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Ein Tag in der Wiborada-Zelle: Vom Trubel in die Stille

Ein kleiner Raum, ein Fenster zur Kirchgasse – und viel Zeit mit sich selbst. Stadtrat Mathias Gabathuler verbrachte einen Tag in der Wiborada-Zelle. Die ungewohnte Stille bot ihm die seltene Gelegenheit, innezuhalten. Eine Erfahrung, aus der er mehr mitnahm, als er erwartet hatte.

 
Wiborada-Jubiläum

Das Jahr 2026 steht ganz im Zeichen von Wiborada. Sie gilt als erste päpstlich heiliggesprochene Frau und lebte als Inklusin in der ältesten Kirche St.Gallens. Dieses Jahr feiert die Stadt den 1100. Geburtstag der Heiligen. Höhepunkt ist der 2. Mai – der Wiborada-Tag und zugleich ihr Todestag –, an dem ein Fest stattfindet. Der Verein Wiborada hat es sich zum Ziel gesetzt, jeden Tag dieses Jubiläumsjahres eine Person in der nachgebauten Wiborada-Zelle bei der Kirche St.Mangen willkommen zu heissen.

Die heutige Wiborada-Zelle beschreibt Mathias Gabathuler als überraschend gemütlich. Schon bei seiner Ankunft wurde er mit einem warmen Ofen empfangen, sodass eine sehr angenehme Atmosphäre herrschte: «Es fühlte sich an, als käme man in einen sicheren Hafen.» Wer den kleinen Raum betritt, findet ein Logbuch mit einer kurzen Anleitung und Informationen zum Aufenthalt. Durch das Fenster zur Kirchgasse kann man während bestimmter Zeiten Besuch empfangen. Mathias Gabathuler nutzte diese Möglichkeit und führte mit vier Personen angenehme Gespräche. Dem Logbuch, in dem die Besuche dokumentiert werden, entnahm er, dass eine Person, die wenige Tage vor ihm in der Zelle war, nicht weniger als 22 Besuche empfing. «Das erschien mir dann doch etwas viel, wenn man bedenkt, dass der Rückzug und das Sein mit sich selbst eigentlich im Fokus stehen», sagt der Stadtrat. Er war froh, dass bei ihm nicht im 20-Minuten-Takt Besucherinnen oder Besucher vorbeischauten.

Auch Langeweile hat ihren Wert. Gedanken werden angeregt und es kann etwas Neues entstehen.

 
Mathias Gabathuler, Stadtrat Direkton Bildung und Freizeit
Wiborada und ihr Märtyrertod

Wiborada liess sich bei der um 898 erbauten Kirche auf Lebenszeit in eine Zelle einmauern, wo sie im Jahr 926 einen Märtyrertod starb. Sie weigerte sich, mit den anderen Schwestern vor den Ungarn (Serie von kriegerischen Auseinandersetzungen im Jahre 899) zu fliehen. Nur so konnte sie den Klosterschatz und die Bücher des Klosters St.Gallen retten. Durch ein kleines Fenster in ihrer Zelle pflegte sie den Kontakt mit den Menschen in der Stadt, die sich bei ihr Rat für die verschiedensten Probleme holten. Sie wussten: Wiborada war immer da und man konnte sie jederzeit besuchen und das Gespräch suchen. Der Name Wiborada wird vom althochdeutschen Wort «Wiberat» abgeleitet. Vermutlich setzt es sich zusammen aus wîb (Weib/Frau) und rât (Rat/Ratgeber/Hilfe) zusammen. Sinngemäss kann es als "Ratgeberin" oder "Frau, die hilft" interpretiert werden.

Nichtsdestotrotz zieht der Stadtrat ein positives Fazit. Er verliess die Zelle zufrieden und mit «Lust auf mehr solcher Ruhemomente». Gerade in unserem durchgetakteten Alltag sei es wichtig, bewusst innezuhalten, sagt er. Diese Erfahrung würde er allen empfehlen, auch jungen Leuten. Es tue gut, in die Ruhe oder Stille zu gehen. Auch Langeweile habe ihren Wert: «Gedanken werden angeregt und es kann etwas Neues entstehen.»

Text: Anina Schilter

Auch Stadtpräsidentin Maria Pappa wird einen Tag in der Wiborada-Zelle verbringen. Einen Ausblick auf ihren Aufenthalt im Juni gibt sie im Interview: