Der Rifkrieg war ein wiederkehrender Konflikt zwischen den Rifkabylen und den Spaniern. Die Rifkabylen, auch die Rif oder in Walter Scherrers Notizen «Rifis» genannt, sind ein berbersprachiges Volk aus dem Rif-Gebirge im Norden von Marokko. Die verschiedenen Stämme der Rif kamen immer wieder in Konflikt mit den Spaniern, die ihre Präsenz in Marokko festigen wollten. Der Krieg von 1921 bis 1926 war bereits der dritte sogenannte Rifkrieg. Die ersten beiden Auseinandersetzungen bewegten sich in einem kleineren Rahmen und waren hauptsächlich auf die Umgebung der spanischen Enklave Melilla fokussiert, wo sich die lokalen Stämme gegen die Ausbauarbeiten der Spanier wehrten.
Der dritte Krieg umfasste hingegen das gesamte Rif-Gebiet und vereinte die verschiedenen Stämme unter der Führung von Mohammed Abd el-Krim. Die spanische Offensive von 1920 sollte zunächst die militärische Präsenz im Rif-Gebirge festigen und den Zugang zu den dort vermuteten Bodenschätzen sichern. Stattdessen erlitten die Spanier 1921 in der Schlacht von Anoual eine verheerende Niederlage gegen die Rifkabylen, die den Konflikt zu einem offenen Krieg eskalieren liess.
Von Ho Chi Minh als “Wegbereiter des bewaffneten Widerstands gegen den Imperialismus» gepriesen und von Mao Zedong als «Inbegriff des Führers eines Volksbefreiungskrieges» bezeichnet, hat sich Abd el-Krim einen Namen für seine Rolle im antikolonialen Widerstand in Marokko gemacht. Dabei hatte er als Kaid von Melilla eine Vermittlerrolle zwischen den Spaniern und der lokalen Bevölkerung und galt anfangs auch als ein Befürworter von Spaniens Präsenz im Rif, da er auf eine wirtschaftliche Erschliessung des zuvor isolierten Gebirges hoffte. Die französische Ausbeutung der marokkanischen Wirtschaft und die Übergriffe der Spanier in den besetzten Gebieten zerstörten jedoch diese Illusion und er rief 1921 zum Jihad auf. Nach seiner Kapitulation wurde er auf die französische Insel Réunion verbannt. Was erst ein zweijähriges Exil hätte sein sollen, entpuppte sich als ein zwanzig Jahre langer Aufenthalt, bevor es ihm erlaubt war, die Insel zu verlassen. Der ägyptische König Faruk gewährte ihm Asyl in Kairo, von wo aus er weiterhin Unabhängigkeitsbewegungen in der arabischen Welt unterstützte, bis er 1963 im Alter von 81 Jahren verstarb. Trotz Einladung des marokkanischen Königs kehrte er nie mehr in seine Heimat zurück. Bis heute wird er dort noch als Revolutionär und Freiheitskämpfer verehrt.
Durch Guerilla-Angriffe und dem Vorteil des vertrauten Terrains gelang es den Rifkabylen, die Spanier so weit in Schach zu halten, dass Abd el-Krim 1923 die Rif-Republik ausrief. Diese stand jedoch im direkten Konflikt mit der bestehenden europäischen Aufteilung von Marokko, welche das Land in zwei Protektoratszonen spaltete und unter die Führung von Frankreich und Spanien stellte. Während sich der Konflikt lange nur auf das spanische Gebiet konzentrierte, mischte sich Mitte 1925 auch Frankreich in den Krieg ein und trat seinem kolonialen Kollegen zur Seite. Mit vereinten Kräften und dem seit 1925 international geächteten Einsatz von Senfgas konnten sie am 27. Mai 1926 die Kapitulation von Abd el-Krim erzwingen und so den Krieg beenden.
Marokko in der Kolonialen Geschichte
Als Verbindungsstück zwischen Europa und Afrika war Marokko lange im Zentrum diverser europäischer Interessen. Frankreich, Grossbritannien, Spanien und Deutschland konkurrierten um die Vormachtstellung. 1912 einigten sich die Kolonialmächte auf eine Aufteilung des Landes zwischen Frankreich und Spanien. Spanien erhielt Gebiete im Norden um Tétouan wie auch kleinere Teile im Süden Marokkos, während Frankreich den grösseren Rest besetzte. Als Protektorat ersparte sich Marokko zwar den Titel einer Kolonie, verlor jedoch genauso seine Unabhängigkeit. Der Sultan blieb zwar das offizielle Oberhaupt des Landes, diente allerdings nur noch einer repräsentativen Funktion. Erst mit der wachsenden internationalen Kritik und Protesten aus der Bevölkerung erhielt Marokko 1956 seine Unabhängigkeit zurück. Dabei übernahm Sultan Mohammed V. als König wieder das Amt des Staatsoberhaupts.
Quellenverzeichnis:
- Hassler, Gitta, St. Galler Köpfe (3): Hermann Scherrer (1853-1948), Stadtspiegel_157.pdf neues Fenster (11.03.2026)
- StadtASG PA/X/55 Walter Scherrer
Literaturverzeichnis:
- El-Asrouti, Fouzia, Der Rif-Krieg 1921-1926, (2007) in Islamkundliche Untersuchungen, Bd. 275
- Geissler, Andrea, Giftige Geschichte, in fluter. (2025) Giftige Geschichte: Über den Einsatz von Giftgas im Rif-Gebirge neues Fenster (11.03.2026)
- Schwarz, Christoph, Toxische Schatten kolonialer Gewalt, in iz3w-Heft 402, Toxische Schatten kolonialer Gewalt - informationszentrum 3. welt neues Fenster (11.03.2026)
- Weidner, Anselm, Marokko 1923: Der Lehrer Abd el-Krim ruft die freie Rif-Republik aus, in: der Freitag (2026), Marokko 1923: Der Lehrer Abd el-Krim ruft die freie Rif-Republik aus — der Freitag neues Fenster (11.03.2026)
Bildquelle Portrait von Walter Scherrer: WRD.CH neues Fenster
