Peter Stäger, Sie arbeiten seit vielen Jahren bei den St.Galler Stadtwerken. Was hat sich in der Stromversorgung während dieser Zeit verändert?
Peter Stäger: Wie in anderen Branchen hat auch im Stromnetz in den letzten Jahrzehnten die technische Komplexität durch Einsatz von Elektronik und Informatik zugenommen. So zum Beispiel bei der Netzschutz- und Steuerungstechnik unserer Anlagen. Auch Planungen im Netzbau und die Dokumentation unserer Anlagen erfolgen heute mittels Softwarelösungen. Damit ist der Arbeitsalltag unserer Mitarbeitenden fachlich breiter, anspruchsvoller, aber auch interessanter geworden.
Gab es dabei besondere Meilensteine oder Leuchtturmprojekte?
Peter Stäger: Ein grosses Projekt aus Sicht des Stromnetzes war der Umbau unserer innerstädtischen Hochspannungsleitungen von 50'000 auf 110'000 Volt in den 1990er-Jahren. Diese Spannungserhöhung wurde notwendig, weil immer mehr Verbraucher an das Stromnetz angeschlossen wurden und sonst nicht genügend Energie über das Netz hätte zur Verfügung gestellt werden können. Zudem wurde im Jahr 1997 mit dem Bau des neuen Unterwerks Schochengasse ein wichtiges zusätzliches Netzelement zur Sicherstellung der Stromversorgung fertiggestellt.
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie auf die letzten 125 Jahre zurückblicken?
Peter Stäger: Am Stromnetz haben in den letzten 125 Jahren ganze Generationen von Mitarbeitenden und Partnern der St.Galler Stadtwerke mitgewirkt. Die grösste Leistung war, dass es immer gelungen ist, die nötigen Erneuerungen von Anlagen und den technischen Fortschritt im Stromnetz sicherzustellen. Dadurch konnte die St.Galler Bevölkerung stets eine höchst zuverlässige Stromversorgung nutzen. Der Netzausbau bedarf dabei einer laufenden und kontinuierlichen Weiterentwicklung und ist mit einem generationenübergreifenden Staffellauf vergleichbar. Verpassen wir eine Entwicklung, muss es die nächste Generation mit grossem Aufwand nachholen, arbeiten wir jedoch kompetent und vorausschauend, profitiert die künftige Generation davon.
Am 17. September 2022 findet der Jubiläumsanlass «125 Jahre Strom in St.Gallen» an der Steinachstrasse 47–49 statt. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher vor Ort?
Peter Stäger: Unsere Rundgänge zeigen die unglaubliche Vielfältigkeit der Aufgaben, welche zur Stromversorgung gehören. Die Besucherinnen und Besucher erfahren viel über unsere Anlagen und eingesetzten Arbeitsmittel. Am meisten freue ich mich auf die persönlichen Kontakte zwischen den Besucherinnen und Besuchern und unseren Mitarbeitenden. Dadurch lernen die Kundinnen und Kunden nicht nur die Technik und Anlagen kennen, sondern auch die Menschen, welche sich im Hintergrund tagtäglich für die Sicherstellung der Stromversorgung engagieren.
Ironie des Schicksals: Die St.Galler Stadtwerke feiern «125 Jahre Strom in St.Gallen» und wir stehen womöglich vor einer Energiemangellage. Verdirbt Ihnen das nicht die Feierlaune?
Peter Stäger: Nein, die aktuell anspruchsvolle Situation verhindert sicher nicht, dass wir mit Stolz die Vergangenheit würdigen und gleichzeitig mit grosser Zuversicht die zukünftigen Herausforderungen angehen. Die laufenden Debatten bestätigen aber die Bedeutung der Stromversorgung für Bevölkerung und Wirtschaft. Ich bin überzeugt, dass wir diese schwierige Zeit erfolgreich bewältigen werden.
Der Bundesrat hat eine Energiesparkampagne lanciert: «Energie ist knapp. Verschwenden wir sie nicht.» Wo sehen die St.Galler Stadtwerke hierbei ihre Rolle?
Peter Graf: Die St.Galler Stadtwerke unterstützen die Kampagne und damit den Sparappell des Bundesrates. Denn jede eingesparte Kilowattstunde führt dazu, dass momentan weniger Wasser in den Stauseen verstromt werden muss. Wasser, das dann im Winter eingesetzt werden kann, um bedarfsgerecht Strom zu produzieren. Auf eine eigene breit angelegte Kommunikation von weiteren Spartipps verzichten die St.Galler Stadtwerke jedoch bewusst, denn die Botschaft des Bundes ist klar. Die Stadt St.Gallen muss in dieser Situation ihre Rolle als Vorbild wahrnehmen und mit gutem Beispiel vorangehen. Es muss abgeklärt werden, wo und wie Energie gespart werden kann. Ein Thema ist beispielsweise, ob die Weihnachtsbeleuchtung überhaupt aufgehängt werden sollte oder in welcher Form. Oder ob man die Raumtemperatur in den Gebäuden der Stadtverwaltung leicht reduziert. Jedes Grad weniger Raumtemperatur spart rund 6 Prozent Energie. Solche Massnahmen müssen wohl überlegt sein und ins Verhältnis gesetzt werden. Geht die Stadt mit gutem Beispiel voran, setzt sie gegenüber der Bevölkerung die richtigen Signale.
Der Stadtrat hat eine Arbeitsgruppe «Energiemangellage» beauftragt mit dem Ziel, konkrete Massnahmen zu identifizieren, die auf Stadtebene umsetzbar sind. Die entsprechenden Abklärungen laufen derzeit und erfolgen möglichst in Absprache mit anderen Städten, der Vereinigung der St.Galler Gemeindepräsidentinnen und -präsidenten (VSGP) und dem Kanton. Diese Koordination benötigt noch etwas Zeit. Es wird voraussichtlich noch vor den Herbstferien kommuniziert.
Mit welchen konkreten Herausforderungen sehen sich die St.Galler Stadtwerke in der aktuellen Situation konfrontiert?
Peter Graf: Aktuell ist die Versorgung mit Strom und Gas sichergestellt, das heisst, wir haben keine Versorgungsengpässe. Die Notwendigkeit des Sparens ist deshalb nicht offensichtlich. Wir müssen uns jedoch jetzt bereits darauf vorbereiten, dass im Winter nicht wie bisher genügend Energie vorhanden sein wird. Wenn alle einen Beitrag leisten und weniger Energie brauchen, werden wir diesen Winter gut überstehen. Dies wird nicht ohne Einschränkungen gehen, aber wir gehen davon aus, dass die Versorgung dann sichergestellt werden kann. Finanziell wird das nächste Jahr eine Herausforderung werden. Die hohen Gaskosten werden sich auf die nächste Nebenkostenabrechnung auswirken, auch die höheren Stromkosten werden nächstes Jahr spürbar sein. Die Strompreise waren bis jetzt gesichert und die neuen Preise werden erst auf den 01.01. des neuen Jahres angepasst. Die St.Galler Stadtwerke werden die Akontobeiträge erhöhen, so dass die Abweichung bei der Schussabrechnung im Rahmen bleiben wird. Zudem wird dadurch auch das Inkasso-Risiko reduziert.
Peter Stäger: Für mich ist wirklich wichtig, dass der Bevölkerung klar sein muss, dass jede gesparte Kilowattstunde dazu führt, dass die Stauseen besser gefüllt sind und es so im Winter letztlich nicht zu einer Mangellage kommt.
Der Bundesrat hat beim Gas ein Sparziel von 15 Prozent gesetzt, beim Strom hingegen nicht. In der nationalen Energiesparkampagne geht es aber auch ums Stromsparen. Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Massnahmen?
Peter Graf: Wichtig ist, dass alle Personen sich an den Massnahmen beteiligen – ein freiwilliger Verzicht des Einzelnen zu Gunsten der Allgemeinheit. Würden beispielsweise alle Personen ihre Gasheizung 2 Grad runter drehen, hätten wir schon ca. 12 Prozent des Energiebedarfs, welcher fürs Heizen eingesetzt wird, gespart. Die Unternehmen reagieren diesbezüglich relativ schnell. Sie erkennen die kritische Situation und passen ihr Marktverhalten sofort an, da die Situation insbesondere auch finanzielle Auswirkungen hat. Das Problem für die Unternehmen liegt aktuell weniger in der Energiemenge als in den hohen Energiepreisen. Denn die Kosten lassen sich nicht einfach auf ihre Produktpreise umwälzen. Auch für die Unternehmen gilt es aber unbedingt zu vermeiden, dass es zu Versorgungsunterbrüchen kommt. Dies würde einen grossen volkswirtschaftlichen Schaden nach sich ziehen. Nicht umsonst investiert der Bund viel Geld in diese Energiesparkampagne. Jeder von uns kann seinen Energiesparbeitrag leisten, damit wir diese Krise gemeinsam bewältigen.
Wie bereiten sich die St.Galler Stadtwerke auf eine mögliche Energiemangellage vor?
Peter Stäger: Als Mitglied der Organisation «OSTRAL» (Organisation Stromversorgung und ausserordentlichen Lagen) erhalten die St.Galler Stadtwerke Informationen direkt aus dem Bundesrat und könnten bei einer allfälligen Strommangellage die Aufträge des Bundesrates auf unterster Stufe durchführen, zum Beispiel bei grossen Kunden mögliche Stromkontingentierungen begleiten oder Netzabschaltungen vornehmen.
Peter Graf: Auf der Netzseite ist die Einflussnahme nur beschränkt möglich, auf der Energieseite sieht es ähnlich aus. Wir haben genügend Energie eingekauft und hoffen jetzt, dass auch genügend Energie produziert werden kann. In den letzten Jahrzehnten war immer genügend Energie vorhanden. Man konzentrierte sich darauf, dass die Produktionen liefen und dass die Energie sukzessive ökologisiert werden konnte. Der Aufbau von Windenergie und Photovoltaik benötigt jedoch eine gewisse Zeit. Es ist ein kontinuierlicher Prozess und es wird noch viele Jahre dauern, bis wir unseren Bedarf mit erneuerbaren Energien vollständig decken können. Die Kohle- und Kernkraftwerke werden erst überflüssig, wenn wir genügend andere Kapazitäten aufgebaut haben. Wir können die Vergangenheit nicht verändern, jedoch können wir uns um die Zukunft kümmern.
Welche Entwicklungen stehen in der städtischen Stromversorgung in Zukunft an? Was sind Herausforderungen und Chancen?
Peter Stäger: Aus Sicht des Stromnetzes gibt es zwei grosse Herausforderungen: Zum einen werden wir ab 2024 mit dem Austausch aller mechanischen Zähler beginnen und bis 2027 bei Haushalten und Unternehmen 80 Prozent dieser Zähler ersetzen, also rund 45'000 neue digitale Smart Meter installieren. Damit werden wir die Vorgaben des Bundes aus der Energiestrategie 2050 erfüllen.
Die zweite, grosse Herausforderung entsteht aktuell durch die Entwicklung der E-Mobilität und dem Zuwachs an Wärmepumpen. Unsere Schätzungen gehen davon aus, dass sich die elektrische Spitzenleistung des städtischen Netzes von heute 95 Megawatt bis 2050 auf 190 Megawatt verdoppeln wird. Um diese Last zu bewältigen, müssen die Stadtwerke viele Kabel und Transformatoren verstärken. Die Kosten dieses Ausbaus können reduziert werden, wenn es gelingt, Lastspitzen zu «glätten». Dies kann durch tarifliche Anreize für ein netzdienliches Verhalten von Verbrauchern als auch durch temporäre Abregelung von beispielsweise E-Ladestationen erreicht werden. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, brauchen die Stadtwerke sowohl zusätzliche finanzielle wie auch personelle Ressourcen.
Peter Graf: In der Stromversorgung wird es in den nächsten Jahren einen grundlegenden Wechsel geben: Von der Verteilung der Energie aus den zentralen Kraftwerken hin zu einer dezentral auslegten Stromversorgung, insbesondere Photovoltaik. Dies verändert die ganzen Energieflusswirkungen. Das heutige System mit wenigen, grossen Kraftwerken, welche den Strom einspeisen, hin zu einer Situation, in welcher viele kleinere Energieproduzenten Strom produzieren, an gewissen Tagen sogar sehr viel mehr als wir überhaupt benötigen. Dies wird unter anderem grosse Auswirkungen auf das Preissystem haben.
Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Hand aufs Herz, wo verbrauchen Sie zu Hause am meisten Strom?
Peter Stäger: Da ich ein Elektroauto fahre, brauche ich aktuell natürlich sehr viel Strom für die Mobilität. Diesen produziere ich aber zu einem grossen Teil mit einer eigenen PV-Anlage auf meinem Dach.
Und was unternehmen Sie persönlich, um Ihren Energieverbrauch zu minimieren?
Peter Graf: Ich versuche die Wege möglichst oft mit dem Velo zu fahren und im Hinblick auf den Winter, schauen wir, dass wir die Heizung um 1 bis 2 Grad runterstellen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
