichtet, wie sie sich hinter ihre ‘Erfolge’ stellten. Das Ganze wirkt wie eine koloniale Inszenierung: Die spanische Truppe präsentiert sich stolz hinter den Leichen der Rifis – ganz im Stil der damaligen kolonialen Praxis, «Erfolge» durch Jagdtrophäen oder Trophäenfotos festzuhalten.
Nirgends erwähnt in Walters Schriften ist jedoch die spanische Verwendung von Senfgas, welche den Krieg als ersten aerochemischer Krieg in die Geschichte eingehen liess. Zwischen 1923 und 1926 wurden 500 Tonnen Senfgas aus Flugzeugen über dem Rif-Gebirge abgeworfen. Ziel waren dabei nicht nur militärische Stützpunkte, sondern auch zivile Knotenpunkte wie Städte, Märkte und landwirtschaftliche Felder. Die verheerenden Folgen dieses Einsatzes bleiben bis heute noch weitgehend unerforscht. Neben den tödlichen Verletzungen wurden auch Lebensmittel kontaminiert. Noch heute leidet die Region unter einer sonderlich hohen Rate an Lungenkrebserkrankungen.
Misslungener Kriegsberichterstatter?
Das Ziel von Walters Reise nach Marokko war augenscheinlich, den Krieg aus erster Hand mitzuerleben und zu dokumentieren. Während er selbst seine Reise als Studienreise beschrieben hat, schrieb man ihm in seinem Nachruf die Rolle eines Kriegsberichterstatters zu. Anhand der Berichte und Notizen, die er fleissig auf der Rückseite der Fotografien festhielt, scheint es durchaus seine Absicht gewesen zu sein, seine Dokumentation mit der Welt zu teilen. So findet sich in seinen Aufzeichnungen einen Brief der Österreichischen Illustrierten Zeitung vom 9. Januar 1926, in dem man ihm mitteilte, dass sie die Bilder und Berichte aufgrund mangelnder finanzieller Ressourcen nicht erworben werden konnten. Die Datierung des Briefs lässt vermuten, dass Walter seine Schwester Irma damit beauftragte hatte, seine Unterlagen verschiedenen Zeitungen anzubieten. Da der Bestand jedoch keine Zeitungsausschnitte oder Hinweise auf eine Publikation enthält und der Rifkrieg in den europäischen Medien insgesamt nur begrenzt Aufmerksamkeit erhielt, ist anzunehmen, dass auch weitere Versuche erfolglos blieben.
So verbleiben Walters Erinnerungen und Eindrücke des Krieges, der mittlerweile selbst oft in Vergessenheit geraten ist, als kleiner Bestand im Stadtarchiv.
Quellenverzeichnis:
- Hassler, Gitta, St. Galler Köpfe (3): Hermann Scherrer (1853-1948), Stadtspiegel_157.pdf neues Fenster (11.03.2026)
- StadtASG PA/X/55 Walter Scherrer
Literaturverzeichnis:
- El-Asrouti, Fouzia, Der Rif-Krieg 1921-1926, (2007) in Islamkundliche Untersuchungen, Bd. 275
- Geissler, Andrea, Giftige Geschichte, in fluter. (2025) Giftige Geschichte: Über den Einsatz von Giftgas im Rif-Gebirge neues Fenster (11.03.2026)
- Schwarz, Christoph, Toxische Schatten kolonialer Gewalt, in iz3w-Heft 402, Toxische Schatten kolonialer Gewalt - informationszentrum 3. welt neues Fenster (11.03.2026)
- Weidner, Anselm, Marokko 1923: Der Lehrer Abd el-Krim ruft die freie Rif-Republik aus, in: der Freitag (2026), Marokko 1923: Der Lehrer Abd el-Krim ruft die freie Rif-Republik aus — der Freitag neues Fenster (11.03.2026)
- Bildquelle Portrait von Walter Scherrer: WRD.CH neues Fenster
