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1926 wagte sich Walter Scherrer auf eine ungewöhnliche Studienreise – mitten in den Rifkrieg in Marokko. Dort kämpften die Rifkabylen gegen die koloniale Präsenz von Spanien und Frankreich. Obgleich der mehrjährige Konflikt der Schauplatz des ersten Luftangriffs mit Giftgas war, verschwindet die Erinnerung des Krieges oft zwischen den Schatten der zwei Weltkriege. Durch den St. Galler an der Front bleibt jedoch in den Beständen des Stadtarchivs ein kleiner Einblick in diesen Krieg erhalten.

 
Abd el-Krim

Von Ho Chi Minh als “Wegbereiter des bewaffneten Widerstands gegen den Imperialismus» gepriesen und von Mao Zedong als «Inbegriff des Führers eines Volksbefreiungskrieges» bezeichnet, hat sich Abd el-Krim einen Namen für seine Rolle im antikolonialen Widerstand in Marokko gemacht. Dabei hatte er als Kaid von Melilla eine Vermittlerrolle zwischen den Spaniern und der lokalen Bevölkerung und galt anfangs auch als ein Befürworter von Spaniens Präsenz im Rif, da er auf eine wirtschaftliche Erschliessung des zuvor isolierten Gebirges hoffte. Die französische Ausbeutung der marokkanischen Wirtschaft und die Übergriffe der Spanier in den besetzten Gebieten zerstörten jedoch diese Illusion und er rief 1921 zum Jihad auf. Nach seiner Kapitulation wurde er auf die französische Insel Réunion verbannt. Was erst ein zweijähriges Exil hätte sein sollen, entpuppte sich als ein zwanzig Jahre langer Aufenthalt, bevor es ihm erlaubt war, die Insel zu verlassen. Der ägyptische König Faruk gewährte ihm Asyl in Kairo, von wo aus er weiterhin Unabhängigkeitsbewegungen in der arabischen Welt unterstützte, bis er 1963 im Alter von 81 Jahren verstarb. Trotz Einladung des marokkanischen Königs kehrte er nie mehr in seine Heimat zurück. Bis heute wird er dort noch als Revolutionär und Freiheitskämpfer verehrt.

Durch Guerilla-Angriffe und dem Vorteil des vertrauten Terrains gelang es den Rifkabylen, die Spanier so weit in Schach zu halten, dass Abd el-Krim 1923 die Rif-Republik ausrief. Diese stand jedoch im direkten Konflikt mit der bestehenden europäischen Aufteilung von Marokko, welche das Land in zwei Protektoratszonen spaltete und unter die Führung von Frankreich und Spanien stellte. Während sich der Konflikt lange nur auf das spanische Gebiet konzentrierte, mischte sich Mitte 1925 auch Frankreich in den Krieg ein und trat seinem kolonialen Kollegen zur Seite. Mit vereinten Kräften und dem seit 1925 international geächteten Einsatz von Senfgas konnten sie am 27. Mai 1926 die Kapitulation von Abd el-Krim erzwingen und so den Krieg beenden. 

Text: Laura Schmid, Stadtarchiv