Monika Dorner, wie viele ukrainische Kinder und Jugendliche besuchen aktuell eine städtische Schule oder einen Kindergarten?
Aktuell sind es 110 Kinder und Jugendliche, davon besuchen 37 die Oberstufe und 73 den Kindergarten oder die Primarstufe. Im Osten der Stadt sind es etwas mehr Kinder, da hier – auch aufgrund der Gemeinschaftsunterkunft Riederenholz – mehr Familien aus der Ukraine leben. Die Kinder und Jugendlichen werden in Regelklassen integriert. Wir achten darauf, dass es möglichst zwei Kinder in derselben Klasse sind: Das gibt ihnen Sicherheit.
Als im vergangenen Frühjahr in der Ukraine der Krieg ausgebrochen war, mussten sich die Schulen innert kürzester Zeit auf viele geflüchtete Kinder und Jugendliche einstellen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Wir haben diese Herausforderungen unaufgeregt angepackt. In der Direktion Bildung und Freizeit wurde sofort ein Führungsstab gegründet. In der Dienststelle Schule und Musik haben wir uns ebenfalls zusammengetan und eine Arbeitsgruppe mit den Schulleitungen einberufen. Wir waren uns schnell einig, dass wir einen integrativen Ansatz wählen und uns auf bewährte Förderung «Deutsch als Zweitsprache» stützen. So hatten wir rasch ein Konzept zur Integration der geflüchteten Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine bereit.
Und wie hat sich dieses Konzept bis jetzt bewährt?
Unsere Zwischenbilanz ist positiv. Die Ukraine-Sitzungen der Dienststelle mit den Schulleitungen, die anfangs zweiwöchentlich einberufen wurden, finden aktuell nur noch monatlich statt. Der letzte Austausch hat nur eine Viertelstunde gedauert. Das zeigt: Wir sind gut eingespielt und können auf den vorhandenen Ressourcen aufbauen. Das bestehende Förderangebot «Deutsch als Zweitsprache» konnten wir gut hochfahren. Ein weiteres Glück ist, dass wir auf die Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule St.Gallen zählen können. Im Rahmen des Projekts Accompagna neues Fenster erhalten Lehrpersonen bei Bedarf Unterstützung von Studierenden. Von diesem Angebot wird rege Gebrauch gemacht. Die Lehrpersonen haben sehr flexibel auf die Krisensituation reagiert. An dieser Stelle geht ein grosses Dankeschön an alle Lehrerinnen und Lehrer.
Wie geht es den Lehrpersonen?
Wir nehmen die Stimmung in den Schulhäusern als gut wahr. Uns ist bewusst, dass die Anstrengungen für die Lehrerinnen und Lehrer bereits in der Coronapandemie sehr gross waren. Mit der Situation in der Ukraine sind wir nahtlos in neue Herausforderungen hineingerutscht, die viel Zeit und Energie kosten. Als Dienststelle ist es uns wichtig, auf allen Ebenen Unterstützung anzubieten. Wir möchten den Lehrpersonen den Rücken stärken und einen gewissen Druck wegnehmen: Der Integrations-Prozess muss nicht von heute auf morgen gelingen und es werden keine Erfolgsgeschichten verlangt. Wir dürfen allen Beteiligten im Prozess Zeit lassen und die Kinder und Familien können in Ruhe ankommen.
Welche Erfahrungen haben die städtischen Schulen und Kindergärten bislang mit der Integration der Kinder aus der Ukraine gemacht?
Ich bin immer wieder froh, von den Schulleitungen zu hören, wie unaufgeregt die Integration der ukrainischen Kinder und Jugendlichen klappt. Die Schulkinder werden von den Gspänli gut aufgenommen, sie sind motiviert und bringen sich ein. Man darf nicht vergessen, dass es für die Lehrpersonen und Schulklassen schon vor dem Ukraine-Krieg zum Alltag gehört hat, zugewanderte Kinder in den Unterricht zu integrieren. Die Erfahrung zeigt, dass «Deutsch als Fremdsprache» der Dreh- und Angelpunkt einer erfolgreichen Integration ist. Dank diesem Förderangebot ist Konversation schnell möglich. Mit Tablets und Übersetzungsprogrammen lassen sich Hürden überwinden.
Was läuft schwierig?
Es gibt einzelne Fälle von auffälligen Kindern. Wenn zum Beispiel eine Lernbeeinträchtigung und eine Überforderung aufgrund der sprachlichen Situation zusammenkommen, ist das eine grosse Herausforderung für das Kind und für die Lehrperson. Auch traumatische Fluchterfahrungen können Grund für auffälliges Verhalten sein. Hier müssen wir sorgfältig beobachten, wie es den Kindern geht und auch auf stumme Hilfesignale achten. Auch beim Thema Traumatisierung wissen die Lehrpersonen, dass sie nicht alleine sind. Die Fachstelle Schulsozialarbeit und der Schulpsychologische Dienst bieten Hand.
Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wie schätzen Sie die Situation in den kommenden Monaten ein?
Wir haben aktuell eine angespannte Situation in der Oberstufe. Die Klassen der ersten Stufe sind voll, wir haben bald keine Kapazitäten mehr. Es hat noch Platz für wenige Kinder, danach sind wir am oberen Limit der Klassengrösse angelangt. Wir wissen nicht, was uns im kommenden Herbst erwartet. Das hängt vom Kriegsgeschehen in der Ukraine ab. Gleichzeitig sind wir in der Schweiz mit einem ausgeprägten Lehrkräftemangel konfrontiert. Obwohl wir in St.Gallen derzeit zum Glück alle Stellen besetzt haben, wäre eine weitere Flüchtlingswelle eine Herausforderung. Wir bereiten uns jetzt auf verschiedene Szenarien vor, erarbeiten Ideen und besprechen mögliche Lösungen mit den Schulleitungen.
