Von einer Rede vor 600 Menschen am Morgen direkt in die Stille der Wiborada-Zelle und am Abend wieder weiter zur nächsten Veranstaltung: Der Wiborada-Tag von Mathias Gabathuler war von starken Kontrasten geprägt. Der Stadtrat nutzte am 15. Januar die Gelegenheit, sich für acht Stunden ins Leben der Wiborada hineinzuversetzen. Für ihn war es eine bewusste Auszeit vom Alltag und eine Gelegenheit, sich ganz auf seine Gedanken zu konzentrieren. Er ist überzeugt: «Aus aussergewöhnlichen Situationen kann man immer etwas lernen.»
Das Jahr 2026 steht ganz im Zeichen von Wiborada. Sie gilt als erste päpstlich heiliggesprochene Frau und lebte als Inklusin in der ältesten Kirche St.Gallens. Dieses Jahr feiert die Stadt den 1100. Geburtstag der Heiligen. Höhepunkt ist der 2. Mai – der Wiborada-Tag und zugleich ihr Todestag –, an dem ein Fest stattfindet. Der Verein Wiborada hat es sich zum Ziel gesetzt, jeden Tag dieses Jubiläumsjahres eine Person in der nachgebauten Wiborada-Zelle bei der Kirche St.Mangen willkommen zu heissen.
Die heutige Wiborada-Zelle beschreibt Mathias Gabathuler als überraschend gemütlich. Schon bei seiner Ankunft wurde er mit einem warmen Ofen empfangen, sodass eine sehr angenehme Atmosphäre herrschte: «Es fühlte sich an, als käme man in einen sicheren Hafen.» Wer den kleinen Raum betritt, findet ein Logbuch mit einer kurzen Anleitung und Informationen zum Aufenthalt. Durch das Fenster zur Kirchgasse kann man während bestimmter Zeiten Besuch empfangen. Mathias Gabathuler nutzte diese Möglichkeit und führte mit vier Personen angenehme Gespräche. Dem Logbuch, in dem die Besuche dokumentiert werden, entnahm er, dass eine Person, die wenige Tage vor ihm in der Zelle war, nicht weniger als 22 Besuche empfing. «Das erschien mir dann doch etwas viel, wenn man bedenkt, dass der Rückzug und das Sein mit sich selbst eigentlich im Fokus stehen», sagt der Stadtrat. Er war froh, dass bei ihm nicht im 20-Minuten-Takt Besucherinnen oder Besucher vorbeischauten.
Ein geschützter Raum – wie in einer Eishöhle
Eine vergleichbare Situation zum Aufenthalt auf kleinem Raum erlebt Mathias Gabathuler jeweils, wenn er als Bergsteiger unterwegs ist und in Iglus oder Eishöhlen übernachtet. Auch da sei man abgeschirmt vom Geschehen und höre nichts von draussen. Wenn die Eishöhle jedoch richtig gebaut sei, sei das kein unangenehmes Gefühl. Auch in der Wiborada-Zelle hat der Stadtrat sich entsprechend wohl und aufgehoben gefühlt.
Mathias Gabathuler hatte sich im Vorfeld gut überlegt, welche Gegenstände er in die Wiborada-Zelle mitbringt, um sich die Zeit zu vertreiben. Er gesteht, dass dazu auch sein Laptop gehörte, weil er am Morgen seines Wiborada-Tags noch arbeiten wollte. «Das ist natürlich meinem Job geschuldet», sagt er mit einem entschuldigenden Lächeln. Ab dem Mittag liess er die Arbeit jedoch ruhen – und gab sich dem besinnlichen Gefühl hin, sich in einem kirchlichen Umfeld und auf heiligem Boden zu befinden. Diese spezielle Stimmung wollte er nutzen, um sich in diesem geschützten Raum seinen Gedanken zu widmen. Er hatte ein sehr persönliches Tagebuch mitgebracht – jenes, das er und seine Frau führten, als ihre Tochter im Spital lag. Darin zu lesen fiel ihm nicht leicht. In der geschützten Atmosphäre der Zelle schien es ihm jedoch möglich.
Auch Langeweile hat ihren Wert. Gedanken werden angeregt und es kann etwas Neues entstehen.
Zeit für Ruhe und Reflexion einplanen
Wenn Mathias Gabathuler noch einmal einen Tag in der Wiborada-Zelle verbringen könnte, würde er seinen Tag besser planen, den Laptop zuhause lassen und an diesem Tag keine beruflichen Verpflichtungen eingehen. «Es war wie ein Sprung von einer Welt in die andere – vom Trubel ins Alleinsein und wieder zurück.» Sein Erlebnis hätte tiefgründiger sein können, wenn er auch davor und danach Zeit für Ruhe und Reflexion eingeplant hätte.
Wiborada liess sich bei der um 898 erbauten Kirche auf Lebenszeit in eine Zelle einmauern, wo sie im Jahr 926 einen Märtyrertod starb. Sie weigerte sich, mit den anderen Schwestern vor den Ungarn (Serie von kriegerischen Auseinandersetzungen im Jahre 899) zu fliehen. Nur so konnte sie den Klosterschatz und die Bücher des Klosters St.Gallen retten. Durch ein kleines Fenster in ihrer Zelle pflegte sie den Kontakt mit den Menschen in der Stadt, die sich bei ihr Rat für die verschiedensten Probleme holten. Sie wussten: Wiborada war immer da und man konnte sie jederzeit besuchen und das Gespräch suchen. Der Name Wiborada wird vom althochdeutschen Wort «Wiberat» abgeleitet. Vermutlich setzt es sich zusammen aus wîb (Weib/Frau) und rât (Rat/Ratgeber/Hilfe) zusammen. Sinngemäss kann es als "Ratgeberin" oder "Frau, die hilft" interpretiert werden.
Nichtsdestotrotz zieht der Stadtrat ein positives Fazit. Er verliess die Zelle zufrieden und mit «Lust auf mehr solcher Ruhemomente». Gerade in unserem durchgetakteten Alltag sei es wichtig, bewusst innezuhalten, sagt er. Diese Erfahrung würde er allen empfehlen, auch jungen Leuten. Es tue gut, in die Ruhe oder Stille zu gehen. Auch Langeweile habe ihren Wert: «Gedanken werden angeregt und es kann etwas Neues entstehen.»
Auch Stadtpräsidentin Maria Pappa wird einen Tag in der Wiborada-Zelle verbringen. Einen Ausblick auf ihren Aufenthalt im Juni gibt sie im Interview:
