Ausgabe 3-22 | September 2022
Wir leben seit mehr als zwei Jahren in einem Krisenmodus. Zunächst galt es, die Covid-19-Pandemie zu bewältigen. Daran hat sich fast nahtlos der Ukraine-Krieg angeschlossen. Ein Ende dieses schrecklichen Kriegs ist derzeit leider nicht absehbar. So droht als Folge davon gegen den Herbst und Winter in der Schweiz eine Energieknappheit, womöglich zusammen mit einem Wiederauftreten der Pandemie.
Dass sich uns in dieser schwierigen Zeit Fragen stellen und Unsicherheit auftaucht, ist verständlich. Wie viele Menschen aus der Ukraine werden noch in die Schweiz bzw. in die Stadt St.Gallen kommen? Wie lange dauert der Krieg noch? Werden die Geflüchteten in ihr Heimatland zurückkehren können? Wie hoch werden meine Energiekosten in den Wintermonaten sein? Ist die Energieversorgung in der Schweiz und in der Stadt St.Gallen gewährleistet? Wie würde ein Wiederauftreten der Covid-19-Pandemie unseren Alltag im Winter beeinflussen?
Wir Menschen streben im Allgemeinen nach Gewissheit. Es passiert etwas mit uns, wenn wir Zeiten wie diese erleben, die ein hohes Mass an Ungewissheit verursachen. Solidarität ist ein gutes «Gegengift». Wenn wir anderen helfen können, gibt uns das ein gutes Gefühl. Die Welle von Solidarität gegenüber den Ukrainerinnen und Ukrainern auch in unserer Stadt ist beeindruckend. Viele Private nehmen geflüchtete Menschen bei sich auf und unterstützen sie, hier in St.Gallen anzukommen. Wir spenden Geld und Sachwerte, aber auch Zeit. Es ist schön, das zu sehen!
Der Stadtrat hat im März als Soforthilfe CHF 100'000 an das Schweizerische Rote Kreuz gespendet und eine Taskforce zur Bewältigung der Flüchtlings-Welle gebildet. Die Stadt St.Gallen ist aufgrund des Verteilschlüssels verpflichtet, 0,9 Prozent aller Geflüchteten, die in die Schweiz kommen, aufzunehmen. Bis heute sind bereits mehr als 60'000 Personen aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet. In unserer Stadt sind schon über 500 eingetroffen und untergebracht worden. Die Situation ist geprägt von hoher Dynamik, Fragilität und einem anspruchsvollen Zusammenspiel der drei Staatsebenen Bund, Kantone und Gemeinden. Es ist Aufgabe der Dienststelle Soziale Dienste, die Existenz der schutzsuchenden Menschen zu sichern, ihnen Wohnraum, Gesundheitsversorgung, Bildung und Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen.
Hinter jeder geflüchteten Person steht ein menschliches Schicksal. Ich bin deshalb sehr dankbar für die grosse Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung sowie die Leistungen, welche die gesamte Stadtverwaltung nebst den weiterlaufenden übrigen Geschäften zugunsten der geflüchteten Menschen erbringt. Gerne empfehle ich Ihnen das Themendossier Ukraine im aktuellen Stadtspiegel zur Lektüre. Die Redaktion hat mit einigen Mitarbeitenden gesprochen – zum Beispiel mit Alina Tsyba, die ihre Heimat vor einem halben Jahr verlassen hat und heute als Dolmetscherin bei den Sozialen Diensten St.Gallen arbeitet. Wann sie wieder in die Ukraine zurückkehren wird, ist noch ungewiss.
Während meiner Zeit am Gymnasium bin ich zweimal in die Ukraine gereist, für einen Russisch-Austausch und für eine vierwöchige Rundreise mit ukrainischen Kolleginnen. Ich habe viele schöne Erinnerungen an diese Zeit. Gleichzeitig habe ich damals aber auch erfahren, wie herausfordernd das Leben für meine gleichaltrigen Gastgeberinnen war. Sie hatten kein Vertrauen in den Staat und kaum Perspektiven. Viele wollten auswandern. In der Zwischenzeit ist in ihrem Heimatland viel geschehen. Jene, die geblieben sind, sind nun stolz auf ihr Land. Sie wollen bleiben, trotz des Krieges, und kämpfen um ihre Heimat.
Der Krieg in der Ukraine stellt vieles infrage, was bisher in Europa – zumindest für meine Generation – als sicher gegolten hat, allem voran die Demokratie und die Sicherheit der Energieversorgung. Fossile Energie und ein Atomkraftwerk werden als Waffen ausgespielt. Abhängigkeit von importiertem Öl und Gas ist innert weniger Monate zu einem ernsten Problem geworden. Dass wir gestern nicht stärker Solar- und Windenergie forciert haben, macht uns heute erpressbar.
Der Krieg in der Ukraine führt uns deutlich vor Augen, dass Schweizer Werte wie eine direkte Demokratie, Neutralität, Frieden und Sicherheit keine Selbstverständlichkeit sind. Wir müssen für diese Werte einstehen, sie bewahren, aber wo nötig auch weiterentwickeln. Und dass wir eine unserer aktuell grössten Herausforderungen, die Abhängigkeit von fossiler Energie, zügiger angehen müssen.
Sonja Lüthi
Stadträtin, Direktion Soziales und Sicherheit
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